STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

“Jeder neue Nobelpreisträger hat das Gefühl, dass er oder sie in Einsteins Fußstapfen tritt.“ So antwortet Göran Hansson auf die Frage, was den Nobelpreis so besonders macht.

Der Mediziner und Zellbiologe Göran K. Hansson arbeitet und forscht am Karolinska Institut in Stockholm und ist seit 2015 Generalsekretär der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften – und damit ganz nah dran an allem, was mit dem berühmtesten Wissenschaftspreis der Welt zu tun hat. Die Akademie ernennt die Nobelpreisträger in Physik und Chemie, so wie Alfred Nobel es in seinem Testament vom 27. November 1895 festgelegt hat.

Nobelpreis wird aus Erlösen der Nobel-Stiftung finanziert

Sein letzter Wille passt auf ein Blatt Papier – und schlug ein wie eine Bombe, als der Text nach seinem Tod bekannt wurde. Darin bestimmte der Erfinder des Dynamits, dass der weitaus größte Teil seines nach heutigen Maßstäben 300 Millionen Euro großen Vermögens in eine Stiftung fließen und für die Finanzierung von Preisen dienen sollte, für Physik, Chemie, Medizin oder Physiologie, Literatur und Friedensarbeit. Aus den Erlösen der Nobel-Stiftung werden seit 1901 die Nobel-Preisgelder finanziert.

Geehrt werden oft weiße alte Männer

Seit die ersten Nobelpreise vergeben wurden, gab es auch immer wieder Kritik an den Vergabekriterien und der Vergabepraxis.
Von den bis heute 624 Nobelpreisträgern in den Naturwissenschaften sind zum Beispiel bislang nur 23 Frauen. Zudem kommen über 85 Prozent der Preisträger in den Naturwissenschaften aus Europa und den USA und es sind oftmals alte, weiße Männer, die geehrt werden, weil sie teils vor Jahrzehnten Herausragendes geleistet haben.

Spekulationen über die Zukunft des Nobelpreies

Dass 2020 in Chemie zwei Frauen den Nobelpreis bekamen, die mit ihrer Entdeckung erst seit 8 Jahren „auf dem Markt sind“, ändert diese Statistik nur wenig. Außerdem sind Forscher und Forscherinnen heute meist keine Einzelgänger mehr, die allein in ihren Laboren auf geniale Ideen kommen, so wie zu Alfred Nobels Zeiten die Wissenschaftswelt beschaffen war, sondern sie arbeiten in internationalen Teams gemeinsam an globalen Projekten.

Die Leistungen solcher internationalen Teams werden bisher aber nur unzureichend gewürdigt, denn ein naturwissenschaftlicher Nobelpreis geht, wie im Testament festgelegt, maximal an drei Personen. Forschungseinrichtungen oder Institutionen, wie beim Friedensnobelpreis üblich, schließen die Nobel-Regeln aus. Wie lange kann das noch so bleiben? Wie sieht die Zukunft des Nobelpreises aus? Dazu haben wir mit Prof. Dr. Göran K. Hansson gesprochen, dem Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften.

Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften berichtet über seine Vorstellungen der Zukunft des Nobelpreises. (Foto: Imago, imago images/SKATA)
Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften berichtet über seine Vorstellungen der Zukunft des Nobelpreises. Imago imago images/SKATA

Das Interview in deutscher Übersetzung:

Muss sich das Nobel-Komitee genau an Nobels Testament halten?

Der Wille muss wie eine Verfassung interpretiert werden, denn natürlich ist es ein Dokument, das 1895 geschrieben wurde, als die Welt anders war. Dann müssen wir es unter den gegenwärtigen Umständen interpretieren. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Nobel schrieb in seinem Testament, dass es an diejenigen vergeben werden sollte, die die wichtigsten Entdeckungen im vergangenen Jahr gemacht haben. Das stellte sich sehr bald als unmöglich heraus, so dass dies bewusst geändert wurde und diese Interpretation ist nun in der Satzung der Nobel-Stiftung festgelegt.

Können in Zukunft auch „Wissenschaftler-Teams“ einen Nobelpreis bekommen?

Das wird mehr oder weniger ständig diskutiert. Das ist ein offensichtliches Problem in bestimmten Bereichen, vor allem in bestimmten Bereichen der Physik, der Teilchenphysik, und wir diskutieren das. Manchmal ziemlich intensiv. Bis jetzt sind wir aber noch der Meinung, dass es möglich ist, in dieser Welt der Organisationen und Verwaltungsstrukturen, die kreative Person zu identifizieren, die auf die ursprüngliche Idee gekommen ist, die den wichtigsten Beitrag gemacht hat. Entdeckungen werden eben nicht von Organisationen oder Komitees gemacht, sondern von Einzelpersonen. Bisher war es jedenfalls immer möglich, einzelne Wissenschaftler zu ehren, aber wir diskutieren dieses Thema mehr oder weniger kontinuierlich.

