Klimawandel

Sven Plöger: „Wetterextreme werden durch Klimawandel wahrscheinlicher“

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INTERVIEW
Der Metereologe Sven Plöger im Gespräch mit Ralf Caspary
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Ralf Kölbel

Überschwemmungen, Starkregen, Dürre, Tornados – extreme Wetterlagen werden durch den Klimawandel forciert. Im Interview mit SWR2 Impuls erklärt der Metereologe Sven Plöger die Zusammenhänge von Klimawandel und Extremwetter.

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Haben Unwetter und Extremwetterphänomene wirklich zugenommen, oder ist das nur eine subjektive Wahrnehmung, weil wir momentan genau draufschauen, dass was Schlimmes passiert?

Sven Plöger: Wir haben zum einen das Häufen des Extremwetters. Das ist begründet darin, dass unsere Atmosphäre wärmer ist. Eine wärmere Atmosphäre hat mehr Energie drin. Wenn mehr drin ist, kann auch in jeder Form mehr rauskommen, wenn man jetzt auch an Niederschläge denkt. Und es gibt einen interessanten Forschungszweig, das ist die Attributions- oder Zuordnungs-Forschung.

Die hat zum Beispiel für die Flutkatastrophe im Ahrtal genau ausgerechnet, dass es einen Anteil des Klimawandels am Ganzen gibt. Man hat festgestellt: Dieses Ereignis wurde durch den jetzt bestehenden Klimawandel um den Faktor 1,2 bis neun wahrscheinlicher als ohne. Wenn man jetzt 1,2 bis neun hört, wird man sagen: Ach, das ist ja eine sehr große Spanne. Das hat damit zu tun, dass Niederschlags-Physik schwierig ist und dass Statistik mit seltenen Ereignissen – Extremwetter sind immer noch seltene Ereignisse – schwierig ist. Das heißt, wenn man eine anständige Fehlerrechnung macht, kommt das raus. Doch das entscheidende ist: Der konservative Wert von 1,2, das sind 20 Prozent. Bedeutet, 20 Prozent ist es im mindesten Fall wahrscheinlicher geworden als ohne Klimawandel. Und ich glaube, diese Zahlen müssen wir uns anschauen.

In der Atmosphäre steckt mehr Energie. Diese Energie kann verschiedene Auswirkungen haben: Starkregen, Gewitter, Hagel, gleichzeitig Dürre. Stimmt das?

Sven Plöger: Vollkommen richtig. Also ganz grundsätzlich: Was steckt drin? Wir haben im Moment, um diese Erwärmung zu bekommen, seit der vorindustriellen Zeit, global 1,2 Grad im Moment. Um das zu "schaffen", haben wir 3,3 Watt pro Quadratmeter. Jetzt hat die Erdoberfläche 511 Millionen Quadratkilometer. Man kann also eine große Zahl multiplizieren, stellt fest, mehr Energie ist drin.

Erdrutsch im Stadtteil Blessem, viel Schlamm, weggespülte Autos  (Foto: IMAGO, /Reichwein)
Ganze Häuser und Autos wurden im Stadtteil Blessem in Nordrhein-Westfalen bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 weggespült. /Reichwein

Der zweite Punkt, es gibt eine Gleichung, die heißt: Clausius-Clapeyron-Gleichung. Und diese Gleichung sagt einfach: Einfach nur ein Grad Celsius mehr als Temperatur bedeutet sieben Prozent mehr Wasserdampf sind drin. Das ist also ein nichtlinearer Zusammenhang und "mehr drin" heißt eben: mehr kann freigesetzt werden.

Und Wasserdampf umgewandelt in Wasser, in Tropfen bedeutet: Starkregen. Wenn dann das Gewitter zum Beispiel sehr langsam zieht und sehr viel Regen dieser starken Form an einer Stelle, führt das zu diesem engen Nebeneinander von ganz viel Regen, zu möglicherweise benachbart weiter dauernder Trockenheit, was eben auch von der Prognose schwierig ist.

