Prähistorische Stätte von Olorgesailie, Kenia (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)

Geschickte Frühmenschen Handwerker Homo sapiens

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Erfunden hat Homo sapiens die Herstellung von Werkzeugen nicht, Faustkeile gab es schon vor rund 2,5 Millionen Jahren. Aber dort, wo Homo sapiens erstmals auftauchte, erblühte eine Werkzeugkultur. Das berichten gleich drei Publikationen im US-Fachblatt SCIENCE.

Alle heute lebenden Menschen gehören zur Art Homo sapiens. Diese Spezies gibt es seit rund 300.000 Jahren und irgendwie hat sie es, im Gegensatz zu Neandertaler & Co, geschafft zu überleben. Als Grund nennen Wissenschaftler häufig die Fähigkeit Werkzeuge herzustellen. Mit gutem Werkzeug lässt sich bauen, Feuer machen, kochen und sogar zum Mond fliegen. SWR2 Impuls sprach mit dem Wissenschaftsjournalisten Michael Stang über die wesentlichen Erkenntnisse der neuen Studien.

Die drei Studien geben tiefe Einblicke in die mittlere Steinzeit in Afrika. Die neuen Funde in Kenia belegen, dass die mittlere Steinzeit wohl wesentlich früher begonnen hat als bisher bekannt. Die Zahlen liegen jetzt bei rund 320.000 Jahren. Aber es sind eben nicht nur ein paar Steinwerkzeuge, die entdeckt, datiert und vorgestellt wurden. Sondern viel mehr als das - es gibt auch erste Hinweise auf den Transport von Rohmaterial zwischen geographisch weit entfernten Gruppen – gut möglich, dass das Belege für einen sehr frühen Handel sind.

Der Archäologe Rick Potts blickt auf eine Auswahl an Handsteinen aus der Jungsteinzeit, die im Olorgesailie Basin in Kenia gefunden wurden. (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)
Der Archäologe Rick Potts blickt auf eine Auswahl an Handsteinen aus der Jungsteinzeit, die im Olorgesailie Becken in Kenia gefunden wurden. Pressestelle Human Origins Program, Smithsonian -

Um was für Werkzeuge handelt es sich da?

Zuvor kurz ein Satz zu einer der Fundstätten, das Olorgesailie Becken in Kenia. Dort finden seit mehr als 30 Jahren Ausgrabungen statt und seit Jahrzehnten werden dort einfache Faustkeile gefunden – im Englischen „handaxes“ -, die rund 1,2 Millionen Jahre alt sind. Diese Werkzeugtradition war über viele hunderttausend Jahre stabil.
Aber dann entdeckten die Forscher um Richard Potts aus Washington viele kleine und technisch raffiniertere Steinwerkzeuge, die schärfer als
ihrer Vorgänger waren. Plötzlich gab es also eine technische Revolution, eine völlig neue Generation an Werkzeugen.

Ausgrabungen im Olorgesailie-Becken in Kenia (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)
Forscher gehen davon aus, dass Umweltschwankungen und Erdbeben vor ca 360.000 Jahren die Bewohner des Olorgesailie-Beckens vor erhebliche Herausforderungen gestellt haben. Das habe Veränderungen in der Technologie und in den sozialen Strukturen Pressestelle Human Origins Program, Smithsonian -

Haben die Studienautoren eine Vermutung, wie es zu diesem Wechsel kam? Waren das neue Gruppen, die sich in Kenia niedergelassen hatten?

Das ist – Stand jetzt – unklar, weil es nur Werkzeugfunde gibt und keine Knochen oder andere menschliche Hinterlassenschaften, die das klären könnten. Datierungen und Klima-Rekonstruktionen zeigen aber, dass es einen riesigen Umbruch damals gab. Mindestens ein großes Erdbeben, zudem klimatische Veränderungen – ein mehrfaches Wechselspiel zwischen relativ feuchten und dann wieder sehr trockenen Bedingungen. Das kennt man aus der Evolution – bei stabilen Verhältnissen gibt es keinen Grund etwas zu ändern, erst wenn ein gewisser Druck auf Populationen lastet, gibt es Neuerungen, so auch hier.

Fundort Olorgesailie-Becken in Südkenia (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)
Beweise für diese Meilensteine in der evolutionären Vergangenheit des Menschen stammen aus dem Olorgesailie-Becken in Südkenia. Hier wurden archäologische Funde des frühen menschlichen Lebens zu Tage gefördert, die mehr als einer Million Jahre alt Pressestelle Human Origins Program, Smithsonian -

Die Forscher vermuten daher, dass diese instabilen Verhältnisse die Netzwerke zwischen Gruppen gefördert haben, die Menschen wurden flexibler, es gab einen Austausch und dadurch bedingt eben Neuerungen, die sich auch in den neuen Werkzeugen niedergeschlagen haben. Und alles deutet darauf hin, dass das mit dem Auftauchen von Homo sapiens parallel passierte.

Es gibt auch etwa Knochenreste von Tieren, die erlegt und geschlachtet wurden, und anhand dieser veränderten Fauna können die Forscher deutlich belegen, was für gewaltigen klimatischen Umbrüchen unsere Vorfahren trotzen mussten.

Wie kommen die Archäologen zu der Vermutung, dass Gruppen plötzlich eine Art frühen Tauschhandel betrieben haben könnten?

