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Superfood Gerichte

Etikettenschwindel Wie Superfood-Fälschungen entlarvt werden

Der gesundheitliche Nutzen von Superfood wie etwa Moringa-Pulver, Goji-Beeren oder Chia-Samen ist umstritten. Unstrittig ist, dass die Produkte recht teuer sind. Karlsruher Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass damit offensichtlich auch betrogen wird.

Sie heißen Açaí, Moringa, Goji oder Chia, sind Früchte, Beeren oder Samenkörner, sollen ernährungsbedingten Krankheiten vorbeugen, satt machen, schlank machen und durch ihr „antioxidatives Potential“ dem Alter ein Schnippchen schlagen. Viele dieser „Superfoods“ kommen von weit her. Der Moringa-Strauch wächst in Indien, Afrika und Südostasien, die Goji-Beere vor allem in China und die Samen der Chia-Pflanze, botanisch „Salvia Hispanica“, erntet man in Süd-Mexiko und Teilen Süd-Amerikas.

Erfinderische Händler nutzen Boom von Superfood

Die Chia-Samen sind ein gutes Beispiel für den Superfood-Boom. 2013 wurden davon deutschlandweit gerade mal 20 Kilo verkauft, ein Jahr später schon 700, 2015 waren es dann über 750 Tonnen und 2016 kamen fast 2000 Tonnen in den Handel.

Kein Bio-Laden oder Reformhaus ohne Chia-Samen-Packungen und auch beim Discounter findet man inzwischen dieses „Superfood“. Und daher, so sagt Professor Peter Nick vom Institut für Botanik am Karlsruher Institut für Technologie KIT, werden die Händler eben manchmal erfinderisch und verkaufen etwas als Chia, das nicht Chia ist.

Chiasamen in einer Glasschüssel, daneben ein Holzlöffel mit Chiasamen drauf.

Chia-Samen stammen überwiegend aus Mexiko und wurden schon von den Azteken genutzt. Doch gerade wegen der großen Beliebtheit gibt es auch viele Fälschungen.

Derart große Mengen Superfood könnten, so die Einschätzung von Peter Nick, in so kurzer Zeit gar nicht produziert werden. Das bedeutet: Nachfrage und Angebot sind nicht im Gleichgewicht. D.h. die Preise schießen in die Höhe. Damit wächst die Gefahr, dass Hersteller aus zweifelhaften Quellen Material besorgen und das dann hier in Europa auf den Markt werfen.

Wissenschaftler decken Superfood-Fälschungen auf

Die Karlsruher Wissenschaftler wollen „gefälschtes Superfood“ entlarven und gehen dazu regelmäßig in die institutseigenen Gewächshäuser. Denn wer die Echtheit prüfen will, muss vor allem wissen, wie das „Falsche“ aussieht.

Die Forscher züchten zum einen ihr eigenes „Superfood“, wie etwa die Goji-Beere. So wollen sie sicher gehen, dass es sich um genetisch originale Früchte handelt. Gleichzeitig ziehen sie aber auch die Pflanzen heran, die für die Fälschungen genutzt werden können. Zum Beispiel Basilikum, dessen Samenkörner man sehr leicht mit Chia-Samen verwechseln kann.

Im botanischen Garten des  Instituts für Botanik am KIT werden verschiedenste Superfoodpflanzen kultiviert

Im botanischen Garten des Instituts für Botanik am KIT werden verschiedenste Superfoodpflanzen kultiviert - aber auch ihre Doppelgänger.

Wissenschaftler kultivieren Vergleichspflanzen

Allerdings, so Peter Nick, sei es immer extrem schwierig, Original und Fälschung auseinanderzuhalten. Deswegen investieren die Forscher am KIT sehr viel Arbeit in die Qualität ihrer Vergleichspflanzen. Sie werden im botanischen Garten kultiviert und stehen den Wissenschaftlern entsprechend zur Verfügung, wenn sie einen Vergleich machen wollen.

