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Die Nase kann uns beim Lernen und Erinnern helfen. Eine Mini-Studie zeigt: Schulkinder konnten sich besonders gut an Vokabeln erinnern, wenn sie den Duft nicht nur beim Lernen und im Schlaf, sondern auch beim Abfragen riechen konnten.

Viele Kinder werden in Zeiten der Corona-Pandemie noch zu Hause von ihren Eltern beschult. Manche fühlen sich damit etwas überfordert, aber vielleicht könnte bestimmte Duftstoffe dabei helfen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen.

Die Idee zu untersuchen, wie Duft und Lernleistung verknüpft sein könnten, kam der Freiburger Referendarin Franziska Neumann durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen:

Ich habe mich erinnert, dass eine Freundin von mir in der Schule vor Klausuren immer so ein Riechdöschen dabei hatte und vor den Klassenarbeiten daran gerochen und dann die Arbeit geschrieben hat. Deshalb habe ich überlegt: Kann man Düfte dazu benutzen, um sich besser zu erinnern?“

Franziska Neumann

Duftstoffe helfen beim Lernen im Schlaf

Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf eine Studie der Neurowissenschaftler Björn Rasch und Jan Born. Beide fanden vor über zehn Jahren im Schlaflabor heraus: Lernen Probanden mit einem Duftreiz, und derselbe Reiz wird ihnen auch in der Tiefschlafphase präsentiert, können sie sich an die Inhalte nach dem Schlaf deutlich besser erinnern.

Im Schlaf besser lernen mit Unterstützung von Duft ist kein Traum. Schon vor über 10 Jahren konnten Schlafforscher das nachweisen. (Foto: Imago, imago images / Westend61)
Im Schlaf besser lernen mit Unterstützung von Duft ist kein Traum. Schon vor über 10 Jahren konnten Schlafforscher das nachweisen. Imago imago images / Westend61

Hilft Rosenduft beim Vokabeln pauken?

Franziska Neumann hat das Experiment adaptiert. Sie ließ 54 Schüler aus zwei sechsten Klassen im Schulalltag über vier Wochen Englischvokabeln lernen. Am Ende der ersten Woche schrieben alle Schüler einen Vokabeltest. Vor dem zweiten Test bekam ein Teil der 11- und 12-Jährigen während des Lernens Rosenduftstäbchen neben ihre Federmappen gestellt. Der andere Teil lernte ohne Duftstäbchen.

In der dritten Woche paukte die „Duftgruppe“ nicht nur mit dem Duft, sondern hatte diesen die ganze Nacht neben dem Bett stehen. Die andere Gruppe lernte und schlief ohne Duftreiz. Anschließend wurden erneut 20 bis 30 Englischvokabelpaare in einem Test abgefragt.

Referendarin Neumann testete Sechstklässler, die beim Lernen, Schlafen und Abfragen von Vokabeln beduftet wurden und solche, die keine Duft-Unterstützung bekamen.   (Foto: Imago, imago/Westend61)
Referendarin Neumann testete Sechstklässler, die beim Lernen, Schlafen und Abfragen von Vokabeln beduftet wurden und solche, die keine Duft-Unterstützung bekamen. Imago imago/Westend61

Mit Rosenduft konnten sich Schüler besser an Vokabeln erinnern

Die Schüler, die in der Duftgruppe waren, konnten 30 Prozent mehr Vokabelpaare erinnern als die Schüler aus der Kontrollgruppe.

Dabei hat sich ganz klar gezeigt, dass der Duft beim Lernen und im Schlaf appliziert werden muss. Wenn die Schüler nur beim Lernen den Duft gerochen haben, gab es eigentlich keinen Effekt.

Privatdozent Dr. Jürgen Kornmeier

Jürgen Kornmeier, Privatdozent für Neurobiologie an der Universität Freiburg hat Franziska Neumann geholfen, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu veröffentlichen.