Hitzewellen, wenn die Hochs und Tiefs – das beobachten wir – sehr viel langsamer ziehen als früher, dann ist klar: 2018/19/20 gab es immer wieder die langanhaltend liegenden Hochs. Dürre, Hitze, 2018/19/20 war es drei Jahre nacheinander zu trocken, gab es immer noch Regen-Defizite, insbesondere im Osten Deutschlands. Wir haben eine unglaubliche lang anhaltende Trockenheit.

Wenn man sich die Modellrechnungen anschaut, dann würde bei wenig Erfolg beim Klimaschutz also zum Beispiel drei Grad globaler Temperaturanstieg, eine zehnjährige Dürre in der Mitte Europas gewöhnlich. Die Dreijährige ist der Ausnahmefall und das müssen wir uns bewusst machen. Klimaänderung bedeutet nicht nur, dass sich Zahlen verändern, sondern vor allen Dingen, dass sich Wetter, Extremwetter und Dürren, Starkregen mit allen Katastrophen für Mensch und auch natürlich Kosten mehren werden.

Dernau im Landkreis Ahrweiler, der beinahe komplett von den Wassermassen geflutet wurde. Autos und Häuser versinken in den Wassermassen. (Foto: IMAGO, imago images/Future Image)
Heftige Regenfälle und Dauerregen sorgen immer öfter für Überschwemmungen und Überflutungen. imago images/Future Image

Könnte es sein, dass diese multifaktoriellen Dinge, die irgendwie zusammenhängen, sich nach dem nichtlinearen Zufallsprinzip plötzlich noch einmal beschleunigen könnten. Dass es also eine dramatische Zuspitzung geben könnte?

Sven Plöger: Das ist absolut möglich. Also, wir nennen das ja in der Klimaforschung: Kipppunkt. Das heißt, das ist ein nichtlinearer Prozess. Wir haben einen Klimazustand, und der kann in einen anderen rutschen. Also Kipppunkt ist im Grunde, wenn ich eine Tasse an den Rand eines Tisches schiebe. Und jetzt mit dem Finger, sagen wir mal, der Finger wäre Treibhausgas-Erhöhung. Ich drücke an die Tasse. Die Tasse kippt über die Tischkante, fällt runter und ist kaputt. Dann ist genau das der Kipppunkt.

Das kann sich jeder vorstellen, die heile Tasse kann zu etwas anderen benutzt werden als die anschließende kaputte Tasse. Also wenn ich dann eine Tasse voll Tee schenken will, kann ich das mit der kaputten Tasse, die auf dem Boden liegt, nicht mehr machen. Kann ich schon. Aber das gibt eine Sauerei.

Und ich kriege diese kaputte Tasse auch nicht mehr einfach zurückgeführt in eine Tasse. Das ist genau das Problem. Wenn zum Beispiel das Eis der Arktis verschwindet, und es wird weiterhin wärmer, dann ist ja vollkommen nicht zu erwarten, dass Eis zurückkehrt. Und das Eis hat eine maßgebliche Bedeutung für die Wetterabläufe.

Ein Bach im Wald, der nach langer Trockenheit und Hitze austrocknet.  (Foto: IMAGO, /Gottfried Czepluch)
Ein Bach im Wald, der nach langer Trockenheit und Hitze austrocknet. /Gottfried Czepluch

Wir haben die Unterschiede: global 1,2 Grad, nur Landmassen, jetzt aber schon zwei Grad seit vorindustrieller Zeit. Und da, wo Eis war, haben wir jetzt schon drei Grad in der Arktis. Und diese Unterschiede werden jetzt natürlich auf andere Weise als früher ausgeglichen. Die Atmosphäre macht immer dasselbe: Unterschiede ausgleichen. Und wenn die Unterschiede sich woanders aufbauen, dann sind die Ausgleichsbedingungen und Ausgleichsbewegungen auch anders. Das beobachten wir in der Wetteränderung.

