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Psychotherapie-Gespräch

Langes Warten auf Psychotherapieplatz Hilfe bei Depressionen, Burnout & Co

Die Reform des Psychotherapie-Gesetzes 2017 sollte eigentlich dazu führen, dass Patienten schneller Hilfe bekommen. Doch das Gegenteil ist nun der Fall.

Psychische Erkrankungen waren lange Zeit ein Tabu-Thema. In letzter Zeit sprechen wir offener z.B. über Depressionen. Der typische Rat ist dann immer: Suchen Sie sich professionelle Hilfe. Das aber ist schwierig: Oft dauert es Monate, bis ein Therapieplatz frei wird.

Genau das sollte die Psychotherapiereform vom April 2017 ändern. Danach sollten Menschen in einer psychischen Krise oder mit einer akuten Erkrankung schneller behandelt werden. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Was hat die Reform gebracht? Wir sprachen darüber mit der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Dr. Felicitas Bergmann, Projektbeauftrage der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.

Noch immer lange Wartezeiten bei psychischen Problemen

Seit der Reform müssen Psychotherapeuten mit Kassenzulassung pro Woche 100 Minuten Sprechzeit für akute Anfragen freihalten. Das heißt, sie sehen die Patienten relativ zeitnah - das ist eine positive Auswirkung der Reform. Allerdings, so die Psychotherapeutin Felicitas Bergmann, müssten die Patienten danach weiterhin oft sehr lang auf die eigentliche Behandlung warten.

Nach dem Erstgespräch werden sie weggeschickt oder kommen auf eine Warteliste. Durch die zusätzlichen Sprechstunden, die vorgehalten werden müssen, haben sich die Wartezeiten bis zur eigentlichen Therapie sogar noch mal verlängert.

Ein Mann hält sich die Hände vors Geischt

Menschen mit psychischen Problemen bekommen professionelle Hilfe oft erst nach langer Wartezeit.

Keine Kostenübernahme für Privatpraxen

In privaten Praxen ist die Situation nochmal anders: Theoretisch können Patienten dort schneller eine Psychotherapie beginnen -- laut Felicitas Bergmann stellen sich die Krankenassen aber quer. Das heißt, man bekomme zwar meist zeitnah einen Termin. In den meisten Fällen aber weigerten sich die Kassen, die Kosten zu übernehmen. Das heißt: Die Privatpraxen müssen diese Patienten wieder wegschicken, obwohl man sie hätte behandeln können.

Keine große Verbesserung durch die Psychotherapiereform

Weil die Therapeuten und Therapeutinnen 100 Minuten pro Woche Sprechstunde freihalten müssen, bleibt weniger Zeit für die Patienten, die schon in Behandlung sind. Gleichzeitig schrumpft das Zeitbudget für neue Patienten oder Patientinnen.
Für viele Vertragspsychotherapeuten sei es, so Bergmann, frustrierend, wenn sie schon vorher wissen: Sie können diesen Patienten nicht helfen, müssen sie wieder wegschicken. Kein Therapeut nehme zwei neue Patienten pro Woche auf. Die Rechnung könne gar nicht aufgehen.

Längere Wartezeiten in ländlichen Regionen

Wie lange man auf einen Therapieplatz warten muss, ist regional sehr unterschiedlich. Selbst in städtischen Ballungszentren muss man mit einer Wartezeit von drei bis sechs Monaten rechnen. In kleineren Städten oder gar im ländlichen Raum dauert es meist ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr.

Lange Wartezeiten führen zu Frustrationen

Die meisten Patienten sind schon froh, wenn sie endlich bei einem Therapeuten angekommen sind, so Felicitas Bergmann Teilweise rechnen sie auch fest damit, dass sie dort weiter behandelt werden können.
Eine Studie zu den Wartezeiten aus dem Jahr2011 hat gezeigt, dass es auch einen gewissen Resignationseffekt gibt. Patienten geben irgendwann auf, weil die Wartezeiten doch zu lang sind oder die Hürden auch bei Privatpraxen einfach zu groß sind.

Eine Frau sitzt auf dem Fußboden vor dem Fenster

Werden psychische Probleme nicht zeitnah behandelt, besteht die Gefahr, dass sie chronisch werden.