Der Geruchssinn ist im Gehirn anders "verdrahtet" als die anderen Sinne. (Foto: Imago, imago images / Panthermedia)
Der Geruchssinn ist im Gehirn anders "verdrahtet" als die anderen Sinne. Imago imago images / Panthermedia

Der Geruchssinn unterstützt das Lernen im Schlaf

Dass Schlaf für das Lernen wichtig ist, ist bekannt. Gedächtnisforscher gehen davon aus, dass während des Slow Wave Sleep, also einer Phase, in der wir tief schlafen, Gelerntes verfestigt und in den Langzeitspeicher übertragen wird. Diese sogenannte Konsolidierung läuft über unseren Geruchssinn direkter als sonst:

„Unser Cortex, der Teil, der eigentlich der größte des Gehirns ist, hat sich evolutionär aus dem Riechhirn entwickelt. Und tatsächlich ist das olfaktorische System das einzige System, das einen direkteren Zugang zum Cortex hat. Für alle anderen Sinne, für die Augen, für die Ohren, gibt es immer noch das Zwischenhirn als Relaisstation, wo sozusagen von einem auf den anderen Nervenstrang umgeschaltet werden muss, der dann zum Cortex leitet.“

Neurobiologe Jürgen Kornmeier

Geruchssinn hilft auch beim Abrufen von Erinnerungen

Der Draht der Riechsinneszellen zum „Riechhirn“ und von dort zum limbischen System im Zwischenhirn ist besonders kurz. Zu dieser Struktur gehört unter anderem die Amygdala, wichtig für das Erkennen von Gefahren, etwa wenn es brennt. Außerdem ist dort der Sitz des Hippocampus, der beim Speichern und am Abrufen von Erinnerungen eine entscheidende Rolle spielt.

Das olfaktorische System ist das einzige, das einen direkten Zugang zum Cortex hat.  (Foto: Imago, imago images / blickwinkel)
Das olfaktorische System ist das einzige, das einen direkten Zugang zum Cortex hat. Imago imago images / blickwinkel

Mit Rosenduft konnten sich Schüler besser an Vokabeln erinnern

Verblüfft waren Franziska Neumann und Jürgen Kornmeier über ein neues Ergebnis der Schülerstudie: die Kinder erinnerten sich immer dann besonders gut an die Vokabeln, wenn sie den Rosenduft nicht nur beim Lernen und im Schlaf, sondern auch beim Abfragen während des Tests riechen konnten.

Am besten klappte der Vokabeltest, wenn beim Lernen, im Schlaf und auch bei der Abfrage der gleiche Duft vorhanden war.  (Foto: Imago, imago images / UIG)
Am besten klappte der Vokabeltest, wenn beim Lernen, im Schlaf und auch bei der Abfrage der gleiche Duft vorhanden war. Imago imago images / UIG

Studie soll ausgeweitet werden

Neumann und Kornmeier wissen, dass ihre neuen Ergebnisse statistisch auf sehr wackligen Füßen stehen:

„Also Lernen und Schlaf war gut. Lernen, Schlaf und Duft beim Erinnern, da gab es Hinweise darauf, dass das noch besser ist. Da muss ich jetzt allerdings einschränkend dazu sagen, dass die letzte Bedingung nicht in beiden Klassen durchgeführt wurde, sondern nur in einer Klasse. Das heißt für diese Retrieval-Bedingung haben wir nur den halben Datensatz. Das müsste wiederholt werden, um sicherzugehen, dass das auch verlässlich ist.“

Referendarin Franziska Neumann

Franziska Neumann hofft bald Gelegenheit dazu zu bekommen, sie hat schon einen Förderantrag für eine Doktorarbeit darüber gestellt:

„Es sind noch so viele Fragen offen: Was ist mit komplexerem Wissen? Wie viel Schlaf brauche ich genau? Wie groß muss der Abstand zwischen den Lern-Sessions sein? Da würde ich auf jeden Fall gerne noch weiterforschen.“

Referendarin Franziska Neumann
Es wird vermutet, dass Gerüche eine größere Rolle spielen, um Stress zu reduzieren, als etwa eine schöne Umgebung oder angenehme Klänge. (Foto: Imago, imago images / ecomedia/robert fishman)
Es wird vermutet, dass Gerüche eine größere Rolle spielen, um Stress zu reduzieren, als etwa eine schöne Umgebung oder angenehme Klänge. Imago imago images / ecomedia/robert fishman

Der menschliche Geruchssinn wird oft unterschätzt

Offenbar haben wir unseren Geruchssinn bisher gehörig unterschätzt. Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass der Mensch eine Billion verschiedene Gerüche erkennen kann, manche sogar besser als Ratten mit ihren feinen Nasen. Außerdem könnten sie eine größere Rolle spielen, um Stress zu reduzieren, als etwa eine schöne Umgebung oder angenehme Klänge.

Inwieweit unser Geruchssinn aktiv für das Lernen genutzt werden kann, muss sich aber noch zeigen. Denn wie Jürgen Kornmeier betont, ist der Schlaf entscheidend, wenn es ums Lernen geht: Nur wer ausreichend schläft, speichert das Gelernte im Langzeitgedächtnis.

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