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Schüler streiten sich während des Unterrichts.

Hänseleien, Prügel, Stigmatisierung Mobbing in der Schule

Kein Kind ist vor Mobbing sicher. Experten sagen: Es kann auch die treffen, die gestern in der Klasse noch zu den Coolen gehört haben. Wie kann man an Schulen verhindern, dass schwächere Schüler wegen Gruppenzwang durch die Hölle gehen müssen?

Chiara ist 17 und hat letzten Sommer die Schule abgeschlossen – damit liegt ein dunkles Kapitel endlich hinter ihr. Rund fünf Jahre lang wurde sie von Mitschülern gemobbt.

So wie Chiara leiden viele Schüler an deutschen Schulen darunter, dass eine kleine Zahl von Mitschülern die Macht besitzt, sie mithilfe des Gruppenzwangs systematisch zu schikanieren.

Laut PISA-Studie wird in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler. Fast jeder zehnte 15-Jährige aus Deutschland beklagt, immer wieder Ziel von Spott und Lästereien zu sein.

Schule äußert sich nicht zu Fall

Bei Chiara wurde eine weitere Grenze überschritten, als es nicht mehr bei Worten blieb, sondern Mitschüler handgreiflich wurden. Außerdem sei sie heimlich in der Sportumkleide gefilmt worden und das Video sei auf dem Pausenhof kursiert. Ihrer damaligen Schule wirft Chiara vor, gegen das Mobbing zu wenig unternommen zu haben. Die Schule äußert sich heute nicht zum Fall Chiara.

Jugendliche sitzen in einem Unterrichtsraum. Eine Lehrkraft schreibt mit Kreide an eine Tafel.

Zu den Beteiligten zählen bei Mobbing auch und gerade die Lehrer

Doch immerhin engagierte die Schule Anti-Mobbing-Coach Peter Sommerhalter vom Karlsruher "Bündnis gegen Cybermobbing". Bei Veranstaltungen an Schulen in vielen Bundesländern informiert er Schüler über Mobbing – egal, ob es im Internet oder in der Schule auftritt. Beides lasse sich ohnehin nicht trennen, sagt der Experte.

Chiara ließ sich an ihrer damaligen Schule in Peter Sommerhalters Sprechstunde beraten – doch leider sei der Effekt nicht von Dauer gewesen, räumt der Anti-Mobbing-Coach ein.

Regeln alleine reichen nicht

Denn zu den Beteiligten zählen bei Mobbing auch und gerade die Lehrer. Ihr Verhalten entscheidet zu einem großen Teil darüber, ob es an Schulen einen Nährboden für Mobbing gibt, berichtet Anna Hassdenteufel vom Landesinstitut für Pädagogik und Medien in Saarbrücken.

Ein Schüler hebt im Unterricht die Hand

Regeln alleine reichen nicht, Lehrer müssen sie auch durchsetzen

Doch Lehrer sind nicht nur als Partei mitverantwortlich für das Klassenklima, sondern auch als Unparteiische. Das bedeutet: Sie sollten darauf achten, dass die Schüler die aufgestellten Regeln im Umgang konsequent befolgen, empfiehlt Peter Sommerhalter. Der Mobbingcoach nimmt in der Praxis oft genau das Gegenteil wahr.

Regeln alleine reichen nicht, Lehrer müssen sie auch durchsetzen. Doch was tun, wenn es trotz vorbeugender Maßnahmen zu Mobbing kommt? Zumindest am Anfang kann sich ein Schüler mit viel Glück selbst helfen und das Mobbing sozusagen im Keim ersticken.

Blockieren der Kontakte

Doch die Chancen sind gering – schließlich haben viele Mitschüler Angst davor, am Ende selbst zum Opfer zu werden. Klappt es nicht, hilft nur noch, sich an die Lehrer zu wenden, rät Anna Hassdenteufel.

In der Grundschule können noch Mediatoren helfen, also Streitschlichter im selben Alter. Bei Jugendlichen müssen Erwachsene ran, wie beispielsweise Schulsozialarbeiter. Doch je virtueller das Mobbing wird, desto unsichtbarer wird es für Erwachsene. Das Karlsruher "Bündnis" rät: Schüler sollten bei Cybermobbing so gut es geht cool bleiben, nicht antworten und die betreffenden Kontakte blockieren.

Anders dagegen bei heimlichen Videoaufnahmen von Schülern, die im Netz landen. Hier rät das "Bündnis" zu einer Anzeige bei der Polizei. Wann aus Mobbing ein Fall für die Justiz wird, das ist unter Experten umstritten. Selbst die Polizei selbst plädiert dafür, Mobbing erst schulintern zu regeln.

Ein junges Mädchen sitzt vor einem Notebook

Laut dem Ministerium in Mainz gibt es in Rheinland-Pfalz keine Landesstrategie gegen Mobbing

Wo ist das einheitliche Vorgehen?

Auch bei der Frage, ob Mobber überhaupt für ihre Taten schulisch bestraft werden sollten, sind sich die befragten Experten uneins. Anna Hassdenteufel vom Landesinstitut für Pädagogik und Medien beispielsweise will von "Bestrafung" nichts wissen.

Einig sind sich die Befragten hingegen in dem Punkt, dass es an jeder Schule ein einheitliches Vorgehen in Sachen Mobbing geben müsse. Doch muss das jede Schule in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz selbst regeln? Oder geben die Kultusministerien ihren Schulen eine Linie vor?

Das baden-württembergische Kultusministerium teilt auf SWR-Anfrage mit, dass es den Schulen im Land eine Vorschrift zum Umgang mit Mobbing erteilt habe. Außerdem sei seit rund fünf Jahren ein spezielles Konzept gegen Mobbing im Einsatz.

Hilfe weiterhin nötig

Und das Ministerium in Mainz teilt mit, es gebe in Rheinland-Pfalz zwar keine Landesstrategie gegen Mobbing. Allerdings unterstütze man die Schulen, beispielsweise in Form von Schulpsychologen, Fortbildungen für Lehrer und Präventionsangebote.

Bei der Schülerin Chiara änderte sich erst etwas, nachdem sie die Schule wechselte. Ein Schritt, von dem manche abraten, denn das sei das falsche Signal an die Mobber. Doch zumindest konnte Chiara auf diese Weise ein paar glückliche Schuljahre erleben. Auch, wenn sie das Mobbing an der vorherigen Schule noch heute beschäftigt. Sie hofft, dass Anderen in der gleichen Situation endlich geholfen wird.