Das Bild zeigt eine Schulklasse im Unterricht. (Foto: IMAGO, Jochen Tack)

Bildungsforschung

G8 versus G9 – Welches Schulsystem hat die Nase vorn?

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Anja Braun
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Lena Schmidt

Die Diskussion um das beste Schulsystem hält an. Doch zwischen G8 und G9 zeigen sich kaum Unterschiede. Aber das Stressempfinden ist bei den Turboabiturienten höher.

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Bessere Fremdsprachkompetenz im G9-System

Mittlerweile gibt es mehrere Studien zum Thema G8 versus G9. Wie aussagekräftig die Ergebnisse sind, ist jedoch fraglich. Die allermeisten Erhebungen wurden mit dem Doppeljahrgang von G8- und G9-Absolventen durchgeführt und sind somit relativ alt.

Dieser doppelte Abiturjahrgang wurde zudem besonders behandelt, da damals mit Argusaugen darauf geschaut wurde, wie sich die Reform zum Turbo-Abi auswirkt. Es ist davon auszugehen, dass die Leistungen des ersten G8-Abiturs an die Ergebnisse des G9 angepasst wurden – das vermutet die Bildungsforschung. Hier ist also eine Verzerrung der Studienergebnisse wahrscheinlich.

Eine umfassende Studie aus Baden-Württemberg ist aus dem Jahr 2017 und hat sich eben diese Daten des Doppeljahrganges von 2013 sowie das Jahr davor und danach angeschaut. Das Fazit der Tübinger Bildungsforscher: In den naturwissenschaftlichen Kompetenzen unterscheiden sich G8- und G9-Abschlussklassen kaum, wobei die G8er etwas schwächer im Fach Biologie waren.

In Englisch liegen jedoch die mit dem 13-jährigen Abitur klar vorn. Was ebenfalls deutlich wurde: Die G8-Schülerinnen und Schüler fühlten sich stärker belastet und hatten weniger Zeit für ihre Freunde, Nebenjobs, Sport oder auch für Fernsehen. Außerdem zeigen sie mehr gesundheitliche Beschwerden.

Das Bild zeigt eine Schülerin, die müde über ihren Hausaufgaben sitzt. (Foto: IMAGO, Panthermedia)
Schülerinnen und Schüler haben im G8-System oft weniger Zeit für Freunde, Nebenjobs und Freizeit. Panthermedia

Auswirkungen auf das Studium

Eine Studie des DIW Berlin mit Daten aus der Studierendenstatistik bis 2013 kommt zu dem Schluss: Abiturientinnen und Abiturienten, die ihren Abschluss nach zwölf statt 13 Schuljahren erreichen, nehmen nach dem Abitur etwas seltener ein Studium auf.

Und diejenigen, die sich für ein Studium entscheiden, legen vor dem Uni-Start häufiger eine Pause ein, wechseln innerhalb des ersten Studienjahres mit einer höheren Wahrscheinlichkeit das Studienfach oder brechen ihr Studium ab.

G8er empfinden mehr Stress

Die jüngste Zusammenschau zum Thema G8 versus G9 stammt von der Stiftung Mercator. Dort wurde die Forschungsliteratur bis 2020 gesichtet. Der Autor, Dr. Olaf Köller, zieht das Fazit: Die G8-Reform in Deutschland hat dazu geführt, dass Abiturientinnen und Abiturienten heute im Mittel 10,3 Monate jünger sind, als sie es im G9-System waren. Es ist kein volles Jahr, da es im G8 mehr Klassenwiederholungen in der Oberstufe gibt.

Bei den fachlichen Leistungen lassen sich keine belastbaren Unterschiede zwischen G8- und G9-Abiturientinnen und -Abiturienten nachweisen. Es gibt auch keine empirischen Hinweise darauf, dass G8er schlechter auf das Studium vorbereitet sind als G9er. Aber das Stress- und Belastungserleben ist bei G8-Schülerinnen und -Schülern höher.

G8 oder G9? Es macht kaum einen Unterschied

Das Fazit der Zusammenschau: die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre hatte zumindest fachlich keine substanziell negativen Effekte. Aber eben auch keine großen positiven Effekte. Außer, dass junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung heute im Mittel zehn Monate jünger sind als vor der Reform.

Mädchen werden durch G8 stärker belastet

Es gibt aber einen deutlichen Nachteil für Mädchen gegenüber Jungen im G8. Und zwar wenn man die Stressbelastung und die gesundheitliche Belastung durch die Verkürzung der Schulzeit betrachtet. Eine jüngere Studie unter der Leitung von Tübinger Bildungsforschern kommt zu dem Schluss, dass sowohl Mädchen als auch Jungen nach der G8 Reform ein wesentlich höheres Stressniveau und einen geringeren Gesundheitszustand angeben- dass aber der Anstieg bei Mädchen nochmal meßbar größer war als bei Jungen.

Krankenkassendaten zeigen erhöhtes Stressniveau durch G8

Eine weitere Studie auf der Basis von Daten der gesetzlichen Krankenversicherung zeigt, dass die G 8 Reform stressbedingte Gesundheitsprobleme bei Schulkindern leicht verstärkt hat.  Das Autorenteam schreibt: Es bedarf nun weiterer Forschung darüber, welche Elemente des Schulsystems sich besonders auf die psychische Gesundheit von Kindern auswirken.

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