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Mandel-Untersuchung

Neue Studie zum Streitfall Mandelentfernung Erhöhtes Krankheitsrisiko nach Mandel-OP

Kinder, denen die Mandeln entfernt wurden, haben später als Erwachsene ein erhöhtes Infektions- und Allergierisiko. Das legt eine neue Studie eines internationalen Forscherteams mit fast 1,2 Millionen Patienten nahe.

Wenn Ihnen als Kind die Mandeln entfernt wurden, verdreifacht dies die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben an Erkältungen und anderen Infektionen der Atemwege zu erkranken. Außerdem sind Betroffene zusätzlich auch anfälliger für eine Vielzahl von Infektionskrankheiten.

Das zeigt eine Studie der University of Melbourne in Australien. Die Wissenschaftler verglichen anhand von dänischen Registerdaten das Erkrankungsrisiko von Personen, denen innerhalb der ersten neun Lebensjahre die Mandeln entfernt worden waren, mit dem von Personen, die ihre Mandeln behalten hatten. Dabei wurden mehr als 1,1 Millionen Personen erfasst und bis zum Alter von 30 Jahren verfolgt. Die Forscher aus Australien haben dänische Daten ausgewertet, weil im dänischen Gesundheitssystem die Krankengeschichten von Patienten relativ lückenlos dokumentiert sind.

Mandeluntersuchung

Die Untersuchung der Mandeln zählt zum Standardrepertoire bei Erkältungen

Die Mandelentfernung kann später zu gesundheitlichen Nachteilen führen

Ihr Fazit: eine Mandel-OP war mit einem zwei- bis dreifach erhöhten Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege verbunden. Die Kinder, denen die Gaumenmandeln entfernt wurden, hatten als Erwachsene ein fast dreimal so hohes Risiko für Erkrankungen im Vergleich zu den Nichtoperierten. Die Entfernung der Rachenmandeln bedeutete einen zweifachen Risikoanstieg. Auch das Risiko an COPD, Infektionen und Allergien zu erkranken, hatte sich messbar erhöht.

SWR-Medizinredakteur Dr. Jörg Wolf ordnet diese Ergebnisse ein:

Trotz der hohen Patientenzahlen bleibt eine gewisse Unsicherheit. So wurden beispielsweise andere Einflüsse wie zum Beispiel rauchende Eltern oder eine ungesunde Ernährung nicht erfasst. Manche Zusammenhänge zu späteren Erkrankungen sind statistisch relativ schwach und könnten auch durch andere Zusammenhänge erklärt werden.

Viren

Viren im Anmarsch - Mandeln bilden eine wichtige Barriere gegen die Angreifer

Dass z.B. Asthma, Allergien und chronische Infektionen häufiger nach einer Mandel-OP auftreten, könnte auch daran liegen, dass chronisch kranke Kinder häufiger zum Arzt gehen und ihnen dann bei einer Halsentzündung die Entfernung der Mandeln nahe gelegt wird. Das heißt, sie neigen schon vor der OP zu diesen Erkrankungen.

Dennoch ist ein erhöhtes Krankheitsrisiko nach eine Mandel-OP denkbar. Deshalb sind viele Länder auch zurückhaltend, wenn es um die Empfehlung zu OP geht.

Warum wird überhaupt eine Mandel-OP durchgeführt?

Vielen Kindern werden die Mandeln entfernt, weil sie sich immer wieder entzünden. Eigentlich sollen die Mandeln den Körper vor Krankheiten schützen. Sie sitzen im Mund- und Rachenraum und unterstützen die Immunabwehr des Körpers gegen eindringende Viren, Bakterien und Pilz. Sie sind eine Art Frühwarnsystem. An der Eintrittspforte der oberen Atemwege nehmen sie den "Erstkontakt zu den Eindringlingen" auf. Wird der Gegner am Antigen erkannt, löst der Körper eine Abwehrreaktion aus.

Mundraum

Hier sitzen die Mandeln

Aber die Mandeln können sich selbst entzünden und so Beschwerden verursachen. Passiert das häufiger, dann wird eine Mandel-Entfernung vorgeschlagen. Die vollständige oder teilweise Entfernung der Gaumen- und/oder Rachenmandeln ist eine der häufigsten Operationen bei Kindern.

Dabei empfiehlt die ärztliche Leitlinie der deutschen HNO-Fachärzte eine Operation nur Personen, die an häufigen Mandelentzündungen leiden, vor allem dann, wenn sie gegen Antibiotika allergisch sind. Oder die in den letzten 12 Monaten mindestens sechs Mandelinfektionen hatten.

Bundesweit werden Mandeln heute seltener entfernt als früher. Dabei gibt es regional große Unterschiede. In Tübingen kommen auf 10.000 Kinder im Schnitt 20 Mandel-OPs pro Jahr. In Bad Kreuznach sind es mehr als fünfmal so viele. Diese Unterschiede in der Verteilung der OP-Häufigkeit lassen sich nur schwer erklären.