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Gewitter im Kopf

Empfindlich für Reize Gibt es ein Gen für Hochsensibilität?

Hochsensible sollen schneller von Reizen überflutet werden und emotionaler auf sie reagieren als die meisten anderen Menschen. Ist diese Eigenschaft durch Gene programmiert oder spielt dabei die Umwelt eine Rolle? Eine Studie aus England gibt der Diskussion nun neue Nahrung.

Über die Frage, ob manche Menschen hoch sensibel auf die Umwelt reagieren, und "Hochsensibilität" eine medizinisch sinnvolle Diagnose ist, wird seit längerem diskutiert. Einige Studien legten in den letzten Jahren nahe, dass das Nervensystem dieser Menschen besonders empfänglich für innere und äußere Reize ist. Daher nehmen sie die Umwelt intensiver wahr und werden von ihr stärker beeinflusst. Das ist das Bild, das einige Psychologen von so genannten umweltsensiblen Menschen zeichnen.
Ob es dieses besondere Persönlichkeitsmerkmal tatsächlich gibt, war auch für den Psychologen Michael Pluess von der Queen Mary University of London lange Zeit nicht ausgemacht. Denn Persönlichkeitsmerkmale sind schon von der Definition her sehr individuell und daher schwer zu messen.

gestresste Frau am Telefon, im Hintergrund toben Kinder.

Manche Menschen scheinen empfindlicher auf Umwelteinflüsse zu reagieren als andere. Steckt das in den Genen?

Umwelteinflüsse beeinflussen Gefühle

Pluess begann selbst dazu zu forschen und interviewte Versuchspersonen mit Hilfe standardisierter Fragen: „Wie stark beeindruckt sie die Stimmung anderer Menschen ?“ „Fühlen sie sich bei Lärm schnell belästigt?“ Grundsätzlich, so die Forscher nach der Auswertung der Fragen, reagiere jeder Mensch auf seine Umgebung. Manche sind dabei sensibler und andere weniger sensibel. Die Sensibleren werden dabei sowohl von negativen als auch von positiven Erfahrungen stark beeinflusst. Die weniger Sensiblen dagegen seien widerstandsfähiger, wenn sie negative Erfahrungen machen. Von positiven Erfahrungen scheinen sie aber vergleichsweise weniger zu profitieren.

Umweltsensibilität hat positive und negative Aspekte

Hohe Umweltsensibilität scheint also eine zweischneidige Angelegenheit zu sein: Man erlebt Positives intensiver, kann sich also mehr darüber freuen und davon beflügeln lassen. Negative Erfahrungen dagegen führen bei Umweltsensiblen leichter dazu, dass sie sich unwohl fühlen und sich ängstlich zurückziehen. Wie stark ist das aber genetisch bedingt und wie stark hängt es von Umweltbedingungen ab?

Mann hält sich Ohren zu

Manche Menschen reagieren sehr sensibel auf Lärm oder bestimmte Geräusche. Schon das Kauen einer Tüte Kartoffel-Chips des Büro-Kollegen kann Betroffene bei entsprechender Empfindlichkeit zur Weißglut treiben.

Steckt negativer Stress in den Genen?

Michael Pluess ging dieser Frage nach, indem er zunächst die sozialen Daten von 13.000 gleichaltrigen Briten auswertete, die seit ihrer Geburt immer wieder regelmäßig untersucht wurden. Wie hoch war ihr sozioökonomischer Status, was also verdienten sie oder ihre Eltern, welchen Beruf und welchen Bildungsstand hatten sie ? Dann studierte Pluess die psychologischen Daten der Menschen: unter anderem den negativen Stress,ein Kriterium für Depression und Angstzustände. Bei 7.000 Probanden hatten die Forscher auch Informationen über ihr genetisches Profil erhoben.

Michael Pluess entwickelte daraus eine Methode, mit der man die genetische Sensibilität beurteilen kann: entscheidend sind dabei neun Genvarianten, die vor allem mit Hirnbotenstoffen wie Serotonin oder Dopamin zu tun haben. Diese beeinflussen eine Hirnregion namens Amygdala. Sie ist daran beteiligt, Emotionen zu verarbeiten. In einer früheren Studie hatte Pluess bereits entdeckt, dass die Amygdala bei Kindern wichtig für die Umweltsensibilität ist. Eine größere Amygdala führt offenbar dazu, dass Kinder emotional stärker von der Umwelt beeinflusst werden.

Schwierige Situationen können Stress auslösen

Sind allein diese neun Gene, die die Amygdala beeinflussen, für die Umweltsensibilität verantwortlich? Oder spielen auch soziale und ökonomische Faktoren eine Rolle? Michael Pluess untersuchte das mit folgender Fragestellung: wie reagieren Menschen auf ökonomisch schwierige Situationen, wenn sie also einen Kredit nicht mehr bedienen können, arbeitslos werden oder sich aus anderen Gründen einschränken müssen? Sind sie dann häufiger gestresst, depressiv oder entwickeln Angstzustände?

Das Ergebnis: Kinder, die genetisch sehr sensibel gegenüber der Umwelt sind, aber in einer sozial und ökonomisch sicheren Umwelt aufwachsen, werden im Alter auch weniger durch sozioökonomische Probleme gestresst. Genetisch sensible Kinder dagegen, die in einer ärmlichen und prekären Umgebung aufgewachsen sind, werden später im Leben viel stärker von finanziellen Krisen beeinflusst.

Kinder spielen und toben zusammen in einem Kinderzimmer.

Wie sensibel Kinder auf ihre Umwelt reagieren, scheint auch durch die Gehirnstruktur beeinflusst zu werden.

Umwelt und Gene beeinflussen die Persönlichkeit

Michaels Pluess´ Studie bestärkt also diejenigen, die behaupten, dass eine Persönlichkeitseigenschaft namens „Umweltsensibilität“ existiert. Sie verweist aber auch darauf, dass es sich dabei nicht allein um eine genetisch bedingte Anlage handelt, sondern dass sie auch durch Umweltbedingungen beeinflusst ist. Auch soziale Ungleichheit wirkt sich auf diese Persönlichkeitseigenschaft aus. Welche Mechanismen dabei im Detail wirksam sind, muss aber erst noch genauer erforscht werden. Die Bilanz von Michael Pluess: „Da gibt es noch eine Menge zu tun. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir nicht weit kommen, wenn wir nur wie bisher auf die Gene der Menschen schauen. Wir müssen stattdessen versuchen, das subtile Wechselspiel zwischen Genen und der sozialen Umwelt besser zu verstehen.“