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Die Biotonne sorgt in der Region Trier für Ärger

Plastik aus Orangenschalen, Limo aus Kaffee-Kirschen Lebensmittelabfälle als wertvolle Ressource

Von Stephanie Eichler

Die Lebensmittelindustrie wirft viele Reste weg. Um das zu ändern, tüfteln Unternehmen und Forscher an neuen Produkten aus Reststoffen. Sie machen aus Kaffee-Kirschen Limonade und aus Orangenschalen Bio-Kunststoff.

Riesige Berge an Abfall in der Lebensmittelindustrie

In Deutschland werden jährlich 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel weggeschmissen. Vom Feld bis zum Teller. Der Löwenanteil, rund 40 Prozent der Essensabfälle, fällt in den privaten Haushalten an. Doch auch in der Lebensmittelindustrie entsteht ein gigantischer Berg von Abfallresten, die sehr gut weiter genutzt werden könnten. Unternehmer und Forscher suchen deshalb nach sinnvollen Verwendungsmöglichkeiten.

Limo als Nebenprodukt der Kaffee-Herstellung

Bastian Muschke und sein Geschäftspartner haben Caté erfunden – eine feinperlige Limonade. In dem kleinen Firmensitz in Hamburg nimmt Muschke einen Schluck.

Screenshot der Caté- Website

Screenshot der Caté- Website

Das Besondere: Die Limo besteht zu 93 Prozent aus vermeintlichem Abfall. Aus der Kaffeekirsche, die - als Teil der Kaffeebohne - Koffein enthält. Es ist eine hellrote, saftige Frucht, die an Kaffeebäumen und -sträuchern blüht und in deren Mitte die Bohne heranwächst.

Milliarden Tonnen Fruchtfleisch

Weil die Kaffeebohne nach Erdöl weltweit der am meisten gehandelte Rohstoff ist, wird jede Menge wertvolles Fruchtfleisch einfach entsorgt. Bastian Muschke war bei der Kaffeernte in Panama und Brasilien dabei.

Es sind jährlich 60 Milliarden Tonnen Fruchtfleisch, die einfach weggeschmissen werden. Und das muss nicht sein, weil da viel an Vitaminen und Nährstoffen drin ist.

Bei der Kaffeeernte fällt auch viel Abfall an. Dabei kann man aus den Resten der Kaffeekirsche z.B. Limonade machen.

Bei der Kaffeeernte fällt auch viel Abfall an. Dabei kann man aus den Resten der Kaffeekirsche z.B. Limonade machen.

Mit ihrem Unternehmen wollen Bastian Muschke und sein Geschäftspartner dazu beitragen, dass die Kaffeebranche umwelt- und sozialverträglicher wird: Sie nutzen ein wertvolles Lebensmittel, das ohne ihr Zutun entsorgt wird. Erster Pluspunkt.

Textilien aus Molke und Gelatine

Der zweite: Weil der Landwirt nun die Kaffeekirsche verkauft, die er vorher weggeschmissen hat, erzielt er ein viel höheres Einkommen. Weitere Pluspunkte: Land und Wasser und Energie, die zum Anbau nötig sind, werden nicht umsonst eingesetzt, weil tatsächlich alles, was wächst, auch verwertet wird.

Eine effizientere Nutzung der Ressourcen ist heute so wichtig wie nie zuvor: Es gibt mehr Menschen, die satt werden wollen. Für einen nachhaltigeren Umgang mit vermeintlichen Lebensmittelabfällen in der Weiterverarbeitung allgemein liefern Forscher viele Grundlagen, um zum Beispiel aus Molke Kleidungsstücke herzustellen oder aus Knochengelatine ein Garn herzustellen.

Freiburger Forscher stellten Kunststoff aus Orangenschalen her

Die Schalen können preiswert an Tiere verfüttert werden - kostspieliger ist die Herstellung von Bioplastik aus den Schalen

Stephanie Wunder arbeitet beim Ecologic Institut in Berlin, einer privaten Einrichtung für Umweltwissenschaft. Sie koordiniert die Kommunikation beim Projekt “Refresh”. Zwanzig Partner aus Europa und China engagieren sich gegen die Lebensmittelverschwendung.

Antimikrobielles Plastik aus Obstschalen

Eine der großen Fragen dabei ist: Wie können die Reste, die in der Lebensmittelindustrie anfallen, genutzt werden? Im Fall der Kaffeekirsche hat Jungunternehmer Bastian Muschke eine Antwort gefunden.

