Die Corona-Impfpflicht scheint erst mal vom Tisch zu sein. (Foto: imago images, imago images/Jochen Eckel)

Kommentar

Corona-Impfpflicht gescheitert – eine nachvollziehbare Entscheidung

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Alle Anträge zur Einführung einer Corona-Impfpflicht wurden im Bundestag abgelehnt. Was wäre denn aus wissenschaftlicher Sicht die beste Lösung? Ein Kommentar von Anja Braun aus der SWR Wissenschaftsredaktion:

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Heute ging es vorrangig um die Impfpflicht für Menschen, die über sechzig Jahre alt sind. Eine besonders vulnerable Gruppe, da hier bei Ungeimpften schwerere Verläufe erwartet werden.

Nur wenig Ungeimpfte in der Altersgruppe über 60 Jahren

Doch die Zahl der Ungeimpften in der Altersgruppe der Ü-60-Jährigen ist im Vergleich mit allen anderen Altersgruppen nicht besonders groß - das Robert Koch Institut hat erfasst, dass 88,8 Prozent aller über 60 Jährigen in Deutschland zumindest grundimmunisiert sind- und 79 Prozent der über 60 Jährigen haben auch bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten.

Es sind also rund 11 Prozent der über 60-Jährigen, die bisher nicht geimpft wurden. Und ich spekuliere mal - von denen wäre ein Großteil sicher durch eine Impfpflicht nicht erreicht worden.

In Deutschland haben nur rund elf Prozent der Über-60-Jährigen keinen vollständigen Corona-Impfschutz.  (Foto: imago images,  imago images/NurPhoto)
In Deutschland haben nur rund elf Prozent der Über-60-Jährigen keinen vollständigen Corona-Impfschutz. imago images/NurPhoto

Schwere Krankheitsverläufe bei Omikron seltener

Dazu kommt: Bei der jetzt vorherrschenden Omikron-Variante ist es trotz Impfungen und Booster leichter möglich infiziert zu werden und die Infektion auch weiterzugeben, wenn auch der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen sicher ist - und es bei Infektionen mit Omikron sowieso deutlich seltener zu schweren Krankheitsverläufen kommt.

Herdenimmunität kann wohl bei Corona nicht erreicht werden

Von der Idee der Herdenimmunität haben sich die Forschenden daher längst verabschiedet. Um das klarzustellen: aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht ist es sinnvoll, möglichst viele Menschen gegen Covid 19 zu impfen. Es ist auch sinnvoll, in Innenräumen weiter Masken zu tragen und Abstand zu halten.

Politik setzt auf mehr Eigenverantwortung

Aber die Politik hat sich hier für das Prinzip Eigenverantwortung entschieden. Jeder soll nun das Risiko einer Ansteckung selbst einschätzen und dementsprechend handeln. Nun einer isolierten Gruppe- nämlich den über 60 Jährigen- die Eigenverantwortung abzusprechen und sie zum Selbstschutz zu zwingen. Das geht einfach nicht.

Die Corona-Impfpflicht ist im Bundestag gescheitert. Man setzt auf mehr Eigenverantwortung. (Foto: imago images, imago images/MiS)
Die Corona-Impfpflicht ist im Bundestag gescheitert. Man setzt auf mehr Eigenverantwortung. imago images/MiS

Auch Diabetiker und Asthmatiker haben Risiko für schwereren Verlauf

Zudem hätten wir bei einer Impfpflicht, die für vulnerable Gruppen eingeführt werden soll, auch Menschen mit diversen Vorerkrankungen mit einbeziehen müssen. Das wären zum Beispiel Diabetikerinnen und Asthmatiker. Auch diese Gruppen haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf, wenn sie nicht geimpft sind.

Eine Corona-Impfpflicht für Über 60-Jährige ist wenig sinnvoll, weil Risikogruppen davon nicht automatisch mit erfasst sind. (Foto: imago images, IMAGO/Bihlmayerfotografie)
Eine Corona-Impfpflicht für Über 60-Jährige ist wenig sinnvoll, weil Risikogruppen davon nicht automatisch mit erfasst sind. IMAGO/Bihlmayerfotografie

Hoher Krankenstand bei klinischem Personal

Auf der anderen Seite muss man die derzeitige Lage in den Krankenhäusern sehen. Sie klagen - aber nicht über volle Intensivstationen, sondern über den Krankenstand des ärztlichen Personals. Und der lässt sich nicht durch die Impfung der Ü- 60-Jährigen beheben.

Thema Corona-Impfpflicht vielleicht noch nicht erledigt

Ich hoffe, dass durch diese Debatte zumindest der Boden bereitet wurde für eine schnelle Entscheidung, wenn doch noch eine gefährlich krankmachende Coronavirus-Variante auftritt. Dann sollte der Bundestag sich schnell auf eine Impfpflicht für alle ab 18 einigen können.

Schade ist, dass mit der Impfpflicht auch die Beratungspflicht für alle Ungeimpften erstmal gekippt wurde. Die wäre absolut wünschenswert, aber ganz ehrlich: Die zusätzliche Zeit und Energie, die es kosten würde  die jetzt noch Ungeimpften tatsächlich in langen und ausführlichen Beratungsgesprächen zu überzeugen, haben unsere medizinischen Einrichtungen und die Fachkräfte im derzeitigen System sicher nicht.

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