Schädelfund aus China

Homo longi – der nächste Verwandte des Menschen?

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Die Stammesgeschichte des Menschen ist noch nicht komplett – ein Schädelfund in China enthüllt die neue Menschenart Homo longi. Der Homo sapiens soll mit ihr sogar näher verwandt sein, als mit den Neandertalern.

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Es gibt genau eine Menschenart, den Homo sapiens. Das war aber nicht immer so im Laufe der menschlichen Entwicklung. Es gab in den letzten paar Millionen Jahren nämlich immer mehrere Menschenarten gleichzeitig, manchmal sogar im selben Gebiet.

Bei Ausgrabungen werden auch immer wieder frühe menschliche Verwandten entdeckt, die bisher noch nicht bekannt waren. Das zeigt, dass die Entwicklung hin zum modernen Menschen, zum Homo sapiens, doch vielfältiger und komplizierter war als lange gedacht

Chinesisches Forschungsteam hat neue Menschenart Homo longi entdeckt

Der Anthropologe und Wissenschaftsjournalist Michael Stang erklärt, dass ein chinesisches Forschungsteam eine neue Menschenart beschrieben habe – und zwar den Homo longi. Von dieser Menschenart sei ein wirklich sehr gut erhaltener Schädel bekannt – das Alter werde mit mindestens 146.000 Jahren angegeben.

Der Name Homo longi habe nichts mit der Länge zu tun, so Michael Stang, sondern bedeute übersetzt einfach nur Dragonman, also Drachenmann. Das komme daher, dass der Schädel in der Stadt Harbin im Norden Chinas, in der Provinz Dragon River gefunden worden sei. Der Schädel habe vermutlich zu einem Mann gehört, es gebe große Überaugenwülste.

Fundgeschichte des Schädels

Die Fundgeschichte des Schädels ist Michael Stand zufolge eine der kuriosesten Geschichten überhaupt und begann schon 1933. Damals habe eine Gruppe von Arbeitern für die japanischen Besatzer in der Stadt Harbin eine Brücke über einen Fluss gebaut – dabei sei dieser Schädel zutage gekommen. Der Vorarbeiter habe nicht gewollt, dass die Japaner ihn bekommen und haben ihn mit nach Hause genommen, eingepackt und versteckt – in einem alten Brunnen. Und dort sei der Schädel über 80 Jahre lang verblieben.

Kurz vor seinem Tod habe dieser Vorarbeiter seiner Familie dann überhaupt erst von dem Fund erzählt. Die Enkel hatten den Schädel gesucht, ihn gefunden und 2018 der Wissenschaft übergeben. Die Forschenden wollten natürlich direkt wissen, wo genau der Schädel damals gefunden wurde – 1933 aber war es schon zu spät, der Finder war schon verstorben. Es gebe also nur diesen Schädel ohne Fundzusammenhang, die ganzen geografischen oder geologischen Informationen fehlen. Deswegen habe diese wissenschaftliche Beschreibung auch so lange gedauert, sagt Michael Stang.

Fundort des Homo longi (Foto: https://www.cell.com/the-innovation/fulltext/S2666-6758(21)00056-4)
1933 wurde der Schädel bei einem Brückenbau von Arbeitern gefunden – und 80 Jahre lang versteckt. https://www.cell.com/the-innovation/fulltext/S2666-6758(21)00056-4

Was der Schädel über die neue Menschenart Homo longi aussagt

Der Anthropologe Michael Stang sagt, der Schädel sei nicht nur riesig, sondern sogar etwas größer als der heutiger Menschen, im Bereich von Neandertalern. Dieser Schädel sei fast vollständig erhalten und das sei Michael Stang zufolge etwas sehr, sehr seltenes. Das erlaube genauere anatomische Analysen und das Forschungsteam habe jetzt 600 Punkte am Schädel vermessen können. Das Ganze sei dann in der Analyse auch mit Hunderten Schädeln, die in den großen Datenbanken sind, verglichen worden.

Dabei kam eben heraus, dass dieser Schädel wirklich sehr, sehr viele neue, im wahrsten Sinne des Wortes einzigartige anatomische Merkmale zeigt, wonach es eben eine neue Art Beschreibung rechtfertigt.

Wie die Homo longi Menschen gelebt haben

Wie die Homo longi gelebt haben, sei wegen des fehlenden Fundzusammenhangs etwas problematisch zu bestimmen, es gebe keine archäologischen Funde, keine Werkzeuge, keine Waffen, keine Kleidung. Chris Stringer, ein Paläoanthropologe aus London sei auch an der Studie beteiligt gewesen und habe gesagt, dass es ein paar Besonderheiten gebe, wie zum Beispiel den Fundort Harbin. Dort sei es im Winter auch heute, in der aktuellen Warmzeit, wirklich extrem kalt gewesen, im Winter sogar teilweise minus 16 Grad im Schnitt.

Dieser Mann und seine Artgenossen müssten damals auch Ähnliches im Winter erlebt haben. Und sie müssen gut angepasst gewesen sein, also nicht nur körperlich, sondern auch kulturell. Michael Stang vermutet, es sei sehr wahrscheinlich, dass diese Menschen auch gute Unterkünfte gebaut haben, um der Kälte zu trotzen, sich auch Kleidung herstellen konnten und vermutlich auch schon das Feuer beherrschten.

