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Die Europäische Weltraumorganisation ESA spricht von einem „Generationswechsel“ im Weltraum: Das erste Mal seit elf Jahren sucht die ESA neue Astronauten und – ausdrücklich auch – Astronautinnen. Denn Weltraumfahrerinnen gibt es weltweit nur wenige. Wissenschaftsredakteur Thomas Hillebrandt im Gespräch.

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Könntest du dich bei der ESA als Nachwuchs-Astronaut bewerben?

Leider nein, denn es gibt eine Altersgrenze von 50 Jahren. Das ganze Verfahren ist langwierig – die Ausbildung kostet und man investiert dort richtig rein. Am Ende der Ausbildung möchte die ESA schon wissen, dass derjenige oder diejenige auch noch einige Weltraum Missionen fliegen könnte. Außerdem habe ich keinen Master in Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Informatik oder Medizin. Das ist aber eine Voraussetzung, die man haben muss, wenn man sich bewerben will.

Wie fit müssen die Bewerber*innen körperlich sein?

Schon bei der Bewerbung, die über die ESA-Seite einreicht, muss ein "flugmedizinisches Gutachten" beigelegt werden. Man muss nicht nachweisen, dass man Pilot, Kampfpilot ist oder einen Pilotenschein haben muss – auch wenn viele Astronauten und Astronautinnen das haben. Aber man muss fit sein, um das machen zu können.

Welche weiteren Fähigkeiten muss man mitbringen?

Teamfähigkeit, Stressresistenz, Neugier sind weiche Faktoren, die später im Auswahlverfahren – was noch einige Zeit dauern wird – wirklich angeschaut werden. Da geht es zum Beispiel darum, dass man kommunikativ ist. Das ist ein wichtiges Thema, denn Astronaut*innen sind der Öffentlichkeit verpflichtet. Wer da verschlossen ist, hat keine Chance.

Samantha Cristoforetti, die erste italienische Astronautin (Foto: Imago, IMAGO / Independent Photo Agency Int.)
Samantha Cristoforetti war die einzige Frau, die es vor elf Jahren in das Astronatienteam der ESA geschafft hat. Imago IMAGO / Independent Photo Agency Int.

Haben Frauen bessere Chancen Astronautin bei der ESA zu werden?

Es gibt keine extra Kriterien. Männer und Frauen werden mit denselben Kriterien überprüft. Aber es gibt die ganz klare Aufforderung, dass sich junge Frauen bewerben sollten. Bei der letzten Auswahlrunde 2008/2009 waren unter den knapp 8400 Bewerbern nur circa 15 Prozent Frauen. Also etwa ein Sechstel. Am Ende wurden sechs Astronauten ausgewählt – bei der eine Astronautin dabei war. Das heißt – umso mehr Frauen sich jetzt bewerben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende mehr Frauen Astronautinnen werden.

Warum sucht die ESA gerade jetzt Nachwuchs und nicht früher?

Die Ausbildung ist lang und teuer. Nach dem Auswahlverfahren, wenn man das durchlaufen hat und dabei ist, wird die Ausbildung ungefähr ein bis anderthalb Jahre dauern – mit allen möglichen Ausbildungsschritten. Dann kommt noch das Fein-Tuning dran, je nachdem, wie sich auch die Aufgaben ändern.

Auch das war ein Thema 2008 und 2009. Da wusste man, wir suchen Astronauten und Astronautinnen, die zur ISS zur Internationalen Raumstation sollen. Jetzt wird davon gesprochen, dass es Richtung Mond geht. Es gibt ein Artemis-Programm der NASA und der ESA. Ob die ISS noch zehn Jahre fliegen wird, weiß man nicht. Also insofern muss jetzt, "The Next Generation" an den Start. Wer jetzt 30 Jahre alt oder Mitte 30 ist, hat auch nach der Ausbildung eine Perspektive von 20 Jahren Raumfahrt. Alle Astronaut*innen, die damals in dieser Klasse waren, sind geflogen und haben ihren Soll erfüllt.

Astronaut im Weltall (Foto: Imago, IMAGO / ZUMA Wire)
Bewerber:innen müssen durch ein sechstufiges Auswahlverfahren, bevor das Training überhaupt beginnt. Imago IMAGO / ZUMA Wire

Wie und wo kann man sich bewerben?

Das Ganze startet am 31. März und geht bis zum 28. Mai, also zwei Monate. Der sechsstufige Auswahlprozess wird bis zum Oktober 2022 dauern. Über ein Jahr hängt man in dieser Sache mit beispielsweise psychologischen Tests und Sprachtests. Perfektes Englisch ist auch wichtig und möglichst eine weitere Fremdsprache. Samantha Cristoforetti spricht zum Beispiel fünf Sprachen. Da weiß man schon, welche Anforderungen es gibt. Im Oktober 2022 feststehen, wer die nächste ESA Astronauten-Crew wird.

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