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CRISPR/Cas Moratorium für Eingriffe in die Keimbahn

Mit der Methode CRISPR/Cas lassen sich krankmachende Gene gezielt ausschalten - der Einsatz beim Menschen ist aber sehr umstritten. Die Nachricht von den ersten genveränderten Babies in China hatte zuletzt für Empörung gesorgt. Nun fordern internationale Fachleute ein Moratorium für solche Eingriffe. Der SWR-Medizinredakteurin Ulrike Till geht der Aufruf nicht weit genug – ein Kommentar.

18 weltweit anerkannte Experten haben den Aufruf in der Fachzeitschrift Nature unterzeichnet - auch Emmanuelle Charpentier, eine der Entdeckerinnen der Genschere CRISPR/Cas. Dass sie gemeinsam mit Fachkollegen ein Moratorium für Eingriffe in die Keimbahn fordert, ist ein wichtiges Signal. Und: Es kommt genau zur richtigen Zeit.

Doch es ist fraglich, ob und vor allem wie sich tatsächlich ein internationaler Konsens erreichen lässt. Denn der Appell für ein Moratorium setzt auf freiwillige Entscheidungen einzelner Nationen. Zudem geht es keinesfalls um einen dauerhaften, weltweiten Bann von genetischen Manipulationen der Keimbahn.

Nach fünf Jahren sollen wesentliche Fragen geklärt sein

Nein, mit Moratorium meinen die Autoren des Aufrufs nur einen zeitlich befristeten Stopp klinischer Anwendungen beim Menschen. Weitere Forschung soll erlaubt bleiben – solange kein genmanipulierter Embryo in eine Gebärmutter eingepflanzt wird.

Nach rund fünf Jahren, so die Schätzung der Wissenschaftler, könnten dann wesentliche Fragen zur Sicherheit und Wirksamkeit gezielter Eingriffe ins Erbgut geklärt sein. Doch selbst wenn man in einigen Jahren mehr über die möglichen Folgen von Eingriffen in die Keimbahn weiß: ethisch vertretbar sind sie damit noch lange nicht.

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CRISPR/Cas erlaubt eine relativ einfache Veränderung des Erbguts. In der Keimbahn würden diese Veränderungen an die nächste Generation weitergegeben.

Der Umgang mit CRISPR/Cas als „Menschheitsfrage"

Darauf verweist auch die deutsche Ethikerin Christiane Woopen in einer Stellungnahme. Aus ihrer Sicht geht es um eine Menschheitsfrage. Das sind große Worte, aber bei diesem Thema sind sie berechtigt: Schließlich vererben sich Genmanipulationen am Embryo über Generationen – inklusive unerwünschter Nebenwirkungen. Das ist auch den Autoren des Appells in Nature bewusst. Dennoch bleiben ihre Forderungen in entscheidenden Punkten merkwürdig schwammig.

Nach Ablauf des Moratoriums soll jede Nation selbst entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen Eingriffe in die Keimbahn erlaubt sind. Entscheidende Voraussetzung soll ein breiter gesellschaftlicher Konsens über die Entscheidung sein.

Wie kann ein freiwilliges Moratorium umgesetzt werden?

Dieser Konsens dürfte aber selbst in demokratischen Ländern schwer zu erreichen sein, in totalitären Regimen kann der Ansatz gar nicht funktionieren. Eine „koordinierende Institution“, zum Beispiel unter Führung der Weltgesundheitsorganisation, soll Informationen bündeln und Länder beraten. Was aber ist, wenn Nationen diese rechtlich nicht bindenden Empfehlungen schlicht ignorieren? Sanktionen sind in dem Konzept nicht vorgesehen. Der Mannheimer Experte für Medizinrecht, Jochen Taupitz, kommt daher zu dem Schluss: „Die politisch-praktische Umsetzung dürfte sehr schwierig sein.“

Um die öffentliche Debatte zu erleichtern, unterscheiden die Forscher in ihrem Appell zwischen zwei Zielrichtungen genetischer Manipulation: zum Verhindern schwerer Erbkrankheiten oder zur Verbesserung eines Embryos ohne triftigen Grund, dem sogenannten „Enhancement“. Bloßes „Enhancement“ dürfte derzeit wohl kaum auf breite Zustimmung stoßen, davon sind die Forscher überzeugt.

Nur wenige Paare würden profitieren

Bleibt als mögliches Einsatzgebiet von CRISPR/Cas der Schutz vor lebensgefährlichen Erbkrankheiten. Ausführlich erklären die Wissenschaftler, dass davon nur eine sehr kleine Untergruppe genetisch belasteter Paare profitieren würde: nämlich nur die, bei denen jeglicher leibliche Nachwuchs vom selben Leiden betroffen wäre wie die Eltern.

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Bei den meisten Erbkrankheiten ist gar kein Einsatz von CRISPR/Cas nötig - bei einer künstlichen Befruchtung können Ärzte einen gesunden Embryo auswählen.

In allen anderen, sehr viel häufigeren Fällen, ist der Einsatz der Genschere gar nicht nötig: Ärzte können dann bei einer künstlichen Befruchtung einfach die Embryonen auswählen, die kein Krankheitsgen tragen und sich zu gesunden Babys entwickeln werden. Die Argumentation ist einleuchtend - warum ziehen die Autoren daraus dann nicht die naheliegende Konsequenz? Wenn klar ist, dass nur ganz wenige Menschen von dieser hochriskanten Art der Genmanipulation profitieren werden, spricht das aus meiner Sicht für ein dauerhaftes, globales Moratorium – und keine befristete Übergangslösung.