Ein Mann lehnt sich auf eine Fensterbank und schaut betrübt nach draußen. Um ihn herum sind animierte Coronaviren eingeblendet. (Foto: IMAGO, IMAGO / Bihlmayerfotografie)

Kommentar

Warum wir die Corona-Isolationspflicht nicht abschaffen dürfen

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AUTOR/IN
Ulrike Till
ONLINEFASSUNG
Lilly Zerbst

Fast alle Corona-Maßnahmen sind gefallen. Jetzt soll auch die Quarantänepflicht weichen, zumindest wenn es nach dem Chef der Kassenärztlichen Vereinigung und der FDP geht. Warum das eine schlechte Idee ist – ein Kommentar.

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Wer einen positiven Coronatest hat, muss sich fünf Tage zu Hause isolieren – selbst wenn man sich gar nicht richtig krank fühlt. Das wollen einige nun ändern: Wer sich fit fühlt, soll zur Arbeit, meint der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Andreas Gassen. Das soll Firmen und Kliniken mit hohem Krankenstand entlasten. Auch die FDP will die Isolationspflicht abschaffen.

Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach dagegen hält an der Isolationspflicht fest. Auch viele Ärztevertreter warnen vor einem Wegfall.

Omikron-Infizierte sind länger ansteckend

Das Tückische bei der Omikron-Variante ist, dass auch Menschen mit leichtem Verlauf hoch ansteckend sind – und zwar nach Start der Symptome für fünf bis zehn Tage. Das hat kürzlich eine Studie im New England Journal of Medicine gezeigt. Bei Delta war die gefährliche Zeit viel kürzer. Aber mit Omikron kann man mehr als eine Woche lang andere infizieren, das ist ein klares Argument für die Isolationspflicht.

Schild am Fenster eines Geschäfts mit der Aufschrift "Maske freiwillig". (Foto: IMAGO, IMAGO / Bihlmayerfotografie)
Fast alle Schutzmaßnahmen sind gefallen, selbst die Maskenpflicht gilt nur noch an wenigen Orten. Die Isolationspflicht könnte der letzte Damm sein, der die aktuelle Coronawelle wenigstens ein Stück weit bremst. IMAGO / Bihlmayerfotografie

Isolationspflicht ist auch wirtschaftlich sinnvoll

Die Pflicht ist schon jetzt stark aufgeweicht: nur noch fünf Tage Isolation und ohne Zwang zum Freitesten – das ist das absolute Minimum. Die meisten hätten doch einen milden Verlauf, viele könnten trotz Infektion arbeiten – so argumentieren die FDP und der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung. Für die Wirtschaft seien die Personalengpässe nicht mehr hinnehmbar.

Eine Maske liegt auf dem Tisch einer Kantine.  (Foto: IMAGO, IMAGO / Andia)
Spätestens in der Kantine wird die Maske am Arbeitsplatz abgelegt. Dort tummeln sich zum Teil hunderte Kollegen. Wer mit Corona zur Arbeit kommt, kann hier zum Superspreader werden. IMAGO / Andia

Das ist ebenso kurzsichtig wie falsch. Was hat eine Firma denn davon, wenn Corona-Infizierte zur Arbeit kommen und dann in der Kantine, auf der Baustelle oder im Büro andere anstecken? Dann sind zwei Wochen später mehr Leute krank, als wenn mögliche Superspreader zu Hause bleiben.

Pflegekräfte und Ärzte tragen soziale Verantwortung

Völlig abwegig finde ich die Diskussion beim medizinischem Personal. Ärztinnen und Pfleger, die trotz positivem Test zum Dienst gehen, gefährden das Leben ihrer Patienten. Deshalb haben sich auch die deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin DIVI und der Deutsche Hausärzteverband entschieden für die Isolationspflicht ausgesprochen.

Eine Pflegekraft setzt einem alten Mann mit Handschuhen das Gebiss ein. (Foto: IMAGO, IMAGO / photothek)
Im Altenheim sind Pflegekräfte und ärztliches Personal in engem körperlichen Kontakt mit Einwohnern, die häufig zur Corona-Riskiogruppe gehören. Kommen sie trotz Coronainfektion zur Arbeit, kann das für die Gepflegten schnell lebensgefährlich werden. IMAGO / photothek

Covid-19 ist eben kein Schnupfen, sondern für Risikogruppen eine echte Gefahr. Für Alte, chronisch Kranke, Menschen mit schwachem Immunsystem und Schwangere kann eine Infektion gravierende Folgen haben; sie müssen so gut es geht vor einer Ansteckung geschützt werden. Deshalb ist ein positiver Test keine Privatsache, sondern erfordert soziale Verantwortung. Um die sicherzustellen, gibt es die Isolationspflicht – allein auf Eigenverantwortung kann man bei einer so gefährlichen Krankheit nicht setzen. Das sehe ich ganz anders als die FDP.

Wir können nicht auf Herdenimmunität setzen

„Wir müssen eben mit dem Virus leben lernen“, heißt es jetzt wieder. Ja, das müssen wir. Aber mit Augenmaß und Vorsicht, nicht indem wir die Pandemie einfach laufen lassen. In vielen Köpfen geistert immer noch die Vorstellung herum, wenn sich jetzt alle infizieren, sei Corona bald vorbei. Das ist ein Trugschluss: Wer sich mit Omikron infiziert, kann sich schon nach ein paar Wochen wieder anstecken; deshalb nennen Forscher Omikron auch eine „Immunflucht-Variante“.

Außerdem bedeutet ein „milder Verlauf" nur, dass man nicht ins Krankenhaus muss – viele Menschen bekommen Fieber und sind eine Woche wie ausgeknockt, das will man auch nicht ständig haben. Und wer für die allgemeine Durchseuchung plädiert, blendet völlig aus, dass Corona für viele chronisch Kranke, für Schwangere und Immungeschwächte eben doch hochgefährlich ist.

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