Gibt es „nobelpreiswürdige Forschung“, die aber nicht einem Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin zuzuordnen ist?

Wenn wir keine einzelne Entdeckung identifizieren können, die ein Durchbruch war, die die bisherige Sicht ändert, es nur schrittweise Verbesserungen gab, kleine Schritte vorwärts, eine Reihe von Schritten vorwärts, dann ist es sehr schwierig, einen Nobelpreis zu vergeben. Sie brauchen eine eindeutige Entdeckung, die diesen Bereich der Wissenschaft verändert hat. Da gibt es Beispiele, bei denen solche kleinen Fortschritte erzielt wurden.

Es ist daher schwierig und nicht einfach für das Nobelkomitees, genau zu bewerten und herauszufinden: Was soll man diskutieren? Was ist die wichtigste Entdeckung in diesem bestimmten Entwicklungsprozess, in diesem Forschungsbereich und wer hat es getan? Und wir haben es einige Male Auszeichnungen vergeben, bei denen nicht nur die Leiter des Teams eingeschlossen waren, sondern auch ein Post-Doc oder sogar ein Doktorand. Denn wir wollen wirklich die Leute finden, die die Entdeckung gemacht haben und da gibt es eine Reihe von Ehrungen in der jüngeren Vergangenheit.

Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften bei der Nobelpreisvergabe am 6. Oktober 2020. (Foto: Imago, imago images/TT)
Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften bei der Nobelpreisvergabe am 6. Oktober 2020. Imago imago images/TT

Haben Preisträgerinnen oder Preisträger schon einmal darauf hingewiesen, dass sie nur Teil eines Teams sind?

Das passiert eher mehr als weniger. Besonders, wenn es sich um einen Preis handelt, der für experimentelle Forschung vergeben wird, weil ein Team an dem Experiment gearbeitet hat. Und es kann sein, dass Postdocs für ein paar Jahre dem Team beitreten und dann andere beitraten, und das ist dann wie eine Staffel. Der berühmteste Fall, dass jemand darauf hinwies, dass er mit der Entdeckung nicht allein war, war natürlich Pierre Curie, der sagte, dass, wenn er für den Nobelpreis in Betracht gezogen werden sollte, dass dann für seine Frau Marie Curie ebenfalls gelten muss.

Der Anteil von Frauen unter den Geehrten in Medizin, Physik und Chemie ist immer noch sehr klein. Wird sich das ändern?

In diesem Jahr hat sich definitiv etwas geändert. Wir haben 3 Frauen, die den Nobelpreis für Naturwissenschaften erhalten haben: Andrea Ghez für Physik und Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier für Chemie.
Ich denke, wir werden mehr davon sehen und in den letzten zehn Jahren, den letzten Jahrzehnten, hat es einen stetigen Anstieg gegeben. Aber es ist ein Anstieg von sehr niedrigem Level aus. Wir haben eine Situation, eine Geschichte, in der Frauen diskriminiert wurden, sie nicht die gleichen Chancen in der Bildung hatten, nicht die Möglichkeit, ein Universitätsstudium zu absolvieren, um in die Forschung zu gehen. Ich meine, wenn Sie sich den aktuellen Film über Marie Currie ansehen, dann kann man die Probleme sehen, mit denen Frauen in der Wissenschaft vor 120 Jahren konfrontiert waren.

Ich meine, die Situation hat sich vor allem in den letzten 30 bis 40 Jahren allmählich verbessert. Aber es dauert eben lange, vom Beginn eines Physikstudiums bis zum Nobelpreis für Physik, da gibt es einen Entwicklungsrückstand.
Wir wollen aber unsere Statistiken nicht aufpolieren, indem wir Frauen absichtlich für ein oder zwei oder drei Jahre den Nobelpreis verleihen. Denn das würde weder den Frauen noch dem Respekt vor der Größe des Preises zugutekommen. Jede Frau, die den Nobelpreis erhält, erhält ihn, weil sie die wichtigste Entdeckung zum Wohle der Menschheit gemacht hat und nicht wegen einer Quote. Daher können Sie sicher sein, dass die diesjährigen Nobelpreisträgerinnen fantastische Entdeckungen gemacht haben und den Nobelpreis wirklich verdienen.