Einer der überraschenden Funde ist, dass manche der Materialien wie Obsidian, nicht direkt aus der Gegend stammen, sondern teilweise aus Gebieten, die mehr als 80 Kilometer entfernt sind. Dieser Nachweis von Transport von Rohmaterial und vielleicht damit einhergehend auch frühem Tausch-Handel betrifft nicht nur die Faustkeile, sondern auch Pigmente. Es gibt Nachweise von Mangan und Ocker. Dieses Gestein wurde bearbeitet, man kann es zerstoßen und daraus Farbpulver herstellen. Auch dieses Material wurde über weite Strecken transportiert.

Werkzeuge des Homo sapiens, Olorgesailie Becken Kenia (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)
Vor etwa 320.000 Jahren begannen die Menschen im Olorgesailie Becken mit der Verwendung von Farbpigmenten und der Herstellung ausgefeilterer Werkzeuge. Pressestelle Human Origins Program, Smithsonian -

Wissen die Forscher, wozu diese Farben genutzt wurden?

Da können die Forscher nur spekulieren. Es gibt viele Theorien, die davon ausgehen, dass solche Farben benutzt wurden, um die eigenen Identität zu stärken – ähnlich wie wir das heute bei Nationalflaggen sehen. Man stärkt die eigene Gruppe, indem man sich von der anderen Gruppe deutlich unterscheidet und äußerlich abgrenzt. Neudeutsch würde man von Corporate Identity sprechen.
Es ist gut möglich, dass diese Pigmente, mit Wasser oder Fett vermischt, auf die Haut aufgetragen wurden. Es ist davon auszugehen, dass damals verschiedenen Gruppen aufeinandergetroffen sind – vermutlich auch, um eben solche Rohmaterialien oder Werkzeuge auszutauschen und, das kennt man aus der Ethnologie, da werden die Identitäten der eigenen Gruppe eben besonders herausgehoben.

Unsere Art Homo sapiens gibt erst seit rund 300.000 Jahren. Die Funde sind mit teils 320.000 Jahren aber älter. Waren die Produzenten und Nutzer der Werkzeuge überhaupt Vertreter unserer Spezies?

Schwer zu sagen, denn einen direkten Beweis gibt es hier nicht. Die ältesten Nachweise von Homo sapiens stammen aus Jebel Irhoud in Marokko, hier geht es aber um Kenia, also Ost- und nicht Nordafrika. Dass sich unsere Art Homo sapiens früher entwickelt hat als die ältesten Funde es belegen, ist wahrscheinlich. Ob das jetzt 20.000 oder 50.000 Jahre mehr sind, ist nicht so wichtig.

Es hat, das muss man auch sagen, in Europa viele Fehldeutungen gegeben, denen zufolge technisch hochwertige Feuersteinklingen per se mit der Anwesenheit von Homo sapiens assoziiert wurden. Ältere, einfachere oder primitivere Steinwerkzeuge hingegen wurden mit der Anwesenheit von Neandertalern gleichgesetzt.

Handwerker Homo sapiens (Foto: Pressestelle, Human Origins Program, Smithsonian -)
Kleines Obsidian-Steinwerkzeug (rechts) neben einem größeren, ungeformten Stück Vulkangestein (links). Pressestelle Human Origins Program, Smithsonian -

Aber so einfach ist das nicht, es gibt auch Höhlen, die ganz klar von  Neandertalern genutzt wurden. Da gibt es dann natürlich Archäologen, die sagen, dass die Neandertaler die Klingen gefunden oder kopiert haben, aber das ist eher eine Frage Der Weltanschauung  und Interpretationen, das lassen wir hier mal außen vor.
Zurück nach Kenia: Es gibt aus diesem Zeitraum – vor allem aus dem späteren - keine anderen Knochenfunde außer denen von Homo sapiens, daher ist es wahrscheinlich, dass unsere Art der Urheber und Nutzer dieser Techniken war.

Es wurden ja drei Studien veröffentlicht: die erste beschreibt die Veränderungen in der Werkzeug-Herstellung, die zweite den Transport und die dritte beschäftigt sich mit der Chronologie dieser Kulturstufe. Und da deutet alles darauf hin, dass hier im Prinzip nur Homo sapiens als Werkzeugmacher und Händler in Frage kommt.

Ein langhaariges Mädchen in Fellkleidung (Foto: SWR, SWR - Bernd Schlecker)
Auch Neandertaler haben wohl ausgefeilte Steinwerkzeuge benutzt. Ob sie diese selbst erfunden oder vielleicht gefunden und dann kopiert haben, bleibt offen. SWR - Bernd Schlecker

Sind die Ergebnisse eine Überraschung?

In gewisser Hinsicht schon, denn es gibt jetzt deutliche Belege, dass diese technische Innovation – also die Herstellung besserer und effizienterer Werkzeuge – wesentlich früher stattgefunden hat als bisher gedacht. Und diese neuen, besseren Werkzeuge gehen auf Homo sapiens zurück, denn die parallel lebenden Neandertaler gab es nur in Eurasien, aber nicht in Afrika.

Und diese Studien zeigen sehr deutlich, wie wichtig das Zusammenspiel der Disziplinen ist – diese Fragen kann eine Disziplin allein nicht beantworten, für die Rekonstruktion der damaligen Geschehnisse braucht es Experten aus der Geologie, Archäologie, Archäobotanik, Paläontologie, Geochemie und so weiter. Spannend wären natürlich auch Fossilienfunde, aber da es damals teils sehr feucht war, haben sich die Knochen einfach nicht erhalten, lediglich die Steinwerkzeuge. Aber auch die geben viele Geheimnisse preis.

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