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Situation in deutschen Krankenhäusern verschärft sich Patientengefährdung durch Pflegenotstand

In Krankenhäusern wird nach wie vor am Pflegepersonal gespart. In keinem anderen europäischen Land muss sich eine Pflegekraft um mehr Patienten kümmern als in Deutschland. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD verspricht 8.000 neue Stellen und eine bessere Bezahlung. Doch kann das helfen?

Wenn sich in der Pflegepolitik nichts ändert, sieht es düster aus: Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 6,4 Millionen Menschen älter als 80 Jahre sein. 2009 waren es 4,1 Millionen. Schon allein dadurch wird sich die Situation verschärfen.

Patientensicherheit in Gefahr

Kritiker der aktuellen Pflegesituation in Krankenhäusern sehen dadurch zunehmend die Patientensicherheit bedroht. So steht auch die real geleistete Pflegearbeit in krassem Widerspruch zu den Werten, die in der Pflegeausbildung vermittelt werden. Und es frustriert die Pflegerinnen und Pfleger, die sich für den Beruf entschieden haben, um Kranken und alten Menschen zu helfen und sie in ihrer besonderen Pflegesituation so gut wie möglich zu unterstützen.

In der Realität bleibt ihnen oft nicht einmal die Zeit für grundlegendste Hygienemaßnahmen wie konsequentes regelmäßiges Händewaschen.

Fixierung, Magensonden und Infusionen statt Zuwendung und Pflege

Vergleiche mit anderen europäischen Staaten zeigen, dass sich in keinem anderen europäischen Land Pfleger um mehr Patienten kümmern müssen als in Deutschland.

Die eklatante Überforderung führt dazu, dass unruhige Patienten z.B. an Händen und Füßen in ihren Betten fixiert oder mit Medikamenten ruhiggestellt werden, statt sie mit Zuwendung und Geduld zu betreuen. Mitunter fehlt gar die Zeit, Patienten zur Toilette zu begleiten, sodass sie lieber mit Harnkathedern und Windeln ausgestattet werden, weil das den Pflegern wiederum Zeit spart. Oder der Patient stürzt bei dem Versuch, alleine auf die Toilette zu gehen und zieht sich weitere Verletzungen zu.

Pfleger-Patient-Verhältnis
(Durchschnitt pro Pflegekraft):
Deutschland: 13 Patienten
Niederlande: 7 Patienten
Norwegen: 5 Patienten

Patientenwürde und Schmerzen werden aus Zeit- und Kostengründen vernachlässigt.

Pflegebedürftige bei der Nahrungsaufnahme zu unterstützen erfordert Geduld. Nicht selten werden ihnen aus Zeitmangel Magensonden und Infusionen gelegt. Und weil die Patienten zu wenig Bewegung haben, liegen sie sich wund oder bekommen eine Lungenentzündung. Auch ein Herzinfarkt infolge mangelnder Pflege ist real.

Ursachen für Mängel in der Pflege

Das "Aktionsbündnis Patientensicherheit" beklagt benennt die Probleme. So müsse Pflegepersonal, das alleine in der Schicht arbeitet, sich oftmals um vier Intensivpatienten kümmern. Für Hygiene bleibt da oft keine Zeit.

6:40 min | Do, 15.2.2018 | 22:00 Uhr | odysso - Wissen im SWR | SWR Fernsehen

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Gesundheitswesen

Ursachen für schlechte Pflege

Odysso

Krankenhausgesellschaft, Pflegeverbände und Krankenkassen schieben sich gegenseitig die Schuld für die Misere in der Pflege zu. Einer der Hauptgründe aber dürfte die Gewinnmaximierung vieler Kliniken sein.

So komme es im Jahresdurchschnitt zu 88.000 vermeidbaren Infektionen auf deutschen Intensivstationen.

Der Krankenstand unter den 400.000 Pflegekräfte ist vergleichsweise hoch, eine Folge der starken Beanspruchung im Schichtdienst. Und die Burnout-Rate ist bei Pflegerinnen und Pflegern ebenfalls hoch.

