Die Immunität nach einer Corona-Infektion lässt sich nur schwer nachweisen.  (Foto: IMAGO, imago images/imagebroker)

Corona-Pandemie

Deshalb bringt ein Immunitätsausweis bei Covid-19 derzeit nichts

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Pascal Kiss
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Ralf Kölbel

Der Ethikrat hält einen Immunitätsnachweis nach einer überstandenen Corona-Infektion derzeit für nicht sinnvoll. Das liegt vor allem daran, dass es da noch viele offene Fragen gibt.

Warum sind die Immunitätsausweise nicht sinnvoll?

Der Ethikrat hat ganz klar darauf hingewiesen: Immunitätsausweise sind nur sinnvoll, wenn die Immunität nach einer Corona-Infektion auch verlässlich nachgewiesen werden kann. Und diese hohe Hürde – also der verlässliche Nachweis einer Immunität – ist bisher einfach nicht möglich.

Rund um die Immunität sind in der Wissenschaft einfach noch zu viele Fragen offen. Noch ist, unklar, wie lange jemand nach einer Infektion überhaupt immun ist.

Und fast noch entscheidender: Es gibt noch keine Antwort auf die Frage, wie genau die Immunität gemessen werden soll.
Antikörpertests alleine sind mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand problematisch: So haben viele Infizierte nach der Infektion fast gar keine Antikörper im Blut – gerade bei Patienten mit leichten Symptomen oder gar keinen Symptomen.

Schaut man hier auf die aktuelle Studienlage, wird klar: Bis zu 40 Prozent haben wenige Wochen nach der Infektion gar keine Antikörper im Blut. Das betrifft vor allem Patienten mit leichten oder gar keinen Symptomen.

Die Immunität nach einer Corona-Infektion lässt sich nur schwer nachweisen.  (Foto: IMAGO, imago images/Science Photo Library)
Die Immunität nach einer Corona-Infektion lässt sich nur schwer nachweisen. imago images/Science Photo Library

Aber auch bei schwereren Covid-19-Verläufen nimmt die Konzentration der Antikörper nach Wochen immer weiter ab.
Allein auf die Antikörper zu schauen, ist Stand jetzt nicht wirklich sinnvoll – zumal die Tests immer noch zu viele Fehler machen.

Hier geht es um eine nicht zufriedenstellende Spezifität der Tests: Das heißt: Bei den Tests kommt es immer wieder zu positiven Ergebnissen, die aber falsch sind – ein falsch-positives Ergebnis. Der Test reagiert dann fälschlicherweise auf recht ähnliche Antikörper, die vor einer Corona-infektion wahrscheinlich gar nicht schützen. Die Person denkt dann, sie wäre immun, ist es aber gar nicht. Und das ist natürlich problematisch.

Corona-Antikörper-Tests gibt es auch für den Hausgebrauch. Doch diese Tests sind nicht hundertprozentig zuverlässig. (Foto: IMAGO, imago images/MiS)
Corona-Antikörper-Tests gibt es auch für den Hausgebrauch. Doch diese Tests sind nicht hundertprozentig zuverlässig. imago images/MiS

Die Immunität kann also mit Antikörpern noch nicht verlässlich nachgewiesen werden. Könnte sich das in Zukunft ändern?

Womöglich müssen wir auf andere Parameter des Immunsystem schauen. Wir wissen, dass bei der Immunantwort und gerade wenn es in Richtung Immungedächtnis geht, noch ganz andere Faktoren eine Rolle spielen – zum Beispiel die Immunreaktion der T-Zellen.

Die T-Zellen erkennen, unterstützen und zerstören infizierte Zellen. Sie sind also ein wichtiger Teil der Immunantwort. Für einen guten Immunitätsnachweis könnten deshalb auch die T-Zellen und deren Immunreaktion wichtig sein.

Schnelle Tests zum Nachweis der Immunreaktion von T-Zellen können bislang noch nicht im großen Maßstab durchgeführt werden. Es gibt zwar seit ein paar Jahren dafür verlässliche und schnelle Tests, aber für Massentests sind diese noch nicht ausgelegt.

T-Zellen reagieren möglicherweise auch auf andere ähnliche, harmlose Coronaviren. Dieses Phänomen nennt man "Kreuzimmunität". Und das macht natürlich einen exakten Nachweis auch schwieriger.

