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Wissenschaftsskandal Können Tübinger Hirnforscher doch keine Gedanken lesen?

von Ulrike Mix

Kommunizieren mit vollständig Gelähmten über eine spezielle Haube. Diese Form des "Gedankenlesens", die Tübinger Hirnforschern angeblich vor rund zwei Jahren gelungen war, wurde als große wissenschaftliche Sensation gefeiert. Nun kommt eine Untersuchungskommission zum Schluss, der renommierte Tübinger Hirnforscher Professor Niels Birbaumer und seine Co-Autoren hätten in der Studie Daten verfälscht. Was steckt dahinter?

Es geht nicht um irgendeine Studie. Es geht um eine, mit der die Wissenschaftler vor zwei Jahren weltweit für Aufsehen gesorgt haben: Ihnen war es nach eigenen Angaben gelungen, mit komplett gelähmten Patienten zu kommunizieren, indem sie ihre Hirnströme lasen.

Niels Birbaumer wehrt sich gegen Vorwürfe

Hirnforscher Birbaumer ist außer sich. Das jedenfalls legt die schriftliche Reaktion nahe, die er nach der Meldung an die Medien verschickt hat: Der Bericht der Untersuchungskommission der Universität Tübingen sei falsch und er werde die dort angeführten angeblichen Fehler seiner Studie widerlegen.
Birbaumer vermutet, dass die Universität einem Informanten aufgesessen sein könnte, dessen Lebensaufgabe es offenbar sei, ihn zu verleumden.

Prof. Niels Birbaumer, Psychologe und Neurobiologe.(Uni-Tübingen)

Prof. Niels Birbaumer

Forschung zum Gedankenlesen

Die jetzt so umstrittene Studie wurde vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift PLOS Biology veröffentlicht. Damals gingen die Ergebnisse und die dazugehörigen Bilder um die Welt: Menschen mit einer speziellen Haube auf dem Kopf, in die Sensoren eingearbeitet sind. Die Studie ergab, dass vollständig gelähmte Menschen mit einer speziellen Haube auf dem Kopf über Sensoren zumindest wieder Ja- und Nein-Antworten geben können. Über eine Schnittstelle zwischen dem Gehirn und einem Computer sollte Kommunikation möglich sein. Es geht dabei um Patienten, die aufgrund einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems, in einen Zustand vollständiger Lähmung geraten sind.

Der Tübinger Hirnforscher Birbaumer zählt zu den führenden Köpfen auf dem Gebiet der Brain - Computer - Interface (BCI) Methode, bei der Gehirn und Computer zusammenarbeiten. Birbaumer ist davon überzeugt, dass sich Patienten nur mit Gedankenkraft verständlich machen können.

Die Methode klingt plausibel: Wenn Menschen denken, bewirkt das elektrische Veränderungen im Gehirn. Diese minimalen Ströme kann man messen und interpretieren.

Gehirnsignale lesen lernen

Birbaumer und sein Team trainierten mit den gelähmten Patienten. Zunächst stellten die Wissenschaftler ihnen Fragen, auf die sie die Antwort kannten. So konnten sie lernen, welche Signale das Gehirn eines Patienten sendet, wenn er ein Ja oder ein Nein denkt.
Später folgten Fragen, auf die man die Antwort nicht kannte. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass sie mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit Ja- und Nein-Antworten unterscheiden konnten.

Für komplett gelähmte Menschen und ihre Angehörigen war das ein Hoffnungsschimmer. Auch Krankenkassen verfolgten das Projekt mit großem Interesse.

Mensch mit EEG-Haube auf dem Kopf

Ist es Tübinger Hirnforschern tatsächlich gelungen mit vollkommen gelähmten Menschen per Hirnstrommessung zu kommunizieren? Der Bericht der Untersuchungskommission spricht von geschönten Daten.

Fehler bei der statistischen Auswertung?

Doch ein Mitarbeiter hatte Zweifel : der promovierte Informatiker Martin Spüler. Seiner Ansicht nach wurden gravierende Fehler bei der statistischen Auswertung der Daten gemacht. In Wahrheit habe man die Ja - Nein - Antworten gar nicht unterscheiden können, sagt er.
Spüler äußerte seine Zweifel, fand aber kein Gehör. Schließlich wandte er sich an eine Vertrauensperson der Universität Tübingen. Die brachte die Untersuchung ins Rollen.

Untersuchungskommission findet geschönte Daten

Für die Auswertung der Versuche seien nur bestimmte Datensätze herangezogen worden. Andere seien ohne Erklärung unter den Tisch gefallen. Auch auf Nachfrage seien die Daten teilweise nicht geliefert worden.
Bei einem Patienten etwa seien im Artikel Ergebnisse für 14 Versuchstage aufgeführt. Der Kommission lagen aber nur Daten von 12 Tagen vor.
Die Wissenschaftler haben nach Angaben der Kommission auch nicht offengelegt, mit welcher Computer-Software sie die Daten analysiert haben. Man habe die Auswertung daher nicht nachvollziehen können. All das lege den Schluss nahe, dass Daten verfälscht wurden.

Jetzt sollen weitere Veröffentlichungen der Tübinger Forscher überprüft werden

Die Kommission empfiehlt der Universität Tübingen, die umstrittene Studie zurückzuziehen und alle Geldgeber, die die Studie gefördert haben, zu informieren. Alle Veröffentlichung, an denen Birbaumer und einer seiner Tübinger Kollegen in den letzten fünf Jahren mitgewirkt haben, sollten nach Ansicht der Kommission durch externe Gutachter überprüft werden. Außerdem solle die Universität genau überlegen, ob Hirnforscher Birbaumer dort weiter als Seniorprofessor arbeiten kann.

Gebäude der Uni Tübingen

Jetzt ist die Universitätsleitung in Tübingen gefragt. Rektor Bernd Engler will das Untersuchungsergebnis rasch prüfen und daraus Konsequenzen ziehen.

Uni Tübingen will sich um betroffene Patienten und deren Angehörige kümmern

Der Rektor der Universität, Professor Bernd Engler will zügig ein Beratungsangebot für die betroffenen Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen schaffen. Die Betroffenen könnten sich in dieser Angelegenheit an das Dekanat der Medizinischen Fakultät wenden.

Über weitere Konsequenzen werde man zeitnah beraten, so die Hochschulleitung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte das Birbaumer-Projekt finanziell unterstützt. Auch sie überprüft derzeit die Studie und ihre Ergebnisse. Eine abschließende Stellungnahme wird wohl erst im Herbst vorliegen.