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Szene aus EVE online

"EVE online"-Gamer auf Planetensuche Spielen für die Wissenschaft

Von Tobias Nowak

Das Weltraum-Abenteuer-Spiel "Eve online" hat hunderttausende Fans. Im Spiel enthalten sind Mini-Anwendungen, die der realen Wissenschaft sehr nutzen, beispielsweise bei der Suche nach Exoplaneten.

"EVE Online" ist ein Weltraum-Abenteuer-Spiel, das seit über 15 Jahren von hunderttausenden Gamerinnen und Gamern gespielt wird. Sie fliegen mit ihren virtuellen Raumschiffen durch einen Sternencluster mit 7.500 Sonnensystemen, bauen Mineralien in Asteroiden-Gürteln ab, konstruieren Raumschiffe und erobern sich in organisierten Gruppen aus Zehntausenden eine eigene Ecke des Spiel-Weltraums.

Vor einem Jahr sorgte es in Wissenschaftskreisen für Aufsehen, als die Spielerinnen und Spieker von "EVE Online" im Rahmen eines kleinen Zusatzprogramms namens "Project Discovery" erheblichen Beitrag zur Erstellung des Human-Protein-Atlas lieferten: Sie analysierten Millionen mikroskopischer Zellfotos. Dieser durch ein Game unterstützte realwissenschaftliche Erfolg führte nun zu einer Fortsetzung.

pd

Michael Mayor lud die Weltraumpilotinnen und Weltraumpiloten von "EVE Online" ein, sich innerhalb ihres digitalen Spiels an der Suche nach echten Exoplaneten zu beteiligen

Das Forschungsobjekt ist diesmal: Exoplaneten, also Planeten in anderen Sonnensystemen, in Zusammenarbeit mit der Universität Genf. Niemand Geringeres als Michael Mayor, Astronom und Pionier der Suche nach Exoplaneten, lud die Weltraumpilotinnen und Weltraumpiloten von "EVE Online" vor einem guten halben Jahr ein, sich innerhalb ihres digitalen Spiels an der Suche nach echten Exoplaneten zu beteiligen.

EVE Fanfest 2017 - Project Discovery Exoplanets (in englischer Sprache)

Quelle : youtube/EVEonline

Alle machen Wissenschaft

Die naheliegende Frage ist hier natürlich: "Wie bitte?" Wie sollen Gamerinnen und Gamer der Wissenschaft helfen können? Die Antwort gibt Attila Szantner, Gründer der Schweizer Agentur MMOS. Deren Ziel: Die Verbindung von "Citizen science" − also die ehrenamtliche Forschungszuarbeit von Laien − mit der Welt der Computerspiele.

EVE online - Sternenkunde für Gamer

Es ist Teil unseres evolutionären Erbes, dass wir so gut darin sind, Muster zu erkennen

MMOS steht für "Massively Multiplayer Online Science". Normalerweise finden Leute es toll, wenn sie der Wissenschaft helfen können. Aber die dafür nötigen Tätigkeiten sind oft sehr eintönig und schnell langweilig. Der Lösungsansatz laut Szantner: Diese Aufgaben in existierende Computerspiele einbauen, ohne dass die Spielerfahrung gestört wird. Denn Gamedesignerinnen und Gamedesigner haben das Problem offenbar geknackt, wie man jemanden langfristig fesseln kann.

Spielen für die Forschung

Innerhalb von "EVE Online" gibt sich "Project Discovery: Exoplanets" wie ein vermeintlich einfaches Bilderrätsel: Eine Wellenform zeigt graphisch an, wie viel Licht eine vom CoRoT-Weltraumteleskop beobachtete Sonne im Lauf von 150 Tagen abgibt.

CCP GAMES

Viele der Lichtkurven, die von den Computern als "Nieten" gewertet wurden, könnten doch noch Hinweise auf Planeten enthalten

Die Aufgabe der Spielerinnen und Spieler ist nun, zu erkennen, wo die Lichtkurve so einbricht, dass ein Planetentransit dafür verantwortlich sein könnte. Die meisten Planeten, die bis jetzt gefunden wurden, wurden mit indirekten Methoden gefunden; eine Methode davon ist die Transitmethode. Man sucht nach Planeten, die von Zeit zu Zeit vor ihre Sterne wandern und diese ein bisschen verdunkeln. Wenn jetzt der Planet vor die Sonne wandert, dann durchleuchtet das Sternenlicht die Atmosphäre des Planeten, die ihn umgibt. Und das lässt sich an der spezifischen Wellenform der Lichtkurve ablesen.

Aber können sowas heutzutage nicht Computer erledigen? Attila Szantner erklärt, dass Maschinenlernen und Künstliche Intelligenz sich zwar rasend schnell weiter entwickeln, aber dennoch: In manchen Fällen ist das menschliche Auge immer noch besser.

Falsche Nieten

Es ist Teil unseres evolutionären Erbes, dass wir so gut darin sind, Muster zu erkennen. Zwar wurden alle 177.000 Lichtkurven, die das CoRoT-Weltraumteleskop aufnahm, bereits von Computern analysiert – so fanden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen immerhin 2.400 Doppelsterne, 600 Planetenkandidaten und letztendlich auch 37 Planeten.

Raumschiff - Szene aus EVE online

Im ersten halben Jahr gaben etwa 77.000 "EVE Online"-Spielerinnen und Spieler insgesamt über 44 Millionen Klassifikationen ab

Aber viele der Lichtkurven, die von den Computern als "Nieten" gewertet wurden, könnten doch noch Hinweise auf Planeten enthalten – allein schon, weil CoRoT eine Sonne jeweils nur 150 Tage beobachtete. Planeten, deren Jahr länger als 150 Erdentage dauert, würden also möglicherweise gar nicht erfasst.

Belohnungen

Das Engagement der Gamerinnen und Gamer war jedenfalls enorm und vor allem: nachhaltig, denn "Project Discovery" motiviert mit etwas, das Computerspiele so gut können wie kaum ein anderes Medium: Belohnen. Belohnungen wie beispielsweise wertvolle Ausrüstungsgegenstände für das virtuelle Raumschiff oder Kleidungsstücke für den Avatar.

CCP GAMES

Als Belohnungen gibt es beispielsweise wertvolle Ausrüstungsgegenstände für das virtuelle Raumschiff oder Kleidungsstücke für den Avatar

Außerdem lässt sich die Planetensuche im Spiel leicht nebenbei erledigen, zum Beispiel beim langweiligen aber notwendigen Ressourcenabbau in einem Asteroidengürtel. Schnell stellten EVE-Spielerinnen und Spieler auch eigene Youtube-Tutorials zu "Project Discovery: Exoplanets" ein.

EVE Online: Project Discovery - Exoplanets Tutorial (in englischer Sprache)



Quelle : youtube/EVEonline

Lang anhaltendes Engagement

Im ersten halben Jahr gaben etwa 77.000 "EVE Online"-Spielerinnen und Spieler insgesamt über 44 Millionen Klassifikationen ab! Das heißt, dass jede der 177.000 Lichtkurven fast 250 Mal analysiert wurde. Das ist ein großer Erfolg.

Denn anhand der von Wissenschaftlern ausgewählten Klassifizierungen kann man auch schon erkennen, dass die Spielerinnen und Spieler sehr gut darin sind, potentielle Transite zu erkennen. Attila Szantner kann es kaum erwarten, von der Universität in Genf die ersten bestätigten Transit-Kandidaten mitgeteilt zu bekommen.