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Krebsforschung Neue Ansätze im Kampf gegen Metastasen

Von Ulrike Till

Zwei Drittel aller Todesfälle bei Krebs gehen auf das Konto von Metastasen. Deshalb suchen Forscher intensiv nach neuen Wegen, die bösartigen Absiedlungen zu bekämpfen.

Wenn sie rechtzeitig erkannt werden, lassen sich immer mehr Tumorarten erfolgreich behandeln. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland dabei sehr gut ab. Allerdings stoßen auch die besten Ärzte an ihre Grenzen, wenn der Krebs schon gestreut hat: Metastasen sind die tödlichen Töchter eines Tumors; sie sind in der Regel gefährlicher als der Ursprungskrebs.

Professor Andreas Fischer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg wundert sich, dass bisher nur wenige Wissenschaftler nach Strategien gegen Metastasen suchen. Der Hauptfokus der nationalen und internationalen Krebsforschung sei nach wie vor auf den Primärtumor ausgerichtet. Das sei eigentlich überraschend, weil Metastasen die Haupttodesursachen bei alle Krebserkrankungen sind. Er fordert daher, viel mehr Energie in die Metastasenforschung zu stecken.

Eine Krebszelle

Die aktuelle Forschung befasst sich vor allem mit dem sogenannten Primärtumor. Dabei sterben viele Patienten dann, wenn der Krebs streut, es zu Metastasen kommt.

Tumore entziehen sich der Überwachung durch das Immunsystem

Davon ist auch der Heidelberger Brustkrebsspezialist Professor Andreas Schneeweiß überzeugt. Er erlebt immer wieder, wie fatal es ist, wenn Tumore immer weiter wachsen und irgendwann auch streuen: Ein Tumor ist niemals stabil. Im Verlauf der Erkrankung gewinnt er immer mehr erbliche Veränderungen. Deswegen wird der immer schwerer zu greifen. Diese erblichen Veränderungen führen dann zu Funktionsstörungen im Tumor. Er entledigt sich der Überwachung durch das Immunsystem und wird immer unempfindlicher gegen alle möglichen Therapieansätze.

Wie aber schaffen es einzelne Tumorzellen, zum Beispiel aus der Brust, in Lunge, Leber oder Gehirn einzudringen und dort eine Metastase zu bilden? Eigentlich sind die Chancen dafür minimal – wenn Krebszellen ins Blut gelangen, wird nur aus einer von zehntausend eine Metastase. Dass das überhaupt möglich ist, liegt an raffinierten Tricks der Krebszellen, so Andreas Fischer:

  • Der Tumor bereitet seine Ankunft in einem anderen fremden Organ vor. Er setzt Botenstoffe frei.
  • Der Tumor schwächt die Immunabwehr im Zielorgan.
  • Im Zielorgan finden unter anderem Umbauprozesse im Bindegewebe statt, die es dann der Tumorzelle erleichtern, sich dort einzunisten.

Tumorzellen passen ihren Stoffwechsel an Umgebung an

Auf diese Art entstehen sogenannte „prämetastatische Nischen“. Doch Krebszellen auf dem Weg zur Metastase verändern nicht nur ihre künftige Umgebung, sondern auch sich selbst: Nach neuesten Erkenntnissen müssen sich Tumorzellen in einem fremden Organ sehr rasch an den dortigen Stoffwechsel anpassen. Bei manchen Organen werden vor allem Kohlenhydrate verstoffwechselt. Und bei anderen Organen werden eher die Fette verstoffwechselt.

Eine solche Stoffwechselumstellung in der Tumorzelle muss scheinbar bereits vor der Ankunft in diesem fremden Organ erfolgen. Nur so hat die Tumorzelle von Anfang an einen gewissen Überlebensvorteil.

Röntgenaufnahme einer Leber mit Metastasen

Röntgenaufnahme einer Leber mit Metastasen

Antikörper verhindern Metastasen - im Tierversuch

Das könnte ein Ansatzpunkt für neue Therapien sein. In Versuchen mit Mäusen ist es Wissenschaftlern schon gelungen, den Stoffwechsel bestimmter Metastasen zu stören: Wenn eine wichtige Andockstelle für Fettsäuren blockiert war, hat das die Metastasen ausgehungert. So wurden in präklinischen Studien am Tiermodell Antikörper getestet, die diesen Fettsäuretransporter hemmen, mit verhältnismäßig wenig Nebenwirkungen. Diese Antikörper haben, so Andreas Fischer, dazu geführt, dass im Tiermodell die Metastasenhäufigkeit dramatisch vermindert wurde.

Ob das auch beim Menschen gelingt, muss sich erst noch zeigen. Klar ist schon jetzt: Einen allgemeinen Blocker für Metastasen wird es nicht geben. Zu unterschiedlich sind ihre Eigenschaften – nicht nur beim Stoffwechsel. Metastasen im Gehirn zum Beispiel lassen sich möglicherweise am besten attackieren, indem man das Wachstum von Blutgefäßen bremst. Pilotstudien mit dem schon lange zugelassenen Wirkstoff Avastin kommen zu vielversprechenden Ergebnissen.

Ein gefülltes Röhrchen für den Krebs Bluttest.

Auch Tumorspuren im Blut lassen sich immer besserentdecken und helfen bei der maßgeschneiderten Therapie.

Neue Ansätze zur Erkennung und Behandlung von Krebs

Auch auf Immuntherapien setzen Ärzte im Kampf gegen Metastasen, erklärt der Brustkrebsexperte Andreas Schneeweiß: Wir glauben, dass wir durch neue Therapiemöglichkeiten, mit denen wir vorwiegend die Immunüberwachung des Krebses wiederherstellen, dass wird dadurch bei immer mehr Patienten eine Langzeitkontrolle erreichen.

Allerdings schlagen Immuntherapien nur bei manchen Patienten an. Und auch bei anderen Medikamenten ist vorher oft nicht klar, wer profitieren wird. Mit einer genauen Analyse des Tumorerbguts lässt sich die Trefferquote wahrscheinlich deutlich erhöhen. Wie das am besten gelingt, sollen großangelegte Studien zeigen.

Noch beruht die molekulare Tumoranalyse meist auf Gewebeproben – in einigen Jahren aber könnten ausgefeilte Bluttests Auskunft über Metastasen geben, so die Hoffnung von Andreas Schneeweiß. So ist es die Hoffnung der Forscher, dass man künftig nicht mehr die einzelne Metastase zu biopsieren braucht, sondern im Blut das Erbmaterial des Tumors identifizieren und darauf dann eine Therapie aufbauen kann.

Auch eine vorbeugende Behandlung ist denkbar – wenn sich im Blut abzeichnet, dass Metastasen im Entstehen sind. Das ist im Moment allerdings noch Zukunftsmusik.