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Brühe in einer Tasse

Weniger Müdigkeit nach Chemotherapie Fasten und Krebs

Von Sigrun Damas

Kurzzeitiger Nahrungsverzicht kann wie ein Medikament wirken oder zumindest unterstützen. Für einige chronische Erkrankungen wie z.B. Rheuma ist das bekannt – nun sollen auch Chemopatienten vom so genannten Intervallfasten profitieren.

Die Forschung über die Auswirkungen des Fastens bei Krebs steckt noch in den Anfängen, aber sie zeigt: Zumindest während einer Chemotherapie könnte ein Nahrungsverzicht über wenige Tage eher stärken als schwächen.

Unter Medizinern ist Fasten und Krebs bisher ein Tabuthema. Auch der Internistin Annette Jänsch am Immanuel Krankenhaus für Naturheilkunde in Berlin war die Idee zunächst nicht geheuer. Sie und ihr Chef Andreas Michalsen wissen beide, dass Nährstoffmangel und Gewichtsabnahme im Normalfall große Probleme in der Krebstherapie bereiten.

Kurzes Fasten

Um die Risiken zu begrenzen, dachte Andreas Michalsen an ein Kurzzeit-Fasten, nur wenige Tage vor und nach der Chemotherapie. Auf die Idee hatten ihn die spektakulären Tierexperimente des Italieners Valter Longo gebracht. Der konnte zeigen: Mäuse, die nichts zu essen bekamen, überstanden eine Chemotherapie besser.

Intervall-Fasten ist auch gut für den Stoffwechsel von Mäusen

Valter Longo konnte zeigen: Mäuse, die nichts zu essen bekamen, überstanden eine Chemotherapie besser.

Die Berliner Ärzte konnten 34 Frauen mit Brust- oder Eierstockkrebs gewinnen, die es wagten: Sie aßen nichts, 36 Stunden vor und 24 Stunden nach ihrer Chemotherapie. Nur Gemüsebrühe war erlaubt. Auch Dagmar Kallmeyer, Mutter von drei Kindern, hat so gefastet. Es war eine harte Zeit für sie.

Weniger Erschöpfung

Hungern, bevor das Zellgift in den Körper strömt. Für Dagmar Kallmeyer lohnt es sich. Die große körperliche Erschöpfung nach der Chemotherapie bleibt aus. Die Patientin ist selbst überrascht. Nur den Nachmittag nach der Chemotherapie verbringt sie auf dem Sofa. Am nächsten Tag fühlt sie sich wieder gut.

Frau hält ein Glas Wasser vor sich

Warum sollte eine Chemotherapie verträglicher sein, wenn der Körper ausgehungert ist?

Eine Erfahrung, die auch andere fastende Frauen machen, sagt Annette Jänsch. Aber warum sollte eine Chemotherapie verträglicher sein, wenn der Körper ausgehungert ist? Andreas Michalsen, der auch eine Stiftungsprofessur für Naturheilkunde an der Berliner Charité hat, erklärt es mit der Evolution. Unseren Anlagen aus der Steinzeit. Da war Hungern normal.

Winterschlaf der Zelle

Die gesunde Zelle kennt das Fasten schon seit Jahrtausenden. Und die Reaktion der gesunden Zelle ist eine Art Winterschlaf. Da passiert nicht mehr viel an Stoffwechsel, sie schützt sich. Deswegen kann die Chemotherapie die gesunde Zelle auch nicht mehr groß treffen. Die Krebszelle hat diesen Schutz nicht.

Bg Fastengemüse

36 vor und 24 Stunden nach der Chemotherapie war nur Gemüsebrühe erlaubt

Sogar der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums erwähnt das Kurzzeitfasten auf seinen Internet-Seiten – verweist aber auf die noch schlechte Studienlage. Denn bisher gibt es nur wenige Studien mit wenigen Patienten.

Regeln beachten

Bei der Berliner Fasten-Studie durften nur Frauen teilnehmen, die nicht vorher schon viel Gewicht verloren oder durch eine schwere Operation geschwächt waren. Und es gibt noch andere Ausschlussgründe, wie starker Gewichtsverlust, eine Essstörung in der Vorgeschichte, bei Nierenfunktionsstörungen oder Kreislaufproblemen.

Fastenzeit auf einem Kalender mit Apfel und einem Maßband

Man muss bei jedem Patienten sehr punktuell und individuell schauen: Wie sind die Fettreserven, wie sind die Stoffwechselreserven?

Entlastungstag, Aufbautag, Ruhezeiten im Wechsel mit Bewegung – Annette Jänsch erklärt das Programm rund um die Chemotherapie sehr genau. Es gibt Einiges zu beachten – deswegen sollten Kranke auch nicht auf eigene Faust fasten. Bisher lautet die Empfehlung: Wer krebskrank ist, sollte das nur im Rahmen einer klinischen Studie tun.

Keine Selbstversuche

Vor abenteuerlichen Selbstversuchen rät Andreas Michalsen dringend ab. Man muss bei jedem Patienten sehr punktuell und individuell schauen: Wie sind die Fettreserven, wie sind die Stoffwechselreserven?

Weitere internationale Studien zum Thema laufen derzeit. Die bisherigen Ergebnisse sind ein erster kleiner Hinweis darauf, dass Fasten eine Chemotherapie verträglicher macht. Noch offen ist dagegen die Frage, ob es auch helfen kann, die Rückkehr einer Krebserkrankung zu verhindern.