Das Wichtigste ist aber natürlich, niemanden zu verpassen, der den Nobelpreis verdient, kein Talent eines Geschlechts oder einer Gruppe zu verpassen. Daran arbeiten wir in letzter Zeit ziemlich viel, mit internen Diskussionen, Seminaren und indem wir in unseren Einladungsschreiben an diejenigen, die zur Nominierung eingeladen sind, ausdrücklich darauf hinweisen, dass sie eine umfassende Sicht in Bezug auf Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit einnehmen sollten. Wir möchten niemanden verpassen, der berücksichtigt werden sollte.

Die Preisträgerinnen des Chemie-Nobelpreises 2020: Die Französin Emmanuelle Charpentier und die US-Amerikanerin Jennifer Doudna. (Foto: Imago, imago images/Agencia EFE /.L.Cereijido)
Die Preisträgerinnen des Chemie-Nobelpreises 2020: Die Französin Emmanuelle Charpentier und die US-Amerikanerin Jennifer Doudna. Imago imago images/Agencia EFE /.L.Cereijido

Warum dauert es manchmal Jahrzehnte, ehe Forschungsergebnisse geehrt werden?

Ich würde sagen, dass dies den Charakter des Forschungsfeldes widerspiegelt. Wenn Sie den diesjährigen Physikpreis nehmen, Roger Penrose war mit seinen bahnbrechenden, theoretischen Beiträgen in den sechziger Jahren seiner Zeit so weit voraus, dass es mehrere Jahrzehnte dauerte, bis man diese Beiträge experimentell bestätigen konnte. Und dann entdeckten Dr. Genzel und seine Kollegen, sowie Dr. Ghez und ihre Kollegen, unabhängig voneinander Signale, die auf die Existenz von Schwarzen Löchern hinweisen. Und das beweist dann natürlich, was Penrose geschrieben hat. Das war eine schöne Kombination aus beiden.

Wenn Sie eine experimentelle Entdeckung machen, wie dieses Jahr in Chemie oder wie die induzierbaren Stammzellen in der Medizin vor 8 Jahren, dann ist das wirklich eine Entdeckung. Es ist eine Revolution auf dem jeweiligen Gebiet, man kann die Technologie, die damit zusammenhängt, nutzen und das Wissen des Forschungsgebietes ändert sich, auf der Grundlage dieser Entdeckungen. Dann ist es viel einfacher, in der Medizin voranzukommen. Eine klinische Entdeckung ist viel schwieriger, weil Sie wissen müssen, dass dieser klinische Beitrag funktioniert und das Leben der Menschen rettet. Dafür brauchen sie eine lange Nachbeobachtungszeit.

Es kommt also auf das Gebiet an. Das ist für einen Chemiker besser möglich als in Physik und Medizin. Dort, denke ich, dauert es länger, Dinge zu beweisen.

Wo steht der Nobelpreis in 20 oder 30 Jahren?

In 120 Jahren hat sich der Nobelpreis als weltweit wichtigster, angesehenster und anerkanntester Preis für Wissenschaft, Literatur und Friedensarbeit etabliert.
Ich denke, der Preis wird, wenn wir weiterhin gute Arbeit leisten, diese Position behalten, auf dem Gipfel der Wissenschaft. Aber alles hängt von der Arbeit der Komitees ab und die Akademie muss sicherstellen, dass die richtigen Personen den Nobelpreis erhalten, für die wichtigsten Entdeckungen zum Wohle der Menschheit.

Wir werden weitermachen. Ich bin sicher, dass wir die Frage der “Teamwissenschaft” diskutieren werden und ich weiß nicht, wo wir da in 20 Jahren stehen werde.

In Bezug auf das Geschlecht bin ich ziemlich optimistisch. Ich gehe davon aus, dass Frauen eine viel größere Anzahl von Nobelpreisen erhalten werden.

Ich denke und hoffe auch, dass wir eine bessere weltweite Verteilung sehen werden, denn Länder, die noch keine Nobelpreise erhalten haben, investieren in die Wissenschaft, geben Wissenschaftlern Möglichkeiten und das wird ihnen dann die Chance geben, Entdeckungen zu machen, die zu Nobelpreisen führen können.

Was macht den Nobelpreis grundsätzlich so bedeutend?

Als der Nobelpreis begann, wurde unser Verständnis der Welt von Menschen wie Blanck, Curie, Einstein, Bor usw. revolutioniert. Damit wurden Maßstäbe gesetzt. Daher hat jeder neue Nobelpreisträger das Gefühl, dass er oder sie in Einsteins Fußstapfen tritt.

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG