Kommentar

Fußball-EM mit Publikum in Corona-Zeiten – eine gute Idee?

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Oleeee, oleeeee, oleee – oh weh? Es ist Pandemie und durch ganz Europa fliegen Fußballmannschaften und spielen vor Publikum. War da irgendwas mit Risiko oder ist es wichtiger, dass das Runde ins Eckige rollt? Über die Risiken von Europameisterschaftsspielen mit Zuschauern ein Kommentar von SWR-Wissenschaftsredakteur Stefan Troendle.

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Natürlich ist es nicht verantwortbar, mitten in einer Pandemie viele tausend Menschen in ein Fußballstadion zu setzen, die sich an den Ein- und Ausgängen auch noch bedenklich nahe kommen und den Spielern zujubeln, die von Land zu Land jetten, möglicherweise mit Covid-19 im Gepäck.

Dazu brauchen wir keinen Karl Lauterbach – das sagt uns, nach eineinhalb Corona-Jahren, allein schon der gesunde Menschenverstand. Und damit könnte dieser Kommentar bereits zu Ende sein. Aber ein paar andere Punkte gibt es eben auch.

Fans beim Spiel Schottland gegen Tschechien. Fußball-EM mit Publikum in Corona-Zeiten - das halten nicht alle für eine gute Idee.  (Foto: Imago, imago images/PA Images)
Fußball-EM mit Publikum in Corona-Zeiten - das halten nicht alle für eine gute Idee. Imago imago images/PA Images

Vollbesetztes Fußball-Stadion in Ungarn

Die EM ist vor allem eine Großveranstaltung der vertanen Chancen und zeigt, dass es beim Fußball fast ausschließlich ums Geld geht. Derart große Turniere sind ein Riesengeschäft und die Fußball-Lobbyisten sind mächtig. Und natürlich haben sie sich durchgesetzt. Städte wie Dublin und Bilbao, die keine Spiele vor Zuschauern garantieren konnten, wurden mal kurz vom Spielplan gestrichen.

So etwas hat natürlich Signalwirkung und dementsprechend kann man Angst bekommen, wenn man sieht was dafür ab dem 15. Juni in Ungarn geplant ist. Nach dem Motto: „Aus dem Hintergrund müsste Corona schießen“ ist im Budapester Puskas-Stadion nämlich Vollbesetzung geplant – 61.000 Zuschauer, ohne Maske, aber immerhin mit Covid-Test oder geimpft.

Puskas-Stadion in Ungarn (Archivbild Sept. 2020) (Foto: Imago, imago images/ActionPictures)
Im Budapester Puskas-Stadion ist bei der Fußball-EM Vollbesetzung geplant, immerhin mit Covid-Test oder geimpft. Imago imago images/ActionPictures

Keine einheitlichen Regeln in Europa

Da Ungarn aber auch den in der EU nicht zugelassenen russischen Sputnik-V-Impfstoff verwendet, weiß man nicht, was man auf diese Zusagen geben kann. Zwei Wochen später dürfte ein Blick auf die Inzidenzwerte jedenfalls ziemlich lohnend sein.

Die Regeln sind überall anders und genau das ist das Problem bei diesem Event, das ja eigentlich Hoffnung machen und für ein bisschen Normalität abseits der Pandemie sorgen soll. Wir können ja schließlich nicht über Jahre im Dauer-Lockdown dahinvegetieren. Aber: Fast gar keine Masken in Sankt Petersburg, in Kopenhagen nur keine am Platz, ein bisschen Fiebermessen in Italien. Vernünftiger Infektionsschutz sieht irgendwie anders aus, besonders wenn man an die geplanten Spiele im Londoner Wembley-Stadion denkt – die Delta-Variante hat schon mal den Fünf-Uhr-Tee aufgesetzt.

Abstands- und Hygieneregeln scheinen bei EM-Fußballern eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Fußballspiel Schottland Tschechien. (Foto: Imago, imago images/PA Images)
Abstands- und Hygieneregeln scheinen bei EM-Fußballern eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Imago imago images/PA Images

Experiment mit ungewissem Ausgang

Der Fußball hätte ein Zeichen setzen und vernünftige, klar definierte, einheitliche Vorgaben machen können, hätte vorsichtiges Vorbild für ganz viele Veranstaltungen sein können, die wir derzeit so schmerzlich vermissen. Es gibt ja Beispiele von Test-Konzerten, wie zum Beispiel in Barcelona, die mit sinnvollem Sicherheitskonzept gut funktioniert haben. Bei der EM wurde aber, wie es scheint, mal wieder nach dem Motto verfahren: „Wer traut sich am meisten zu“?

Wenn uns etwas am Schutz der Allgemeinheit liegt, dann kommt es nur darauf eben gar nicht an. Wenn das gesamteuropäische Experiment jetzt nämlich schief geht, dann hat das Auswirkungen – auch auf alle anderen Veranstaltungen. Dann kann man tatsächlich fragen, ob Fußball wichtiger ist als Kultur, oder ganz knallhart: Wie viele Zuschauer im Stadion denn der UEFA ein Menschenleben wert sind.

Mit ein bisschen mehr Vorsicht und Umsicht hätte die Fußball-Europameisterschaft in Sachen Großveranstaltungen ein echtes Licht am Ende des Tunnels sein können. Jetzt kann man nur hoffen, dass dieses Licht nicht das der Pupillenreflexlampe des Arztes auf der Intensivstation ist.

Auch das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich soll unter strengen Auflagen vor Publikum stattfinden. (Foto: Imago, imago images/Xinhua)
Auch das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich soll unter strengen Auflagen vor Publikum stattfinden. Imago imago images/Xinhua
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