Condor (Foto: Pressestelle, sandiegozoowildlifealliance.org/ Andrew James)

Wildtierforschung

Jungferngeburten bei Kalifornischem Kondor entdeckt

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Männchen brauchen Kalifornische Kondor-Weibchen zur Fortpflanzung nach neuesten Erkenntnissen nicht unbedingt: Ein Forscherteam berichtet von zwei Jungferngeburten bei den vom Aussterben bedrohten Vögeln.

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Ein Forscherteam der San Diego Zoo Wildlife Alliance berichtete im Fachmagazin Journal of Heredity von Jungferngeburten beim Kalifornischen Kondor: Zwei männliche Kondor-Küken weisen nur das Erbgut ihrer jeweiligen Mutter auf. Die väterliche DNA fehlt.

Jungferngeburten gibt es nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Natur. Der Fachbegriff dafür ist Parthenogenese. Bei dieser seltenen Art der asexuellen Fortpflanzung entsteht der Nachwuchs nur aus einer Eizelle – ein Spermium ist nicht beteiligt. Der Nachkomme hat also nur Erbgut der Mutter.

Kalifornischer Kondor: Die aasfressenden Geier können sich wohl via Jungferngeburt vermehren.   (Foto: Pressestelle, sandiegozoowildlifealliance.org/ Andrew James)
Kalifornischer Kondor: Die aasfressenden Geier können sich wohl via Jungferngeburt vermehren. Pressestelle sandiegozoowildlifealliance.org/ Andrew James

Wenn Single-Weibchen plötzlich Mama werden

Dass die im Südwesten der USA lebenden Kalifornischen Kondore zu Jungferngeburten fähig sind, hat das US-amerikanische Forscherteam überrascht. Denn das Phänomen ist bei Wirbeltieren außerordentlich selten.

Bisher wurden nur einzelne Jungfernzeugungen beobachtet, zum Beispiel bei einer Boa constrictor, bei Truthühnern und Hammerhaien. Meist fiel die Jungferngeburt nur deshalb auf, weil die Tiere in Gefangenschaft keinen Fortpflanzungspartner hatten. Trotzdem fleuchte plötzlich Nachwuchs durchs Gehege.

Jungferngeburten ohne männliche Beteiligung sind auch schon bei Hammerhaien beobachtet worden. (Foto: imago images, imago)
Jungferngeburten ohne männliche Beteiligung sind auch schon bei Hammerhaien beobachtet worden. imago

Die jetzt entdeckten Jungferngeburten beim Kalifornischen Kondor sind durch Zufall aufgefallen: Weil sie vom Aussterben bedroht sind, werden die Geier schon lange engmaschig überwacht. Denn in den 80er-Jahren waren durch den Einfluss von Jagd- und Umweltgiften nur noch 22 Kalifornische Kondore übrig.

Deshalb startete ein großes Zuchtprogramm, bei dem Kalifornische Kondore in Gefangenschaft vermehrt und anschließend ausgewildert werden. Um Inzucht in dem sehr kleinen Genpool zu vermeiden, begannen die Forscherinnen und Forscher, das Erbgut der Geier zu analysieren.

Per Genanalyse von Blut, Eischalen, Gewebe und Federn kamen die Forscher dem Phänomen auf die Spur. (Foto: Pressestelle, sandiegozoowildlifealliance.org/ Jamie Wells)
Per Genanalyse von Blut, Eischalen, Gewebe und Federn kamen die Forscher dem Phänomen auf die Spur. Pressestelle sandiegozoowildlifealliance.org/ Jamie Wells

Jungfernzeugung trotz fortpflanzungswilligen Männchen

Bei genauen Genanalysen stieß das Team nun auf zwei männliche Küken, die nur mütterliches Erbgut aufwiesen – die DNA eines männlichen Brutpartners fehlte. Dass den Kondor-Weibchen eigentlich Männchen als Brutpartner zur Verfügung standen, macht den Fall noch außergewöhnlicher.

Denn bisher war die Fachwelt davon ausgegangen, dass Jungfernzeugungen vorwiegend bei einem Männchen-Mangel vorkommen. Welchen Nutzen die asexuelle Fortpflanzung in diesem Fall haben könnte, ist ungewiss. Vielleicht handle es sich um einen Mechanismus, um schädliche Gene zu entfernen, die sich durch Inzucht im Genpool angesammelt haben, schreiben die Forscher.

Dass die per Jungferngeburt gezeugten Küken männlich sind, liegt an den Geschlechtschromosomen der Vögel: Anders als der Mensch haben Vögel keine X- und Y-Geschlechtschromosomen, sondern ein System aus W und Z. Während beim Menschen Frauen mit der Kombination XX die gleichen und Männer mit XY verschiedene Geschlechtschromosomen haben, ist es bei Vögeln umgekehrt: Weibchen haben die Chromosomenkombination WZ und Männchen ZZ. Ein lebensfähiger Nachkomme kann bei der Jungfernzeugung nur durch die Verdopplung des Z-Chromosoms entstehen und ist ein Männchen.

Dass es bei Kaliforischen Kondoren zu Jungferngeburten kommen kann, hat die Forschenden überrascht.  (Foto: Pressestelle, sandiegozoowildlifealliance.org/ Jamie Wells)
Dass es bei Kaliforischen Kondoren zu Jungferngeburten kommen kann, hat die Forschenden überrascht. Pressestelle sandiegozoowildlifealliance.org/ Jamie Wells

Mittlerweile gibt es wieder über 500 Kalifornische Kondore

Beide so entstandenen Kondor-Küken sind nicht mehr am Leben. Eines starb 2003 im Alter von zwei Jahren, das andere 2017 im Alter von acht Jahren. Die von Ihnen genommenen Proben wurden erst jetzt analysiert. Neben den unbefruchteten Eiern brachten ihre Mütter noch zahlreiche Küken auf herkömmlichem Weg zur Welt.

Das Kondor-Zuchtprogramm gilt als Erfolg: Mittlerweile gibt es wieder über 500 Kalifornische Kondore, davon rund 300 in freier Wildbahn.

Dank eines Zuchtprogramms hat sich die Population der vom Aussterben bedrohten Kalifornischen Kondore wieder etwas erholt. (Foto: Pressestelle, sandiegozoowildlifealliance.org/ Andrew James)
Dank eines Zuchtprogramms hat sich die Population der vom Aussterben bedrohten Kalifornischen Kondore wieder etwas erholt. Pressestelle sandiegozoowildlifealliance.org/ Andrew James
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