Dendritische Zellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Auslösung von Immunantworten gegen Viren. Sie erkennen eingehende Viren und präsentieren ihre antigenen T-Zellen. (Foto: IMAGO,  imago images/Science Photo Library)
Sogenannte "dendritische Zellen" spielen eine entscheidende Rolle bei der Auslösung von Immunantworten gegen Viren. Sie erkennen eingehende Viren und präsentieren ihre antigenen T-Zellen. imago images/Science Photo Library

Ein weiteres Problem ist: In einer Studie mit schwer erkrankten Covid-19-Patienten haben Forscher bei jedem fünften Patienten gar keine Immunreaktion von T-Zellen beobachten können. Also dieser Test alleine könnte nicht helfen.

Welche Tests in Zukunft sinnvoll sein könnten, ist also noch nicht klar. Und weil diese Grundlage fehlt, rät der Ethikrat zum jetzigen Zeitpunkt von den Immunitätsausweisen ab.

Kann man andere trotz nachgewiesener Immunität anstecken?

"Immun" bedeutet erstmal nur, dass der Körper bei einem erneuten Kontakt mit dem Virus schnell mit der passenden Immunreaktion reagieren kann. Die immune Person wird dann im Idealfall nicht mehr krank. Doch das Virus könnte sich gerade am Anfang trotz Immunität im Nasen- und Rachenraum durchaus vermehren. Die Person wäre dann trotz einer gewissen Immunität ansteckend. Inwiefern das beim Coronavirus zutrifft, weiß man noch nicht.

Und das ist ein zweiter großer Unsicherheitsfaktor – übrigens auch für die Entwicklung eines Impfstoffes:
Da muss man wissen, ob der oder die Geimpfte nicht nur gesund bleibt, sondern bei einem Kontakt mit dem Virus auch wirklich niemanden mehr ansteckt. Auch bei dieser Frage sind die Wissenschaftler*innen gerade erst am Anfang. Man muss einfach ganz klar sagen, dass wir für einen Immunitätsausweis einfach noch zu wenig wissen. Und dann gibt es auch ethische Bedenken rund um den Immunitätsausweis.

T-Zellen spielen auch eine entscheidende Rolle bei der Immuntherapie gegen Krebs.Modifizierte T-Zellen spielen auch eine entscheidende Rolle bei der Immuntherapie gegen Krebs. (Foto: IMAGO, imago images/Science Photo Library)
Modifizierte T-Zellen spielen auch eine entscheidende Rolle bei der Immuntherapie gegen Krebs. imago images/Science Photo Library

Angenommen wir haben in einem halben Jahr eine Möglichkeit, die Immunität bestätigen zu können. Was würde sich da ändern?

Richtig sicher kann man sich da wahrscheinlich nie sein. Deswegen sieht auch die Hälfte des Ethikrats überhaupt keine Chance für einen Immunitätsausweis.
Die Befürchtung: Ausweisinhaber könnten im allgemeinen Umgang mit der Epidemie nachlässig werden und zu einem schlechten Vorbild werden, für diejenigen, die nicht immun sind. Das kann sich dann auch sehr schnell ungerecht anfühlen.

Generell ist die Frage, an welcher Stelle so ein Immunitätsausweis wirklich etwas bringen würde. Nur weil Menschen noch nicht immun sind, dürfen sie ja nicht gleich ausgeschlossen werden.

So ein Immunitätsausweis ist also nicht wirklich etwas für den Alltag, zum Beispiel darf das beispielsweise auch kein Freifahrtsschein für Maskenverzicht in öffentlichen Verkehrsmitteln sein.

Ein ganz "normaler" Samstag in der Düsseldorfer Innenstadt. (19. 9. 2020) (Foto: IMAGO,  imago images/Ralph Peters)
Ein ganz "normaler" Samstag in der Düsseldorfer Innenstadt. Abstandsregeln scheinen im Alltagsleben vieler Menschen trotz steigender Corona-Fallzahlen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen. imago images/Ralph Peters

So ein Immunitätsausweis ist vor allem für Menschen sinnvoll, die regelmäßigen Kontakt zu Risikogruppen haben. In Altersheimen oder Krankenhäusern könnten bevorzugt immune Pflegekräfte Risikopatienten betreuen und pflegen. Doch auch hier gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit.

Strenge Hygieneauflagen und Maskenpflicht müssten dann wahrscheinlich trotz Immunitätsausweis auch weiterhin gelten.

Die Maskenpflicht und Hygieneregeln spielen weiterhin eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Pandemie. Daran wird wohl auch ein etwaiger Immunitätsnachweis nichts ändern. (Foto: IMAGO, imago images/rheinmainfoto)
Die Maskenpflicht und Hygieneregeln spielen weiterhin eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Pandemie. Daran wird wohl auch ein etwaiger Immunitätsnachweis nichts ändern. imago images/rheinmainfoto
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