Lehrkräftemangel, Föderalismus - es gibt viele Gründe, warum es seit Jahren wenig Veränderungen im Schulsystem gibt. Daher gibt es hieruulande viele Schulabbrecher.  (Foto: IMAGO,  imago images/Westend61)

Bildung

Kommentar: Immer noch zu viele Schulabbrecher in Deutschland

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Anja Braun, Reporterin und Redakteurin SWR Wissen aktuell. (Foto: SWR, Christian Koch)
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Ralf Kölbel, Online-Redakteur bei SWR Wissen aktuell sowie Redakteur bei SWR2 Wissen. (Foto: SWR, Christian Koch)

Mehr als 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland brechen die Schule ab. Damit steht Deutschland an viertletzter Stelle in der EU. Anja Braun aus der SWR-Wissenschaftsredaktion kommentiert.

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EU-Statistik zu Schulabbrechern nur schwer vergleichbar

Viertletzte in der EU zu sein ist hart, selbst wenn es mit einem Silberstreif von 0,3 Prozent bereits leichte Verbesserungen zu geben scheint. Schlechter stehen nur Rumänien, Spanien und Ungarn da.

Doch Achtung: In der EU-Statistik zählen Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren auch als Schulabbrecher, wenn sie einen Hauptschulabschluss haben, aber danach keine Ausbildung oder Weiterbildung gemacht haben.

In Deutschland gibt es auch im europaweiten Vergleich immer noch viele junge Menschen, die die Schule vorzeitig abbrechen. Was sind die Ursachen?, Demo Berlin zum 1. Mai (Foto: IMAGO, imago/Müller-Stauffenberg)
In Deutschland gibt es auch im europaweiten Vergleich immer noch viele junge Menschen, die die Schule vorzeitig abbrechen. Was sind die Ursachen?

Zahl der Schulabbrecher in Deutschland unverändert hoch

In unserer nationalen Statistik, im Bildungsbericht, gelten als Schulabbrecher nur die Jugendlichen, die eine Schule verlassen, ohne dass sie irgendeinen Abschluss erreicht haben. Die Zahl ist dann nur noch halb so hoch – 2021 waren es 6,2 Prozent – also 47.500 junge Menschen.

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass wir Viertletzte in der EU sind. Der eigentliche Skandal ist, dass die Zahl der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher in Deutschland seit etwa 10 Jahren unverändert hoch ist. Dass wir es nicht schaffen, die alten Defizite unseres Bildungssystems abzubauen und es an die neuen Herausforderungen anzupassen.

Ein weisses Schild mit rotem Rand und der Aufschrift "Unterrichtsausfall - Der Direktor" haengt schief an gelben Schnueren vor einer Tafel mit Resten von Klebeband. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / SULUPRESS.DE | Torsten Sukrow / SULUPRESS.DE)
Lehrkräftemangel, Föderalismus - es gibt viele Gründe, warum es seit Jahren wenig Veränderungen im Schulsystem gibt. Daher gibt es hierzulande viele Schulabbrecher.

Große Bildungslücken durch Lehrkräftemangel und Schulschließungen

Da ist der Lehrkräftemangel in allen Schularten. Dann haben wir immer noch Nachwirkung der langen Schulschließungen während der Corona-Pandemie – die dadurch entstandenen Lücken sind längst nicht aufgeholt.

Dazu kommt auch noch eine hohe Anzahl von Kindern mit Migrationshintergrund, die wir nicht rechtzeitig erreichen, um ihnen ausreichend deutsche Sprachkenntnisse zu ermöglichen. Und nicht zuletzt bremst auch der Bildungsföderalismus vieles aus.

So geht jedes Bundesland seine eigenen Wege in Sachen Schulabbruch und diese werden nur selten, und wenn auch nur stichprobenartig, wissenschaftlich überprüft.

Unter dem Lehrkräftemangel leiden vor allem die Kinder, die mehr Unterstützung brauchen. Mädchen vor Tafel: Lehrermangel (Foto: IMAGO, IMAGO/IlluPics)
Unter dem Lehrkräftemangel leiden vor allem die Kinder, die mehr Unterstützung brauchen.

Schulabbrecher fallen oft aus dem System

Die Abschirmung der Bundesländer führt dazu, dass Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher oft aus dem System fallen. So leiten zum Beispiel nur drei Bundesländer – Bremen, Bayern und Hamburg – ihre Daten über Schulabbrecher an die Bundesagentur für Arbeit weiter.

Schade, denn deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten dann zeitnah eingreifen und sich um eine Weiterqualifizierung oder Vermittlung in einen Ausbildungsberuf kümmern.

Bessere Förderung schon im Kita-Alter nötig

Doch eigentlich müsste der Hebel schon viel früher angesetzt werden. Diejenigen, die durch Leistungsschwäche auffallen, sollten schon in der Kita besonders gestützt und gefördert werden. Die Lösung ist ganz schlicht: Diese Kinder und Jugendlichen müssten viel individueller durch Erzieher und Lehrerinnen unterstützt werden. Aber genau da beißt sich eben die Katze in den Schwanz, denn der Lehrkräftemangel verhindert das ja.

Leistungsschwache fallen durch das Bildungsraster

Wegen mangelnder Ressourcen werden die vermeintlich Leistungsschwachen oft schon in der Grundschule aufgegeben. Lehrkräfte konzentrieren sich notgedrungen auf diejenigen, die bessere Chancen haben im Bildungssystem durchzukommen.

So entscheidet familiäre Prägung bzw. Herkunft bei uns weiter über den Bildungserfolg, weil Schule immer noch auf die Unterstützung von zu Hause aufbaut.

Wer in Deutschland zu Hause wenig Unterstützung beim Lernen bekommt, fällt leichter durch das Raster. Schulabbrecher sind oft einfach überfordert.  (Foto: IMAGO, imago images/Michael Gstettenbauer)
Wer in Deutschland zu Hause wenig Unterstützung beim Lernen bekommt, fällt leichter durch das Raster. Schulabbrecher sind oft einfach überfordert.

Sozialer Status wichtiger Faktor für Schulabbruch

Wenn man die Sozialdaten ansieht, dann zeigt sich, dass die allermeisten Schulabbrecher aus Familien kommen, in denen Armut und Arbeitslosigkeit dominiert. Und überdurchschnittlich häufig haben sie Migrationshintergrund.

Insgesamt wächst die Zahl der Familien, die die schulische Unterstützung der Kids nicht wuppen können. So können Menschen ohne ausreichende Sprachkenntnisse ihren Kindern nicht einfach auf Deutsch vorlesen. Oder Familien, in denen alle in schlechtbezahlten Jobs malochen, haben oft keine Kapazität, um noch Hausaufgaben zu erklären.

Doch diesen Kindern und Jugendlichen sollten wir – elternunabhängig – die gleichen Chancen bieten wie denen, deren Eltern gut und gern unterstützen können. Diese Verantwortung sollten Schulen übernehmen. Und klar, dafür müssten sie ganz anders und viel umfassender ausgestattet werden.

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