Im Anschluss folgt aufwändige Laborarbeit. Peter Nick und sein Team haben ein Verfahren entwickelt, das kleine Unterschiede der Gensequenz nutzt, um an ganz bestimmten Stellen der DNA-Stränge, gezielt mit Genscheren zu schneiden. Wie ein Schlüssel ins Schloss passt die Genschere nur auf ein spezifisches Muster von Genfragmenten. Dieses Muster dient dann als genetischer Fingerabdruck für die jeweilige Pflanzenart, ähnlich einem Barcode, den man mit dem entsprechenden Scanner auslesen kann.

An den DNA-Spuren lässt sich gefälschtes Superfood erkennen

An den DNA-Spuren lässt sich gefälschtes Superfood erkennen

Datenbank für Superfood und deren Fälschungen

7000 solcher Barcodes haben die Karlsruher Botaniker inzwischen in ihrer Datenbank gesammelt: Von allen „Superfood“-Pflanzen und von allen Pflanzen, die man mit Goji-Beeren, Chia-Samen oder anderen „Superfoods“ verwechseln kann, mit denen Anbieter also betrügen können. .

Sesam oder Amaranth wird oft als Chia verkauft

In manchen Fällen haben die Wissenschaftler bis zu vier geringfügig abweichende Mutationen gefunden. Also Beispiele dafür, dass das, was auf der Packung stand nicht mit dem übereinstimmte, was in der Packung war. Bei Chia sollte zum Beispiel „Salvia Hispanica“ drin sein.

Gefunden haben die Wissenschaftler stattdessen alles mögliche, von Sesam bis Amaranth oder andere Salbeiarten, die als Chia bezeichnet werden. Bei Goji-Beeren sei es oft nicht ganz klar, ob es die chinesischen oder die tibetischen Goji-Beeren sind oder ob es sich einfach nur um Berberitzen-Beeren handelt.

Superfood

Es gibt auch einheimisches "Superfood". Das muss nicht unbedingt schlechter sein als das oft deutlich teurere Superfood aus dem Ausland.

Keine behördliche Kontrolle von Superfood

Es wird also beim „Superfood“ munter gefälscht. Bisher ist das niemandem aufgefallen. Denn keine Behörde in Deutschland überprüft derzeit, ob auch das drin ist, was drauf steht. Verantwortlich für Inhalt und Qualität ist bislang allein der Hersteller oder Händler.

Das wollen die Karlsruher Wissenschaftler mit ihrer Methode ändern. Die funktioniert auch bei verarbeiteten Pflanzen, die etwa als Pulver oder Saft auf den Markt kommen. Man kann damit nicht nur Betrug erkennen, sondern auch mögliche Gesundheitsgefahren.

Gefahr für Allergiker durch gefälschtes Superfood

So werden inzwischen häufig Basilikumsamen als Chia verkauft. Das könnte vor allem für Allergiker ein Problem werden, die nach der Einnahme der Samen möglicherweise allergische Reaktionen zeigen, ohne zu wissen, woher das kommt. So etwas darf nach Einschätzung von Peter Nick nicht passieren.

Dadurch entstehe definitiv ein Problem mit der Verbrauchersicherheit. Just darauf wollen die Forscher aufmerksam machen. Und so die Sensibilität von Behörden und Verbrauchern in Sachen "Superfood" erhöhen.

Packungen mit Weizengras, Goji-Beeren, Acai-Beeren

Goji-Beeren und Weizengras sind beliebte Superfoods. Doch es gibt auch viele einheimische Kulturpflanzen wie z.B. Heidelbeeren, die eine vergleichbare gesundheitsfördernde Wirkung haben.

Gesundes Misstrauen gegen gefälschtes Superfood

Wer sich „besonders gesund“ ernähren will und dazu Lebensmittel aus fernen Ländern einsetzt, sollte also nicht nur die Wirkung der „Superfoods“ hinterfragen. Durch das Verfahren der Karlsruher Botaniker ist es nun zweifelsfrei möglich, „Original“ und „Fälschung“ zu unterscheiden. Jetzt müssen Lebensmittelämter und Verbraucherorganisationen die Methode nur noch anwenden, um Betrug und Gesundheitsgefährdung zu bekämpfen. Denn wenn die Kunden schon bereit sind, viel Geld auszugeben, sollten sie dafür auch die echten „Superfoods“ bekommen.