Psychische Probleme werden unbehandelt chronisch

Gerade psychische Erkrankungen werden sehr schnell chronisch, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden, erklärt Felicitas Bergmann. Das seien dann die Patienten, die dann irgendwann stationär aufgenommen werden müssen, weil gar nichts mehr geht. Auch da sind die Kapazitäten allerdings sehr begrenzt.

Patienten kämpfen für ihre Rechte

Wenn Patienten zu lange auf einen Therapieplatz warten müssen oder die Kosten für eine Privatpraxis von der Krankenkasse nicht übernommen werden, hilft oft nur noch der Gang vor Gericht. Auch wenn sie dann in vielen Fällen Recht bekommen, ist das für psychisch labile Menschen noch eine zusätzliche Belastung

Psychotherapeuten gibt es eigentlich genug

Psychotherapeut ist ein begehrter Beruf; es kommen immer mehr Therapeuten hinzu. Das eigentliche Problem liegt nach der Meinung von Felicitas Bergmann darin, dass nicht alle im System aufgenommen werden. Das heißt, sie bekommen keine Kassenzulassung.

1999 sei der Bedarf an Psychotherapieplätzen ohne weitere Untersuchung anhand des Ist-Zustandes festgelegt worden. Und schon damals war die Versorgung eigentlich unterdurchschnittlich. Heute sei der Unterschied noch viel größer. Die Krankenkassen argumentieren, dass der Bedarf ja gedeckt sei.

Psychologe im Patientengespräch

Psycho-Therapeutinnen oder -Therapeuten gibt es auf dem Papier eigentlich genug. Doch Wartezeiten von mehreren Monaten oder bis zu einem Jahr werden für Betroffene zur Belastungsprobe.

Fehler im System

Das stimme aber nur auf dem Papier. Dort gebe es Versorgungsgrade von 150, 200, teilweise 300 Prozent. Es wird eine bestimmte Zahl festgelegt, die entspreche einer 100 prozentigen Versorgung an Psychotherapieplätzen in einem bestimmten Gebiet. Und wenn die überschritten wird, ist das im Prinzip auf dem Papier eine Überversorgung.
Allerdings zeigen diese Prozentangaben, so Bergmann, dass da etwas nicht stimmen könnte. Wenn wir in der Stadt mit einem "Versorgungsgrad von 200 Prozent" immer noch ein halbes Jahr Wartezeit haben, dann könne mit dieser Prozentangabe etwas nicht stimmen. Dann müsste es ja genügend Therapeuten oder Therapeutinnen geben, deren Kosten auch von den Krankenkassen übernommen werden.

Falsche Bedarfsplanung Ursache für die Missstände

Die Psychotherapiereform sollte schnellere Hilfe für Patienten mit akuten Problemen bringen. Diesen Anspruch hat sie offensichtlich nicht erfüllt. Felicitas Bergmann plädiert dafür, die ganze Reform grundlegend zu überarbeiten. Sie kritisiert vor allem die falsche Bedarfsplanung.

Der gemeinsame Bundesschuss sei bereits vor Jahren damit beauftragt worden, diese Zahlen zu überarbeiten. Das sollte eigentlich schon bis zum 1. Januar 2017 passiert sein. Bis dahin habe der G-BA aber gerade mal ein Gutachten in Auftrag gegeben, das den reellen Bedarf ermitteln sollte.

Politische Versäumnisse

Felicitas Bergmann sieht da die Politik in der Pflicht. Eigentlich habe das Bundesministerium für Gesundheit die Dienstaufsicht für den Bundesausschuss der Krankenkassen - darin sitzen Vertreter und Vertreterinnen der Kassenärztlichen Vereinigung und auch der Krankenkassen. Deshalb müsse das Ministerium aktiv werden.

Wenn die Ergebnisse zum Stichtag nicht vorliegen und dann gerade mal das Gutachten in Auftrag gegeben werde, so verschleppe sich das immer weiter über die Zeit. So könnte man den Krankenkassen unterstellen, dass sie mit ihrer Verzögerungstaktik nur Kosten sparen wollten.

Am Problem mit Behandlungsplätzen für Menschen mit psychischen Erkrankungen hat jedenfalls auch die Psychotherapiereform im April 2017 nichts wesentliches verbessert, so die Einschätzung der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Dr. Felicitas Bergmann.