Wo wird Homo longi im Stammbaum eingeordnet?

Das sei wirklich sehr interessant, sagt Michael Stang. Denn die Vergleichsanalysen hätten gezeigt:

"Diese Gruppe von Menschen – Homo longi – sind näher mit uns, also mit dem Homo sapiens verwandt, als wir mit den Neandertalern."

Und bei den Neandertalern habe man immer gedacht, dass das "der engste Cousin" ist, den es überhaupt gab. Die Wissenschaftler sprachen von einer sogenannten Schwesterngruppe, und es habe auch schon früher in dieser Gegend in China bestimmte Einzelfunde gegeben, die ähnliche anatomische Merkmale wie dieser neue Schädel zeigten.

Neandertaler (Foto: imago images, imago/Rupert Oberhäuser)
Bisher hat man gedacht, der Neandertaler ist der engste Verwandte, den Homo sapiens hat – doch offensichtich ist Homo longi noch näher verwandt. imago/Rupert Oberhäuser

Da sei aber nie geklärt worden, um was es sich handele, da diese Schädel nicht vollständig gewesen seien. Da brauche es laut Martin Stang eine bestimmte Anzahl anatomischer Merkmale, die vorliegen müssen. Nun zeigten die Daten, dass diese Schädel alle zu einer Gruppe gehörten, es also diese Schwestern Linie gegeben habe. Und auch, dass diese Menschen dort offenbar sehr lange gelebt hätten und sehr, sehr erfolgreich waren.

Bisher keine genetischen Untersuchungen des Schädels

Bisher weigerten sich offenbar die Studienautoren, den Schädel zu beproben. Für eine DNA-Analyse brauche man Knochenmaterial und bei dieser invasiven Methode müsse man den Schädel beschädigen. Es sei aber auch noch gar nicht geklärt, ob dieser Schädel, der 146.000 Jahre alt ist, überhaupt noch analysierbares Erbgut habe, sagt Martin Stang, denn das zersetzte sich im Laufe der Jahrtausende.

"Sollte es dazu kommen, dass der Schädel genetisch untersucht wird und noch genügend verwertbares Erbgut vorhanden ist, könnte der Fund vielleicht wirklich eines der großen Rätsel der Paläoanthropologie lösen, nämlich die Frage, ob sich bei diesem Schädel vielleicht um einen sogenannten Denisova-Menschen handelt."

Schädel Homo longi (Foto: https://www.cell.com/the-innovation/fulltext/S2666-6758(21)00056-4)
Für eine DNA-Analyse braucht man Knochenmaterial und dafür müsste man den Schädel beschädigen. Allerdings ist nicht klar, ob der Schädel überhaupt noch analysiertbares Erbgut hat. https://www.cell.com/the-innovation/fulltext/S2666-6758(21)00056-4

Die Denisova-Menschen

Bei den sogenannten Denisova-Menschen handle es sich um eine Gruppe, die genetisch sehr, sehr gut bekannt sei, erklärt Michael Stang. Es gebe ein vollständiges Genom und da sei klar, dass es weder ein Neandertaler noch Homo sapiens ist. Der Name komme daher, weil die ersten Knochen von diesen Menschen in der Denisova-Höhle in Sibirien gefunden worden seien.

Aber das Problem: Es gebe bisher nicht genügend aussagekräftige Fossilien, die für eine anatomische Art-Beschreibung herhalten könnten. Deswegen gebe es Michael Stang zufolge noch keinen Homo Denisova oder so etwas Ähnliches.

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Jetzt bei dem neuen Fund findet Martin Stang wirklich kurios, dass es genau andersherum bei Homo longi ist: Es gebe gutes fossiles Material, aber noch keine Genetik. Chris Stringer zu Folge sei es gut möglich, dass es sich bei diesem neuen Fund aus China – dem Homo longi – und dem Denisova-Menschen vielleicht um Vertreter derselben Gruppe handle und man das in späteren Studien vielleicht zusammenführen könne.

Funde zeigen vielfältige menschliche Entwicklungslinie

Das sei auf jeden Fall neues Wissen und das Bild der Menschwerdung werde immer klarer, so Michael Stang, auch wenn natürlich ein paar neue Fragen auftauchten. Kürzlich habe es auch einen spektakulären Fund in Israel gegeben – gut 140.000 Jahre alt. Da sei auch klar: Hier habe eine bislang unbekannte menschliche Population gelebt, die weder Neandertaler noch Homo sapiens war. Aber auch leider da gebe es zu wenig Fossilien, um das genauer zu bestimmen.

Diese Funde zeigten aber alle einmal mehr, dass es eben nicht eine große menschliche, gerade Entwicklungslinie an einem Ort gegeben habe, sondern dass das alles vielfältiger war als in früheren Lehrbüchern oder manchen Museen ja auch noch gezeigt wurde, sagt Michael Stang.

Die neu entdeckten Menscharten könnten wichtige Erkenntnisse über die Evolution des Menschen liefern. (Symbolbild) (Foto: imago images,  imago images / Winfried Rothermel)
Die neu entdeckten Menscharten könnten wichtige Erkenntnisse über die Evolution des Menschen liefern. imago images / Winfried Rothermel
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