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Schutz vor Gebärmutterhalskrebs Wie sinnvoll ist eine HPV-Impfung für Jungen?

Ein Gespräch mit Ulrike Till aus der SWR Wissenschaftsredaktion.

Seit 2006 können sich Mädchen in Deutschland mit einer Impfung vor Gebärmutterhalskrebs schützen. Jetzt empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut die sogenannte HPV-Impfung auch für Jungen. Das klingt erstmal verblüffend. Die meisten Experten begrüßen die Entscheidung dennoch als überfällig – in Australien, Schweden und den USA ist die Impfung bei Jungen längst Standard.

Was bringt es, wenn man jetzt auch Jungen gegen Viren impft, die Gebärmutterhalskrebs auslösen?

Da gibt es eine ganze Reihe von guten Gründen: Erstens können die humanen Papillomviren, vor denen die Impfung schützt, neben Tumoren an der Gebärmutter auch noch eine Reihe anderer Krebsarten verursachen. Einige Tumore in Mund, Hals und Rachen gehen auf das Konto dieser Viren. Außerdem können manche Virustypen Tumore am Darmausgang oder im Intimbereich verursachen. Und diese Krebsarten betreffen dann auch männliche Kinder und Jugendliche.

Allerdings sind diese Krebsformen eher selten, in Deutschland werden bei Männern jährlich rund 1600 Fälle neu diagnostiziert. Manche Kritiker sagen deshalb, dafür lohnt sich doch keine Impfung – das Argument greift aber zu kurz. Denn amerikanische Forscher haben in jüngster Zeit ein vermehrtes Auftreten von virusbedingten Tumoren im Mundraum beobachtet. Möglicher Grund: immer mehr junge Leute praktizieren Oralsex. Außerdem gibt es ein weiteres, zentrales Argument für die HPV-Impfung von Jungen: Durch die Impfung werden indirekt auch ungeimpfte Mädchen geschützt. 

Küssendes Paar

Gebärmutterhalskrebs - Männer impfen zum Schutz der Frauen?

Wieso sind Mädchen besser geschützt, wenn auch Jungen geimpft sind? 

Ganz einfach deshalb, weil HP-Viren sexuell übertragbar sind. Wenn ein Junge geimpft ist, kann er künftige Sexualpartnerinnen nicht mehr anstecken. Statistisch gesehen haben junge Männer häufiger als ihre Altersgenossinnen wechselnde Beziehungen – und das erhöht dann das Ansteckungsrisiko für junge Frauen. Wenn man nur ein Geschlecht impft, dann würde es tatsächlich am meisten bringen, nur Jungen zu impfen – eben weil sie die Haupt-Überträger der Viren mit Krebspotential sind.

Das sagt der Entdecker der HP-Viren und "Erfinder" der Impfung, der Heidelberger Nobelpreisträger Harald zur Hausen. In Deutschland ist nicht einmal die Hälfte der 17-jährigen Mädchen geimpft – deshalb wäre der indirekte Schutz über eine Impfung bei Jungs besonders wichtig. Davon würden langfristig auch homosexuelle Männer profitieren: Bei ihnen treten Tumore durch Papillomviren häufiger auf als in der übrigen Bevölkerung. Und schließlich - egal ob Mann oder Frau: Die HPV-Impfung schützt auch vor Genitalwarzen. Die sind zwar nicht lebensbedrohlich, aber sehr unangenehm und nur schwer wieder loszuwerden. 

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer Humaner Papillomviren (HPV)

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer Humaner Papillomviren (HPV)

Es gab ja vor allem in den ersten Jahren der Impfung immer wieder alarmierende Berichte über mögliche gefährliche Nebenwirkungen – was ist da jetzt der aktuelle Stand? 

Mehr als 90 Millionen Mädchen und Jungen haben die Mehrfach-Impfung weltweit erhalten – bedenkliche Nebenwirkungen sind extrem selten aufgetreten. Laut Robert-Koch-Institut kommt es bei einer Million Impfungen nur in ein bis zwei Fällen zu einem allergischen Schock; auch Herzstolpern kann auftreten – das führen die Experten auf Angst und Stress während der Impfung zurück. Außerdem kommt es manchmal zu Fieber, Schmerzen oder Schwellungen an der Einstichstelle der Spritze. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bewertet den Impfstoff als sehr sicher. 

Sind denn durch die Impfung tatsächlich weniger Frauen an Gebärmutterhalskrebs gestorben als früher? 

Ob es dank der Impfung tatsächlich weniger Tote durch Gebärmutterhalskrebs und andere virusbedingte Tumore gibt, kann man im Moment noch nicht sagen – diese Tumore wachsen zumeist sehr langsam und brauchen oft 15, 20 oder noch mehr Jahre, bis sie auffallen und für Betroffene tödlich enden - so lange ist die Impfung noch gar nicht auf dem Markt. Man weiß aber, dass die Zahl gefährlicher Krebsvorstufen durch die Impfung deutlich abgenommen hat – das heißt, es ist davon auszugehen, dass auch die Todesrate in ein paar Jahren deutlich sinken wird.

Krebszellen

Krebs - eine Impfung gegen Papillomviren kann möglicherweise vor bestimmten Krebsarten schützen.

Seit zwei Jahren gibt es einen noch besseren Impfstoff: Der schützt nicht nur vor den beiden Hauptrisikoviren, sondern vor insgesamt neun Varianten – das bietet eine 90-prozentige Sicherheit.

Die Impfexperten am Robert-Koch-Institut raten jetzt also zur HPV-Impfung auch für Jungen – müssen die Krankenkassen das ab sofort bezahlen? 

Im Moment gibt es noch keine offizielle Regel, einige Kassen wie Techniker oder DAK Gesundheit übernehmen die Kosten aber schon jetzt. Gerade ist die Empfehlung der Ständigen Impfkommission im Epidemiologischen Bulletin erschienen. Das heißt, dass der Gemeinsame Bundesausschuss jetzt drei Monate Zeit hat, um zu entscheiden, ob die Kassen zahlen – normalerweise folgt das Gremium den Empfehlungen der Impfspezialisten. Im Herbst werden also vermutlich alle Kassen nachziehen. Ich befürchte allerdings, dass der große Andrang ausbleibt – bei den Mädchen liegt die Impfquote im Moment ja nur bei 45 Prozent; es gibt in Deutschland einfach massive Vorbehalte. Und die haben natürlich auch Eltern von Jungen.