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Medikamente

Dunkle Machenschaften mit Medikamenten Gefälschte Arzneimittel in Apotheken

Gefälschte Arzneimittel sind ein Riesengeschäft. Das kann gefährliche Folgen haben. Zum ersten Mal wurde jetzt wissenschaftlich untersucht, woher diese gefälschten Medikamente stammen und wie man in Apotheken und Arztpraxen damit umgeht. Die Bilanz ist erschreckend.

Gefälschte Arzneimittel machen immer dann Schlagzeilen, wenn dem Zoll ein spektakulärer Coup glückt. Bei der letzten internationalen Aktionswoche Mitte September hat der Zoll in nur drei Paketzentren fast 1000 Postsendungen mit 68.000 falschen Pillen beschlagnahmt. Sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Karlhans Liebl beschäftigt sich seit langem mit Arzneimittelfälschungen. In seiner Berufslaufbahn als Professor für Kriminologie an der Hochschule der Polizei Sachsen hatte er immer wieder damit zu tun. Nun hat er die Arzneimittelfälschungen kriminologisch unter die Lupe genommen: Wo kommen sie her? Wie kommen sie zu den Patienten? Wer zieht sie aus dem Verkehr? Was passiert, wenn sie als Fälschungen erkannt werden?

Keine verlässlichen Statistiken über Ausmaß der Arzneimittelfälschungen

Der Wahrheit kommt hier nur näher, wer das sogenannte Dunkelfeld ausleuchtet, wie Kriminalexperten das nennen. Also die Fälle ans Licht bringt, die keiner Behörde gemeldet werden. So versichert Karlhans Liebl: Wenn Sie die Kriminalitätsentwicklung nur auf den Daten der polizeilichen Kriminalstatistik annehmen, dann haben Sie nur einen Bruchteil der Wahrheit. Wir wissen zum Beispiel aus Untersuchungen, dass bei Sexualdelikten nur ein Fünftel der Fälle, auf Grund der Scham und anderer Probleme, bekannt werden. Also da steckt ein sehr großes Dilemma zwischen den offiziellen Statistiken und dem tatsächlichen Kriminalitätsgeschehen. Und so ist es natürlich auch bei der Arzneimittelkriminalität. Deswegen ist das Dunkelfeld nach Luther: dem Volk aufs Maul geschaut, wie es tatsächlich in der Bevölkerung zugeht.

Medikamenten auf Löffel

Mit Medikamenten lässt sich viel Geld verdienen. Daher gibt es auch einen florierenden Markt mit gefälschten Arzneimitteln.

Problematische Arzneimittellieferungen aus dem Internet

Um das Ausmaß der gefälschten Arzneimittel zu erfassen, hat Karlhans Liebl Fragebögen ins Internet gestellt, die anonym ausgefüllt werden konnten. Zum Beispiel für Apotheker. Die waren von ihren Verbänden gebeten worden, sich an der Umfrage zu beteiligen. Mehr als 500 haben mitgemacht, und das Ergebnis ist erschreckend: Jeder sechste Apotheker hatte bereits bewusst ein gefälschtes Medikament in der Hand.

In vielen Fällen brachten Patienten Packungen mit, die sie im Internet bestellt hatten. Aber es waren auch Präparate darunter, die die Apotheker über den Arzneimittelhandel eingekauft hatten.

Doch den Patienten gegenüber wiegeln Apotheker fast immer ab und sagen: Fälschungen gibt es bei uns nicht. Dabei warnt die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker ihre Berufsgruppe regelmäßig davor. So nennt ein Apotheker aus München als Beispiel "Truvada", ein Arzneimittel, das bei Aids-Patienten eingesetzt wird oder bei chronischer Hepatitis. Dieses Arzneimittel sei als Fälschungsverdacht rückgerufen worden.

Apotheker ersparen sich meist die Konsequenzen einer Strafanzeige

Auch jeder achte Arzt hatte bereits mit Fälschungen zu tun, hat Karlhans Liebl bei seinen anonymisierten Befragungen herausgefunden. Besonders erschreckt hat ihn, dass beide Berufsgruppen fast nie die Behörden darüber informieren.

Als Quintessenz kamen wir zu der Aussage, dass man wirklich im Grunde nichts damit zu tun haben will, keinen weiteren Aufwand damit begründen will und man zwar froh ist, dass man das festgestellt hat. Man übergibt es der Müllverwertung. Aber ansonsten, bitte, soll man sie in Ruhe lassen. Das war die einhellige Meinung, dass man nichts mit den Strafverfolgungsorganen zu tun haben will, weil es einen einfach Zeit kostet. Und diese Zeit will man nicht investieren.

