Derzeit wird nach der Verkündung einer allgemeinen Corona-Impfpflicht in Österreich auch hierzulande kontrovers über dieses Thema diskutiert. (Foto: imago images, imago images/Future Image)

Kommentar

Covid-19-Impfpflicht – Was dafür und dagegen spricht

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Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sind mit ihrer Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht vorangeprescht. Gibt es gute Argumente dafür und dagegen?

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Was gegen eine Covid-19-Impfpflicht spricht

Die Frage ist doch: Was bringt uns eine Impfpflicht? Wirklich mehr Geimpfte? Oder eher mehr gefälschte Impfpässe? Kurzfristig kommen wir mit einer verpflichtenden Impfung nicht aus der vierten Welle, den Wettlauf gegen das exponentielle Wachstum können wir impfend nicht schnell genug gewinnen, wenn überhaupt.

Und langfristig würde die Politik wirklich jegliche Glaubwürdigkeit verlieren: Man kann doch nicht monatelang mantra-mäßig wiederholen, dass es keine Impfpflicht geben wird und dann plötzlich das Gegenteil behaupten. Besonders wichtig finde ich aber: Eine Impfung ist ein medizinischer Eingriff, der KANN schiefgehen, auch wenn das nur sehr, sehr selten passiert. Und deshalb ist es richtig, dass wir uns für oder gegen einen solchen Eingriff entscheiden können.

Eine Impfung ist ein medizinischer Eingriff, der auch gewisse, wenn auch gegenüber einer Infektion geringere Risiken bietet. Aber dieser Aspekt sollte bei der ganzen Diskussion um eine Impfpflicht nicht vernachlässigt werden. (Foto: imago images, imago images/aal.photo)
Eine Impfung ist ein medizinischer Eingriff, der auch gewisse, wenn auch gegenüber einer Infektion geringere Risiken bietet. Aber dieser Aspekt sollte bei der ganzen Diskussion um eine Impfpflicht nicht vernachlässigt werden. imago images/aal.photo

Auch wenn die Entscheidung dagegen wie im Falle einer Corona-Impfung aus wissenschaftlicher Sicht nicht besonders klug ist. Denn eine Corona-Infektion bringt auch Gesundheitsrisiken mit sich und die sind je nach Alter deutlich höher als die der Impfung. Und wer sich nicht impfen lässt, wird sich irgendwann infizieren, soviel steht fest.

Wenn ich mich trotzdem gegen die Impfung entscheide, muss ich natürlich mit den Konsequenzen leben. Denn aus dieser Welle kommen wir vermutlich nur raus wie im letzten Jahr: mit einem harten Lockdown und Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte. Letztes Jahr waren wir das alle, niemand war geimpft, dieses Jahr gibt es Menschen, die das einer Impfung vorziehen.

Da stellt sich die Frage, wieso - und wie wir dem begegnen wollen. Eine erzwungene Spritze ist meiner Meinung nach die falsche Antwort. Viele Unentschlossene können noch mit Gesprächen erreicht werden, bei den aktuellen Inzidenzen sind wahrscheinlich viele deutlich zugänglicher als noch im Sommer. Was wir brauchen ist also neben dem schnellen Boostern: eine organisierte Aufklärungsarbeit, gezielte und durchdachte Informationskampagnen, Impfbusse an jeder Ecke, Bratwurststände davor, einfach alles, damit die Menschen erkennen, dass die Impfung die bessere Wahl ist. Und sich dann selbstbestimmt und gut informiert impfen lassen.

Veronika Simon, SWR Wissenschaftsredaktion

Was für eine Corona-Impfflicht spricht

Impfen rettet Leben. Punkt. Das ist das wichtigste Argument für das Impfen und auch für eine Impfpflicht. Um genau zu sein waren es in Deutschland allein in der ersten Hälfte dieses Jahres knapp 40.000 Menschenleben, die durch die Coronaimpfkampagne gerettet wurden, schätzt das Robert-Koch-Institut. Demgegenüber stehen laut Paul-Ehrlich-Institut 48 Todesfälle durch die Impfstoffe. Um den Faktor 1.000 weniger.

Und ginge es nur um das eigene Leben, dann müssten wir nicht diskutieren. Jeder sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob und wie er oder sie sich selbst vor Infektionskrankheiten schützt. Aber wenn ich mich impfen lasse, dann geht es nicht nur um mein Leben, sondern auch um das derjenigen, die sich in der Infektionskette hinter mir befinden. Und mit einer Impfpflicht kommt der Staat seiner eigenen Pflicht nach, diese Menschen zu schützen.

Bei der Covid-19-Impfung geht es darum, nicht nur sich, sondern auch andere zu schützen. (Foto: imago images, imago images/Sven Simon)
Bei der Covid-19-Impfung geht es darum, nicht nur sich, sondern auch andere zu schützen. imago images/Sven Simon

Vor allem geht es darum, diejenigen zu schützen, die sich selbst durch eine Impfung nicht schützen können – entweder weil sie trotz Impfung noch ein Risiko haben schwer zu erkranken oder zu sterben – oder weil sie sich gar nicht erst impfen lassen können. Eine moralische Impfpflicht diesen Menschen gegenüber gibt es also schon – aber wenn die nichts bringt, dann bleibt nur noch die gesetzliche.

Und mittlerweile geht es auch um Fairness denen gegenüber, die sich bereits haben impfen lassen und damit zur Rückkehr zur Normalität beigetragen haben – eine Normalität, zu der wir aber der Ungeimpften wegen noch nicht zurückkehren können.

Eine Impfpflicht würde auch endlich die Dauerbelastung des Gesundheitspersonals – vor allem der Intensivpfleger*innen – beenden. Schon lange vor der Pandemie gab es in Deutschland einen Mangel an Pflegekräften und die Wenigen, die es noch gab müssen jetzt schon bald zwei Jahre Massen an schwerkranken Menschen versorgen. Dabei gibt es ein Mittel diese Menschen zu entlasten: die Impfungen.

Und letztlich geht es auch um Solidarität den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegenüber, die wieder mit ihren Freunden spielen, ihren Schulabschluss feiern oder mit ihren Kommilitonen zusammen im Hörsaal studieren wollen – und auf deren Rücken wir vieles in der Pandemie ausgetragen haben, ohne ihnen ein Mitspracherecht zu geben.

Mit einer klaren Entscheidung würde auch endlich das langsame, aber stete Öffnen der Impfpflicht-Hintertür beendet werden. Dann wäre Klarheit geschaffen und der Weg aus der Pandemie geebnet.

David Beck, SWR Wissenschaftsredaktion

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