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Eine Patientin liegt in einem Krankenbett, am rechten Rand steht unschaft ein Arzt

Patientenrechte werden gestärkt Neues Ärzte-Gelöbnis

Von Ulrike Till

Der Weltärztebund hat die Stimme der Patienten gestärkt. In seinem neuen Ärzte-Gelöbnis, dem Nachfolger des hippokratischen Eides, wird viel Gewicht auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Patienten gelegt. Ihre Autonomie und Würde sollen Ärzte in Zukunft stärker respektieren- auch wenn das zeitaufwendige Diskussionen hervorruft.

Neuformulierung des Genfer Gelöbnis

Zwei Jahre hat ein internationales Gremium unter der Leitung der deutschen Bundesärztekammer an der Neuformulierung des Genfer Gelöbnis gearbeitet – herausgekommen sind weitreichenden Änderungen.

Moralischer Kompass für Ärzte

Das Genfer Gelöbnis ist kein juristisches Werk, die 14 Artikel sind keine Gesetze. Aber sie sind ein moralischer Kompass für Ärzte – deshalb sind sie in Deutschland als Präambel auch Teil der ärztlichen Berufsordnung. Damit ist die moderne Version des hippokratischen Eids viel mehr als eine Sammlung hehrer Vorsätze. Es ist eine Leitschnur für ethisch richtiges Praktizieren – und da spielt der Patient plötzlich eine viel wichtigere Rolle als in allen früheren Fassungen.

Patienten haben eine Stimme

„Ich werde die Autonomie und Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.“ Dieser Satz ist neu im Ärzte-Gelöbnis. Die Aussage klingt selbstverständlich, aber sie wirft althergebrachte Konzepte über den Haufen: lange waren Ärzte Halbgötter in Weiß, denen sich Patienten kritiklos anvertrauten. Jetzt haben auch die Kranken selbst eine Stimme, die es zu hören gilt.

Ein Arzt sitzt an einem Tisch, ihm gegenüber eine Frau, von der nur die Hände sichtbar sind.

Ärzte müssen teilweise auch mit Patienten diskutieren

Diskussionen – auch wenn sie Zeit kosten

Und zwar auch dann, wenn die Therapievorschläge ablehnen oder wenn sie sich gegen lebensverlängernde Maßnahmen entscheiden. Autonomie und Würde, dass beides explizit erwähnt wird, stärkt auch die Bedeutung von Patientenverfügungen. Selbst dann, wenn diese juristisch vielleicht nicht hieb- und stichfest sind. Die Aufwertung der Patientenposition heißt auch, dass Ärzte bereit sein müssen, mit Kranken zu diskutieren – auch wenn das Zeit kostet und im Klinikalltag manchmal stören mag. In einem weiteren neuen Artikel wird das nochmals ausdrücklich betont.

Wohlbefinden des Patienten wird gestärkt

„Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle meiner Patientinnen und Patienten und zur Förderung des Gesundheitswesens teilen.“ Also keine Entscheidungen im stillen Kämmerlein. Eine weitere wichtige Neuerung steckt in einem einzigen neu hinzugefügten Wort: „Die Gesundheit und das Wohlbefinden meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein.“

Ein Arzt und eine Krankenschwester stehen am Krankenbett einer Frau

Lebensqualität ist genauso wichtig wie Lebensverlängerung

Neu ist der Hinweis auf das Wohlbefinden – eine wegweisende Ergänzung. Denn gerade bei schwerkranken Tumorpatienten sind Gesundheit und Wohlbefinden oft keineswegs identisch: Immer wieder bekommen Sterbenskranke belastende Therapien verordnet, die ihr Leben höchstens ein paar Wochen verlängern, aber extrem belastende Nebenwirkungen mit sich bringen.

Lebensqualität ist wichtig

Lebensqualität ist genauso wichtig wie Lebensverlängerung – wenn der Patient es wünscht, ist das Wohlbefinden sogar wichtiger. Genau das hält das überarbeitete Genfer Gelöbnis Ärzten vor Augen. Erstmals enthält der Eid auch einen Passus über die Mediziner selbst: „Ich werde meine eigene Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Kenntnisse pflegen, um eine medizinische Versorgung auf höchstem Niveau leisten zu können.“

Im Präperiersaal der Medizinischen Fakultät der Uni Greifswald lernen Studenten an einem Leichnam

Ärzte werden indirekt zu ständiger Weiterbildung aufgefordert.

Mehr Menschlichkeit und Respekt

Ärzte sollen also selbst gesund leben – das ist auch ein versteckter Seitenhieb auf überlange Dienste in vielen Kliniken. Sie machen Mediziner krank und schaden den Patienten. Außerdem steckt in dem harmlos klingenden Satz die Aufforderung zu ständiger Weiterbildung, auch das ist eine wichtige Neuerung. In der Summe bedeuten alle Änderungen ein grundsätzliches Umdenken in der Medizin: für mehr Menschlichkeit und mehr Respekt im Umgang mit Patienten. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Ärztinnen und Ärzte sich das als Richtschnur im Alltag zu Herzen nehmen.