Doch wie sieht es aus mit den Rückständen bei der Erzeugung von Apfel- und Orangensäften? Oder mit den Resten, die beim Mahlen von Mehl entstehen? Die Forschung liefert mehr als einfache Rezepte. Denn es hängt sehr davon ab, welche Umweltbilanz, welche Kosten entstehen, insofern muss man immer kontextspezifisch entscheiden.

Forscherteam aus Bayreuth

Doch dieser Kunststoff ist seinen Preis wert: Forscher an der Universität Bayreuth haben ermittelt, dass Plastik aus Orangenschalen antimikrobielle Eigenschaften aufweist

Zum Beispiel Orangenschalen, die bei der Saftproduktion anfallen. Die Schalen können preiswert an Tiere verfüttert werden. Kostspieliger ist die Herstellung von Bioplastik aus den Schalen. Doch dieser Kunststoff ist seinen Preis wert: Forscher an der Universität Bayreuth haben ermittelt, dass Plastik aus Orangenschalen antimikrobielle Eigenschaften aufweist.

Kleie statt Ei

Wird es als Einwegspritze oder als Kunststoff-Implantat verwendet, trägt der Rohstoff aus Abfall dazu bei, das Infektionsrisiko in Krankenhäusern zu senken.
Auch aus der Chicoreewurzel kann man Inulin gewinnen und die Ballaststoffe direkt nutzen.

Die Forscher reicherten Lebensmittel mit Inulin und den Ballaststoffen an und testeten den Geschmack und die Akzeptanz beim Verbraucher. Mit guten Ergebnissen.

Chicoree-Anbauer

Auch aus der Chicoreewurzel kann man Inulin gewinnen und die Ballaststoffe direkt nutzen

Für die Reste, die in Getreidemühlen entstehen, haben Forscher vom Institut für Lebensmittel und Umweltforschung Verwendungsmöglichkeiten untersucht: Roggenkleie beispielsweise ist schaumbildend und emulgierfähig.

Bakterien zur Ethanolgewinnung

Und kann deshalb als Alternative zu Ei gebraucht werden: In Backwaren, Cremes, Dressings und Mayonnaise. Bei der Weiterverwertung von Lebensmittelresten, die in der Industrie anfallen, beweisen die Forscher Kreativität: Sie setzen auch Kleinstlebewesen ein, um große Müllberge zu vermeiden.

Denn einige Bakterien produzieren selbst Chemikalien. Eine Frage ist beispielsweise, inwiefern man Lebensmittelabfälle als Wachstumskulturen nutzen kann, die dann zum Beispiel Ethanol produzieren.

Lebensmittelproben in grünen Flüssigkeiten schwimmen in einem Laborglas

Lassen sich im Labor aus Essenresten neue Nahrungsmittel schaffen?

Die Forscher haben bereits 14 Bakterien-Gene identifiziert, die dafür zuständig sind, dass die Bakterien besonders effizient aus Biomüll Chemikalien produzieren, die zum Beispiel in der Pharmazie eingesetzt werden können.

Teure Prüfungen

Von dem Ideal, keine Ressourcen zu verschwenden, ist die Lebensmittelindustrie allerdings noch weit entfernt. Zum Teil liegt das auch an den hohen Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit. Denn für neuartige Nahrungsmittel, die aus Resten hergestellt werden, gilt die "novel food"-Verordnung.

Man muss erst prüfen, ob bestimmte neue Lebensmittel auch allen Lebensmittelsicherheitstechnischen Ansprüchen genügen und das ist ein sehr teurer Prozess. Und das müssen viele junge, soziale Innovatoren schmerzlich erfahren, wenn sie eine tolle Idee haben, aber die Prüfung nicht finanzieren können.

Bastian Muschke und sein Geschäftspartner konnten von Anfang an das nötige Geld für die regelmäßigen Prüfungen ihrer Kaffeekirsche berappen. Sie haben ihr kleines Unternehmen zunächst auch neben ihren eigentlichen Berufen betrieben. Das hieß: Arbeiten bis spät in die Nacht.

Weniger Produktion notwendig

Inzwischen läuft das Geschäft ganz gut. Caté gibt es in Restaurants, Bioläden und bei einigen großen Supermärkten. Auch online ist die Limo zu beziehen. Die beiden Unternehmer können sich davon über Wasser halten. Ihr Erfolgsrezept: Sie verschwenden wirklich nichts.

Wenn Lebensmittel und ihre Reste besser genutzt werden, müssten konsequenterweise die Bauern weniger produzieren. Es ist an der Zeit für eine Postwachstumsgesellschaft, damit kein Essen mehr verschwendet wird.