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Die Silhouette eines Mannes berührt vorbei rauschende Zahlen, die einen Datenstrom darstellen sollen.

Posten, Ranken und Bewerten Verlieren wir uns im Datenrausch?

Die Gesundheitsapp zählt unsere Schritte und misst den Blutdruck. Die Psycho-App fragt unseren Gemütszustand ab, die Facebookseite dokumentiert unseren sozialen Beliebtheitsgrad. Wir posten, ranken, messen, quantifizieren und metrifizieren, was das Zeug hält. Ist das alles nur eine nette Spielerei oder verändern wir uns und unsere Gesellschaft dadurch?

Steffen Mau von der Humboldt-Universität warnt immer wieder vor den Gefahren neuer Praktiken der Protokollierung und Bewertung von Lebens- und Aktivitätsmustern: Dieser Bewertungskult führe dazu, dass wir uns Messungen unterwerfen, die früher vollkommen unwichtig waren. Früher hat, so Mau im , niemand überwacht oder gezählt, wie viel Schritte wir gegangen sind oder wie viel Stunden wir geschlafen haben.

Jetzt aber werden diese Daten nicht nur gesammelt, sondern auch vermarktet. Auf Basis der Daten und der Profile im Netz kann jetzt z.B. der soziale Status einer Person ermittelt werden.


Versicherungsbeitrag wird mit Fitnessarmband ermittelt

Andreas Bernard, Soziologe an der Leuphania-Uni in Lüneburg, ist ebenfalls ein Kritiker der Bewertungs-und Rankingkultur. Er hat für die ökonomische Verwertung von persönlichen Daten ein anschauliches Beispiel: So habe der Lebensversicherer Generali 2016 das Programm „Vitality“ ins Leben gerufen. Die Versicherten, die daran teilnehmen, erklären sich einverstanden, ein Gesundheitsarmband zu tragen und ihre Schritte zu zählen.

Mit im Boot ist auch eine Lebensmittelkette, die über das Armband darüber informiert wird, welche Lebensmittel die einzelnen Versicherten kaufen. Die auf diese Weise gesammelten Daten haben dann Einfluss auf den Preis, den jemand für eine Lebensversicherung zahlen muss. Das Ganze sei, so Bernard, nicht nur ein nettes Spiel, sondern es es gehe dabei um die Durchsetzung von Normvorstellungen mit ökonomischen Konsequenzen.

Frau mit Fitnessarmband

Activity-Tracker erfassen Daten, die auch für Versicherungen von Interesse sein können.

Leben nach Gesundheitsscores

Diese neuen Normvorstellungen sind verbunden mit diversen Imperativen: Sei gesund, steigere deine körperliche und geistige Fitness, beherzige einen rationalen Lebensstil, lasse Dich nicht gehen, esse weniger rotes Fleisch, verzichte auf Alkohol und bevorzuge den Smoothie! Mit diesen Maximen und Normvorstellungen verändere sich unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit grundlegend, so Steffen Mau.

Die Gesundheitsapps und andere Anwendungen arbeiten mit Skalen und Punktesystemen, mit Scores. Wenn man heute einen Gesundheitsscore von 550 Punkten bei einer Skala von 1000 Punkten hätte, und früher mal 750 Punkte, würde das schon einen gewissen Druck auf die Betreffenden ausüben, zumal wenn verschiedene Vergleichspersonen eine viel bessere Punktzahl erzielten. Auf diese Weise entstehe ein Wettbewerb, bei dem es nicht mehr um um den Gegensatz „krank-gesund“, sondern um die Steigerung der Attraktivität gehe, betonte Mau.

Verhaltensmedizin - Smartphone-App

Mittlerweile gibt es auch Smartphone-Apps, mit denen man den eigenen Gefühlszustand bewerten kann.

Wer krank ist, ist selber schuld

Gleichzeitig etabliert die digitale Bewertungskultur auch eine neue Auffassung von Krankheit. Danach sei der Einzelne selber schuld an seiner Erkrankung, so der Soziologe Andreas Bernard. Krankheit nicht als Schicksalsschlag, sondern als persönliches Versäumnis.

Auch soziale Gründe zählen da nicht mehr. D.h. bei diesem ganzen Bewertungs- und Steigerungskult wird die Tatsache ausgeblendet, dass Krankheit auch soziale Ursachen haben kann. So zeigen viele Studien, dass arme Menschen häufiger krank werden als gutsituierte- und dieser gesellschaftspolitische Zusammenhang fällt in der neuen Welt des Bewertens und Vermessens einfach unter den Tisch: Wer krank ist, ist eben selber daran schuld!

Arzt mit Tablet umringt von App-Symbolen

Medizinischer Fortschritt durch Apps, aber sind die Daten sicher?

Gefährlicher Reduktionismus

Langfristig gesehen führe die „Metrifizierung des Ich“ in den Bereichen Gesundheit, Bildung oder Freizeitverhalten zu einer Numerokratie, warnt Steffen Mau. Die Zahlen bestimmen unseren Wert für uns selbst und für die Gesellschaft. Stefan Selke, Soziologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften spricht im Zusammenhang mit der Quantifzierung hoch komplexer sozialer Bereiche von einem gefährlichen Reduktionismus. Statt das Ganze zu sehen, konzentrierten sich immer mehr Menschen auf die Ausschnitte der Welt, die leicht quantifizierbar und visualisierbar seien. Das führe zu einer extremen Vereinfachung.

Ökonomisch gefärbte Beziehungen

Und dazu, dass sich die Beziehungen zu anderen Menschen an Messungen persönlicher Leistungsfähigkeit statt an zwischenmenschlichen Kriterien orientieren. Punkte und Scores entscheiden darüber, ob wir besser oder schlechter als Andere sind. Wir betreiben eine Art "Kontoführung", werden quasi zu Buchhaltern unserer eigenen Leistungsfähigkeit im Vergleich zu unseren Mitmenschen.

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Liebespaar im Schatten vor Sonnenuntergang

Auch unsere Beziehungen, wir selbst und unsere Mitmenschen werden in ein Bewertungssystem eingepasst.

Drang nach Veredelung

Und warum das alles? Warum vermessen wir uns und die anderen? Der Soziologe Stefan Selke sieht die Ursache in dem Phänomen der "erschöpften Gesellschaften". Der heutige, erschöpfte Mensch suche permanent nach Verbesserungsmöglichkeiten für seinen Zustand. Gleichzeitig sei die permanente Vermessung des heutigen Menschen durch Apps und Armbänder, also die "Metrifizierung des Selbst", eine Folge des neuen, digitalen Kapitalismus, der die Bürger der Herrschaft der Daten ausliefere und diese Daten der Wettbewerbsgesellschaft zur Verfügung stelle.

Junge Frau schaut in den Spiegel

Schöner, fitter, glücklicher - die Ansprüche an uns selbst sind gewachsen. Für viele ist das eine Belastung.