3:07 min | Do, 15.2.2018 | 22:00 Uhr | odysso - Wissen im SWR | SWR Fernsehen

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Auf Intensivstation

Alltag eines Pflegers

Odysso

Schichtdienst, Überstunden, kaum Pausen. Am Beispiel eines Intensivpflegers in Stuttgart wird deutlich, wo das Pflegesystem Krankenhaus an seine Grenzen stößt und wie wichtig gut ausgebildetes Personal ist.

Pflegende prangern Missstände an, Verwaltungen wiegeln ab

Pflegende machen nun verstärkt auf Missstände in deutschen Kliniken aufmerksam. Meist wagen sie dies aber nur anonym, weil sie negative Konsequenzen am Arbeitsplatz befürchten.

Währenddessen wiegelt die Verwaltungsseite meist ab. Die Patienten seien nicht gefährdet. 

Doch gute Pflege kostet Zeit – und das verursacht hohe Kosten. Dies jedoch steht im Gegensatz zur Gewinnmaximierung vieler Kliniken, so die Kritiker. Also alles eine Frage des Geldes?

Mehr qualifiziertes Pflegepersonal wird gebraucht

Laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fehlen in deutschen Krankenhäusern aktuell 70.000 Pflegekräfte. Wissenschaftliche Studien veranschlagen sprechen sogar von 100.000.

Solange so ein deutlicher Mangel herrscht, besteht die Gefahr, dass Personal aus weniger sensiblen Bereichen abgezogen wird, um es z.B. in der Intensivpflege einzusetzen. Dies ist bei Engpässen also nur ein sehr kurzfristige Lösung. Und auch die Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland löst das Problem langfristig nicht. Ebensowenig das Einstellen von Hilfskräften, die zwar unterstützen, aber die eigentliche Pflegearbeit nicht leisten können.

Pflegeberuf muss attraktiver werden

Das Problem kann nur durch das Gewinnen und die Förderung des eigenen Pflegenachwuchses gelöst werden. Das aber setzt voraus, dass der Beruf in vielerlei Hinsicht attraktiver wird. Der Wunsch, Patienten zu helfen und zu ihrer Genesung beizutragen, reicht als Motivation oft nicht mehr aus. Denn momentan gelten Pflegeberufe in vielerlei Hinsicht als unattraktiv:

  • Stress
  • unregelmäßige Arbeitszeiten und ständig wechselnde Schichten
  • Gefahr für die eigene Gesundheit durch Ansteckung
  • kaum Zeit für Zuwendung – eigentlich eine wesentliche Voraussetzung für jede gute und erfolgreiche Pflege
  • unattraktive Bezahlung bei gleichzeitig hoher Verantwortung

Abhilfe durch neuen Koalitionsvertrag?

Der Koalitionsvertrag, den CDU, CSU und SPD im Februar 2018 vorgelegt haben, befasst sich im Abschnitt "Gesundheit und Pflege" (S. 96 ff.) mit dem Thema. Zusammenfassend heißt es darin:

"Sofortprogramm Pflege mit 8.000 neuen Fachkraftstellen und besserer Bezahlung. "Konzertierte Aktion Pflege" mit besserem Personalschlüssel und Ausbildungsoffensive für Pflegerinnen und Pfleger. Abbau finanzieller Ausbildungshürden bei der Pflegeausbildung." (Koalitionsvertrag; S. 15)

Die 8.000 neuen Stellen beziehen sich auf Pflegeeinrichtungen. Finanziert werden soll dies aus "Mitteln der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)". Kritiker sagen: 8.000 Stellen für ca. 14.000 Heime in Deutschland – das ist gerade einmal gut eine halbe Stelle pro Einrichtung. Und damit definitiv zu wenig.

Programmtipps:

Notstand im Krankenhaus

Woran scheitert gute Pflege?

Do, 15.2.2018 | 22:00 Uhr SWR Fernsehen

Eine Pflegekraft (l) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims beim Gang über den Flur.

Diskussion über den Pflegenotstand

Ist unser Pflegesystem noch zu retten?

Mit 8000 neuen Fachkräfte wollen SPD und Union den Pflegenotstand lindern. Doch reicht das aus, um die teils katastrophalen Zustände in den Pflegeheimen zu verbessern?