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Eine Frau betrachtet sich Traurig in einem Spiegel

Das Impostor-Phänomen Halten Sie sich manchmal für einen Hochstapler?

Einen herausragenden Uni-Abschluss hingelegt, die Karriereleiter hoch geklettert: Wer das geschafft hat, könnte zufrieden sein. Doch das Impostor-Phänomen lässt zahlreiche Menschen stolpern. Sie denken, sie hätten den Erfolg einfach nicht verdient.

"Das war doch nur Glück", "du warst nur zufällig zur rechten Zeit am richtigen Ort"... wenn diese fiese kleine Stimme sich immer wieder in Ihrem Kopf meldet, dann haben Sie möglicherweise das Impostor-Phänomen. Oder zu deutsch das Hochstapler-Phänomen.

Menschen mit dem Impostor-Phänomen sind Menschen, die oft sehr erfolgreich sind, sehr gute Leistungen zeigen, diese sich aber nicht selbst zuschreiben können. Sie machen Glück, schlichten Zufall oder einen netten Prüfer für ihre Erfolge verantwortlich und nehmen an, das Erreichte stehe ihnen eigentlich nicht zu. Damit leben Menschen, die unter diesem Phänomen leiden, in ständiger Angst, enttarnt zu werden, dass jemand ihre "Schwächen" entdecken könnte.

Wer ist vom Hochstapler-Phänomen betroffen?

Besonders betroffen sind Personen mit hohem Bildungsniveau. So fühlen sich zwei Drittel aller Ärzte zumindest gelegentlich als Hochstapler und jeder zweite Studierende und Doktorand.

Arzt im Dunkel

Zwei Drittel aller Ärzte fühlen sich zumindest phasenweise als Hochstapler und in ihrer Kompetenz deutlich überschätzt.

Die Frankfurter Psychologin Sonja Rohrmann fordert mehr Aufklärung über das Hochstapler-Syndrom. Gerade Versagensängste, die ja mit dem Hochstapler-Phänomen verknüpft sind, seien ein Tabuthema in unserer leistungsbezogenen Gesellschaft. Rohrmann ist Professorin für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Goethe-Universität in Frankfurt und wird im September das Buch "Wenn große Leistungen zu großen Selbstzweifeln führen" veröffentlichen.

Sie schätzt, dass etwa die Hälfte aller Führungskräfte vom Impostor-Phänomen betroffen sind. Auch viele bekannte Schauspieler litten darunter. Rohrmann betont: eigentlich kann das Hochstapler-Phänomen jeden treffen, aber am häufigsten findet man es in akademischen Berufen und im Hochschulbereich.

Eine selbstbewusste Geschäftsfrau

Menschen mit dem Impostor-Phänomen zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten.

Sind vom Impostor-Phänomen verstärkt Frauen betroffen?

Der Begriff Impostor-Phänomen wurde 1978 von zwei amerikanischen Psychologinnen an der Universität Georgia geprägt. Impostor bedeutet auf deutsch Hochstapler. Die Psychologinnen hatten in Gruppensitzungen auch festgestellt, dass vor allem Frauen unter dem Hochstapler-Phänomen leiden.

Nicht das biologische Geschlecht ist entscheidend

Die jüngste Studie zum Impostor-Phänomen von Forscherinnen der Universität Wien zeigt jedoch auf: Die Anfälligkeit für das Impostor-Phänomen hängt weniger vom biologischen Geschlecht ab, also ob man als Mann oder Frau geboren wird, sondern von den Geschlechterrollen, die man sich selbst zuschreibt. Menschen mit Attributen, die man stereotypisch als weiblich deklariert wie Feinfühligkeit und Empathie, leiden öfter unter diesem Phänomen. Unabhängig davon, ob sie Mann oder Frau sind.

Ist das Hochstapler-Phänomen eine psychische Erkrankung?

Nein, Psychologen definieren es deshalb auch als Phänomen und sind nicht glücklich über den häufig genutzten Begriff des Hochstapler-Syndroms. Hochstapler- Phänomen wird es genannt, da ja noch keine Erkrankung, sondern erst mal ein belastendes Denkmuster vorliegt. Dieses Denkmuster kann dann aber in der Folge zu Erkrankungen führen. Die Menschen gehen ganz unterschiedlich damit um:

  • Die einen arbeiten noch mehr, strengen sich besonders an, bereiten sich auf alles perfekt vor, um nicht als Hochstapler aufzufliegen.
  • Die anderen schaffen Situationen, in denen sie erst gar keine guten Leistungen bringen können, um sich in ihren Zweifeln zu bestärken. Oder sie vermeiden alle Herausforderungen.
  • Manche würden sogar ihre Karriere abbrechen, weil sie sich nicht für gut genug halten und mit dem Druck, den sie sich selbst machen, nicht umgehen können.
    Ein Mann schaut sich im Spiegel an

    Ist mein Erfolg wirklich verdient? Diese Frage stellen sich Menschen mit dem Impostor- bzw. Hochstapler-Phänomen.

Dieses Muster kann auf Dauer zu Depressionen, Burnout oder anderen psychischen Erkrankungen führen.

Was löst das Hochstapler-Phänomen aus?

Sicher sind sich Psychologen, dass es eine Wechselwirkung zwischen der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen Menschen und seiner Umwelt ist, die das Hochstapler-Phänomen auslöst. Bei der Umwelt geht man von einem großem Einfluss der familiären Sozialisation aus. Wenn der Fokus in der Familie sehr stark auf Leistung und Wettbewerb gelegt wird, kann das zu einem leistungsabhängigen Selbstwertgefühl führen. Betroffene fühlen sich nur dann etwas wert, wenn sie etwas leisten. In einer Therapie wird dann versucht, dass diese Menschen ein realistischeres Selbstbild aufbauen.

Was kann man tun, um das Hochstapler-Phänomen los zu werden?

Psychologin Sonja Rohrmann rät in leichteren Fällen zu Selbsthilfemaßnahmen - es gibt spezielle Bücher zum Thema, die einem helfen können, das Denkmuster abzulegen. Häufig würden Betroffene auch Hilfe durch Supervision und Coaching suchen. Da wird mit Unterstützung von außen versucht, diese eingefahrenen Denk- und Verhaltensweisen zu verändern und sich von Wertungen anderer unabhängig zu machen. Darüber hinaus gibt es auch Kurzzeittherapien, in denen man lernt, mehr Mitgefühl zu sich selbst zu entwickeln.

Ist das Hochstapler-Phänomen aber sehr stark ausgeprägt, dann können die daraus folgenden Versagensängste oder Minderwertigkeitskomplexe bis zu Depression und Burnout führen. Wenn so großer Leidensdruck entsteht, der auch zu starken Beeinträchtigungen im Alltag führt, sollten Betroffene sich psychotherapeutisch behandeln lassen.

Gespräch im Büro - Duzen

Im Berufsleben ist es wichtig, seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen zu lernen.