Die molekulare Struktur einer DNA auf blauem Hintergrund (Illustration) (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Studie zum Bildungserfolg Gene beeinflussen Schulabschluss

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Mehr als 1000 Stellen im Erbgut haben einen messbaren Einfluss auf den Bildungserfolg. Das fand ein internationales Forscherteam heraus. Es ist die bislang größte derartige Studie überhaupt.

Ein einzelnes „Hauptschul-Gen“ gibt es ebenso wenig wie ein „Hochschul-Gen“. Und die Gene bestimmen auch nicht alles. Beides war den Forschern schon vorher klar. Es ist komplizierter, deshalb haben sie das Erbgut von mehr als einer Million Menschen untersucht.

Sie wollten wissen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genen einerseits und andererseits der gesamten Ausbildungszeit eines Menschen – von der Schule bis zum letzten Abschluss. Unterscheiden sich Menschen die früh die Schule verlassen, genetisch von denen, die nach der Schule noch ein langjähriges Studium machen?

Schulischer Erfolg hat biologische Grundlage - zum Teil

Insgesamt haben die Forscher 1271 genetische Unterschiede ausfindig gemacht, die eine Rolle spielen. Es handelt sich vor allem um solche Gene, die die Gehirnentwicklung steuern. Sie beeinflussen, wie gut Signale zwischen Gehirnzellen übertragen werden und wie gut sich die Zellen miteinander vernetzen. Schulischer Erfolg hat demnach eine biologische Grundlage.

Aber eben nur zu einem Teil. Die gefundenen genetischen Merkmale können 11 bis 13 Prozent Prozent der Unterschiede im Bildungserfolg erklären. "Aus anderen Studien wissen wir aber schon, dass Bildungserfolg zu etwa 20 Prozent genetisch beeinflusst ist", sagt Aysu Okbay, eine der Studienautorinnen.

Das bedeutet:

  • Es muss nach weitere einflussreiche Abschnitte im Erbgut geben, die die Forscher noch nicht gefunden zu haben. Und das können hunderttausende sein.
  • Wenn sich die Unterschiede zu 20 Prozent genetisch erklären lassen, hängt der Bildungserfolg am Ende doch zu 80 Prozent von Umweltfaktoren ab wie zum Beispiel einem günstigen und fördernden Umfeld.
Frau zeigt aus einen Computerbildschirm in einem Labor (Foto: SWR, SWR -)
DNA-Analyse im Labor SWR -

Tatsächlich: "Der Schulabschluss der Mutter sagt den Bildungserfolg zu 15 Prozent voraus. Das Haushaltseinkommen der Familie wiederum macht weitere 7 Prozent aus", erläutert Okbay. "Selbst wenn du die perfekten Gene hättest, haben solche äußeren Faktoren am Ende einen wesentlichen größeren Einfluss auf deinen Bildungserfolg."

Das Forschungsteam selbst schlägt vor, die Ergebnisse in weitere Untersuchungen einzubeziehen, die die Wirksamkeit von Bildungsangeboten und Fördermaßnahmen untersuchen. Hier könnten sich Genunterschiede noch wesentlich stärker bemerkbar machen.

Genomweise Assoziationsstudien - eine junge Methode

„Die generischen Daten stammen zum Teil aus früheren Untersuchungen, zum Teil aus der britischen Gen-Datenbank, und ein Teil stammt auch aus den Daten der privaten Firma 23andMe im Silicon Valley“, erklärt Aysu Okbay von der Universität Amsterdam, eine der Autorinnen der Studie.

Bei der Methode handelt es sich um eine „Genomweite Assoziationsstudie“ (GWAS). Dabei wird jeweils das gesamte Erbgut einer Gruppe von Menschen abgeglichen mit bestimmten Eigenschaften – in der Medizin ist es häufig die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten wie Krebs. In diesem Fall der Schulerfolg. Vorher waren solche umfangreichen Genanalysen zu teuer und zeitaufwändig.

Gen-Studien schätzen Einfluss der Gene eher geringer ein

Diese Methoden kommen in der Bildungsforschung teilweise zu anderen Ergebnissen als frühere Verfahren. Beispiel Intelligenz. Die Erblichkeit von Intelligenz wurde in der Vergangenheit vor allem aufgrund von Zwillingsstudien eingeschätzt. So beziffert die Zürcher Intelligenzforscherin Elsbeth Stern den genetischen Einfluss auf die Intelligenzunterschiede auf 60 bis 80 Prozent. Bei diesen Studien wurden aber früher die Gene selbst nicht untersucht.

Aus Sicht von Aysu Okbay haben sie den genetischen Einfluss eher überschätzt - die neuen Methoden kämen zu niedrigeren Werten: „Die Erblichkeit von Intelligenz liegt bei 40 Prozent“, meint Aysu Okbay. Wer am Ende recht hat, lässt sich schwer sagen - es ist eine Frage der Messmethode.

In jedem Fall aber wäre der genetische Einfluss auf die Intelligenz deutlich höher der auf die Schullaufbahn. Doch das wundert Aysu Okbay nicht: "Bildungserfolg ist eine komplizierte Größe – hier spielen neben Intelligenz auch Persönlichkeitsfaktoren eine Rolle.“

Bildungschancen sind ungleich verteilt

Bei solchen Untersuchungen kommt es auch immer darauf an, innerhalb welcher Gruppe die genetischen Vergleiche angestellt werden. Elsbeth Stern weist auf ein interessantes Ergebnis der aktuellen Studie hin, das nur am Rande erwähnt wird: "Bei Afroamerikanern ist der Zusammenhang zwischen Genvarianten und Bildungserfolg kleiner. Das lässt sich mit dem Mangel an Chancengerechtigkeit in dieser Gruppe erklären: Menschen afroamerikanischer Herkunft erhalten nicht die Entwicklungs- und Lerngelegenheiten, die es ermöglichen, ihr genetisches Potenzial voll auszuschöpfen..“

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