Das will das Bundesgesundheitsministerium nun ändern. Ein Entwurf sieht vor, dass für Apotheker und Großhändler künftig verschärfte Meldepflichten mit Blick auf gefälschte Arzneimittel gelten sollen. Bis zum 16. Februar haben die Verbände nun Zeit dazu Stellung zu nehmen.

Viele gefälschte Medikamente stammen aus dem Ausland

Doch jede siebte Fälschung, die in einer Apotheke aufschlägt, stammt nicht aus dem Internet, hat Karlhans Liebl herausgefunden. Fast immer handelt es sich um Ware aus dem EU-Ausland. Darunter lebensrettende Präparate, wie zum Beispiel ein gefälschtes Mittel gegen Brustkrebs aus Italien. Die Apotheken müssen sogar eine gewisse Menge dieser kostengünstigen Re-Importe abgeben. Sie gelten als wichtiges Einfallstor für Fälschungen.

Neben den Internet-Fragebögen hat Karlhans Liebl auch Ermittlungsakten der Zollbehörden ausgewertet. Doch selbst als Forscher von der Hochschule der Polizei hatte er große Mühe, Einblick zu bekommen.

Apothekerin mit Medikamenten

Selbst in Apotheken tauchen immer wieder gefälschte Medikamente auf. Nicht immer werden die Fälle den Behörden gemeldet, weil man sich den Ärger ersparen will.

Zollämter sind überlastet

Kriminalist Liebl erklärt, dass es bei einigen Hauptzollämtern "Problemsituationen" gebe. Dort sei der Wille die Sicherheitsforschung zu unterstützen eher gering. Das liege vor allem am Personalnotstand. Selbst Ermittlungsverfahren blieben gelegentlich jahrelang liegen, weil keiner Zeit habe sich darum zu kümmern. Deshalb ist Lieb nicht verwundert, dass seine Forschungsanfragen nach gefälschten Medikamenten und ihrem Aufkommen nur zögerlich beantwortet wurden.

Um Arzneimittelfälschungen in Zukunft besser zu bekämpfen, muss einiges geändert werden. Behörden bräuchten mehr Personal dafür und Apotheker und Ärzte müssten bereit sein, offen über das Problem zu sprechen. Denn gefälschte Pillen tauchen längst nicht mehr nur als Ware aus dem Internet auf.

In Zukunft müssen Arzneimittel bessere Sicherheitsmerkmale tragen

Ab Februar 2019 greift die sogenannte Fälschungsschutzrichtlinie der EU. Rezeptpflichtige Arzneimittel müssen ab diesem Zeitpunkt grundsätzlich ein Sicherheitsmerkmal tragen. Das wird dann von Apotheken vor der Abgabe überprüft, um Patienten besser vor gefälschten Arzneimitteln zu schützen. Deutschland ist gerade dabei, ein solches System zu entwickeln.

Gefälscht wird mittlerweile alles was die Pharmabranche hergibt

Beliebt sind vor allem Medikamente, die teuer und weit verbreitet sind. Und auch Medikamente, bei denen sich Patienten dafür schämen, sie zu brauchen: zum Beispiel Potenzmittel wie Viagra oder auch Cholesterinsenker. Diese Mittel werden oft im Internet bestellt, weil man damit vermeidet sich ein Rezept beim Arzt zu holen und das Medikament offen in der Apotheke zu holen.

Arzneimittelverpackungen beim Zoll

Arzneimittel, die illegal über das Internet vertrieben werden: Potenz- und Nahrungsergänzungsmittel, Dopingpräparate, Schlankheitspillen

Doch auch vor schlichten Antibiotika wird nicht halt gemacht. Gefälscht wird alles, was die Pharmabranche hergibt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in Europa bis zu einem Prozent der Medikamente im Markt gefälscht ist. Das geht aus dem WHO-Bericht aus dem Jahr 2011 hervor, aktuellere Zahlen wurden seither nicht veröffentlicht.

Was tun bei Fälschungsverdacht?

Wenn sie ein Medikament erhalten haben - egal ob über das Internet oder in der Apotheke - und unsicher sind, ob sie es mit einer Fälschung zu tun haben, dann wenden Sie sich vor der Einnahme unbedingt an Ihren Apotheker oder ihren Arzt.

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