Gibt es auch konstruktive Auswege aus der Klimakrise?

Sven Plöger: Das halte ich sogar für das Allerwichtigste. Wir haben so viel an Wissen gesammelt darüber, wo unsere Probleme liegen, dass wir jetzt etwas anbieten müssen, und zwar die Wissenschaft sich Gedanken machen muss, die Medien vielmehr aus meiner Sicht über die Chancen und Möglichkeiten berichten müssen. Ich habe auch mehrere Bücher tatsächlich gemacht, wo ich mich genau um das Thema gekümmert habe. Wie können wir die Systeme oder die Situation verbessern?

Da kann man natürlich jetzt in ganz viele Details gehen. Dann haben wir jede Zeit überschritten. Aber ich glaube und das ist etwas, was, was mich manchmal fast wieder gedanklich lähmt. Also wir müssen auf der einen Seite etwas Positives vermitteln, um nicht in eine dystopische Apokalypsehaltung zu kommen. Aber ich glaube, dass dahinter auch ein Gedanke stecken muss, der vielleicht manchem in der Wahrnehmung schwerfällt. Ich glaube, die Lösung des Klimaproblems weltweit liegt in einem Jahrhundert-Geschäft. Das klingt vielleicht mühsam.

Der Gedanke dahinter ist folgender: Wann machen alle Leute mit? Alle Leute machen dann mit, wenn sie auf irgendeiner Art bei einer Sache profitieren können. Wenn wir Vorhaltungen machen, extreme Katastrophen andeuten, haben wir seit 40 Jahren gemerkt, dass wir keinen Erfolg haben. Etablieren wir jedoch etwas, was eine ertüchtigte Marktwirtschaft ist, weil sie das soziologische und das ökologische Auge hat, das ist eine weltweite Verabredung, die notwendig ist, sehr schwer.

Wenn es aber so ist, dass derjenige, der die Umwelt verschmutzt, nicht mehr reicher werden kann als der, der sie sauber hält oder auch die, dann sind wir an dem Punkt, wo gewirtschaftet wird und wo in die richtige Richtung gewirtschaftet wird. Der Green Deal EU – Ursula von der Leyen hat sich sehr darum bemüht – ist ein Wink in die richtige Richtung als Rahmen obendrüber.

Waldbrand  (Foto: IMAGO, /NurPhoto)
Auch in Deutschland kommt es aufgrund der Trockenheit immer wieder zu Waldbränden. Besonders in Brandenburg. /NurPhoto

Und wenn wir dann ein Jahrhundert-Geschäft machen und Unternehmen – wir haben in Deutschland einen hervorragenden Mittelstand – dazu motivieren, weil wir die richtigen Rahmenbedingungen haben, zu investieren. Dann ist ein Pfad aufgegleist, wo sich immer mehr Leute anschließen können, wo sich die Medien anschließen können, über die Erfolge berichten können und nicht immer über die Misserfolge und die Katastrophenstimmung.

Denn wenn wir irgendwann mal sagen: "das schaffen wir ja sowieso nicht mehr", ja, wo wollen wir dann hin? Dann geben wir auf. Und wenn ich den letzten Satz noch sagen darf: Wir sprechen immer von Enkel-fähig. Wir wollen die Welt Enkel-fähig machen. Das bedeutet aber, den Enkeln soll es ja besser gehen als uns heute.

Und ich kenne keine Eltern, die zu ihren Kindern und Sprösslingen sagen: Dir soll es später mal schlechter gehen als mir. Diesen Spruch gibt es nicht. Außer man hat sich ganz doll gestritten. Das gibt es nicht. Aber wir tun im Moment alles, dass der Satz noch dabei rauskommen würde, also die Motivation aufrechterhalten, einen Optimismus dann aufrechterhalten, wenn die Wissenschaft klar sagt, wir haben noch die Chance, wenn wir die Dinge tun, die wir auch tun wollen. Hoffentlich klappt das.

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