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Krank durch Feinstaub Diabetes - neue Erkenntnisse und Therapien

Gespräch zum Welt-Diabetes-Tag mit Ulrike Till

Rund jeder zehnte Erwachsene in Deutschland leidet an Diabetes – und die Zahlen steigen weiter an. Das liegt nicht nur am Lebensstil, sondern auch die Umwelt ist ein entscheidender Faktor. Ein Beispiel: Feinstaub.

Es gibt zwei Formen von Diabetes: Typ1 ist erblich bedingt. Die meisten Betroffenen haben Diabetes Typ 2, auch „Altersdiabetes“ genannt. Dieser Typ tritt häufig auch schon in jüngeren Jahren auf: wenn Menschen stark übergewichtig sind und/oder sich nicht genug bewegen. Doch das ist möglicherweise nicht der alleinige Grund.


Welche Rolle spielt die Umwelt bei der Entstehung von Diabetes?

Hinweise auf die schädliche Wirkung von Feinstaub gibt es schon länger. Im Sommer hat nun eine Studie in „Lancet Planetary Health“ den Zusammenhang bestätigt: US-Veteranen, die in Gegenden mit erhöhter Feinstaubbelastung leben, sind häufiger an Diabetes erkrankt als Veteranen in Wohngegenden mit sauberer Luft. Das Beunruhigende dabei: Selbst wenn die Feinstaubwerte noch unter den Grenzwerten der WHO blieben, kam es zu mehr Fällen von Zuckerkrankheit.

Abgase strömen aus Autos, die im Stau stehen.

Feinstaub ist nicht nur schädlich für die Lungen - auch Diabetes Typ2 kann dadurch begünstigt werden

Wie ist das denn zu erklären – Feinstaub belastet doch vor allem die Lunge?

Ja, aber eben nicht nur. Winzige Partikel gelangen über die Lungenbläschen auch in den Blutkreislauf. Von dort aus können sie innere Organe schädigen. Deshalb erhöht Feinstaub ja auch das Risiko für Herzkrankheiten oder Tumore. Bei Diabetes geht man davon aus, dass Feinstaub unter anderem den Glukosestoffwechsel in der Leber stört und so die Insulinresistenz fördert.

Die Autoren der jüngsten Lancet-Studie gehen davon aus, dass Feinstaub 2016 weltweit zu mehr als drei Millionen Fällen von Diabetes geführt hat – das sind 14 Prozent aller Zuckerkranken, eine gewaltige Dimension. Die Zahlen sind allerdings umstritten – aber sie erklären gut, warum in Ländern mit wachsender Luftverschmutzung wie etwa in China auch die Zahl der Diabetiker rapide ansteigt.

Bluttropfen auf einem Finger

Die Zahl der Diabetes-Patienten nimmt weltweit zu.

Wenn es weltweit immer mehr Patienten gibt – macht die Diabetes-Therapie denn weiter Fortschritte? Was gibt es da Neues?

Da hat sich gerade in jüngster Zeit viel getan: zum Beispiel gibt es jetzt auch Mittel, die sich Patienten mit Diabetes vom Typ 2 nur noch einmal in der Woche spritzen müssen statt jeden Tag. Und die Forschung geht dahin, dass irgendwann vielleicht sogar eine Monatsspritze reicht – bei Mäusen hat das schon funktioniert. Diabetesspezialisten empfehlen solche Depotspritzen allerdings nur einigen Patienten – zum Beispiel Senioren, die sonst häufig ihre Medikamente vergessen. Oder Kranken, die das Standardmittel Metformin nicht vertragen. Es ist also im Moment keine Therapie für die breite Masse.

Dass Ernährung eine Schlüsselrolle bei Diabetes spielt, ist ja bekannt – gibt es dazu neue Erkenntnisse?

Dass zu süßes und zu fettes Essen das Diabetesrisiko erhöht, ist ein alter Hut – aber viele wissen nicht, dass auch Menschen, die viel rotes Fleisch essen oder regelmäßig Alkohol trinken, eher zuckerkrank werden. Und es kommt, möglicherweise auch darauf an, ob man morgens frühstückt oder nicht. Dazu ist gerade eine ganz verblüffende Studie im Journal of Nutrition erschienen.

Erwachsene, die auf das Frühstück verzichten, haben demnach ein um ein Drittel höheres Diabetesrisiko als Menschen, die morgens etwas essen. Wenn man berücksichtigt, dass jeder fünfte Deutsche das Frühstück auslässt, sind das schon bedenkliche Zahlen. Bei den 18- bis 29-jährigen geht sogar die Hälfte morgens ohne Frühstück aus dem Haus.

Es gibt allerdings einen entscheidenden Haken bei der Studie: Es kann auch sein, dass die Nicht-Frühstücker häufiger übergewichtig waren und damit sowieso ein höheres Diabetesrisiko hatten als die Frühstücksfraktion – eine Mahlzeit weglassen ist ja ein klassischer Diät-Tipp. Das müsste man in weiteren Studien nochmal genau überprüfen.

Draufsicht auf einen Frühstückstisch mit zwei Platzsets

Auf das Frühstück zu verzichten ist nicht immer eine gute Idee

Das waren jetzt neue Ergebnisse zu Diabetes vom Typ2 – gibt es auch Fortschritte bei der Behandlung der erblichen Zuckerkrankheit vom Typ 1?

Da ist die spannendste Entwicklung sicher die sogenannte künstliche Bauchspeicheldrüse. Sie besteht aus einer Insulinpumpe und einem Sensor zur Blutzuckermessung. Beides müssen sich die Patienten unter die Haut implantieren lassen. Spezielle Software sorgt dann dafür, dass die Pumpe immer genau die richtige Menge Insulin abgibt. Der Fachbegriff dafür ist „closed loop“, weil es ein in sich geschlossenes System ist.

Im British Medical Journal ist kürzlich eine große Übersichtsstudie dazu erschienen mit eindeutigem Ergebnis: Künstliche Bauchspeicheldrüsen haben bei den Probanden zu stabileren Blutzuckerwerten geführt als Insulinspritzen oder Insulinpumpen ohne automatische Steuerung. Perfekt ist die Automatisierung in der Praxis allerdings noch nicht. Denn wenn Patienten etwas essen möchten, müssen sie über die externe Steuerung doch noch selbst eine Extradosis Insulin anfordern.

Grafische Darstellung der Insulinproduktion einer Bauchspeicheldrüse

Grafische Darstellung der Insulinproduktion einer Bauchspeicheldrüse. Möglicherweise kann diese Funktion auch eine künstliche Insulinpumpe übernehmen.

Können Typ1-Diabetiker in Deutschland davon schon profitieren?

Leider nicht – in den USA ist die erste künstliche Bauchspeicheldrüse schon seit 2017 auf dem Markt, in Europa hat das System namens MiniMed im Sommer zumindest das Prüfsiegel CE erhalten. In vielen europäischen Ländern soll es bis Ende des Jahres auf den Markt kommen – nur in Deutschland wird es noch sehr viel länger dauern.

Die Herstellerfirma schreibt auf ihrer Website, dass mit „einem umfangreichen und langwierigen regulatorischen Zulassungsprozess“ zu rechnen ist. Das sorgt bei einigen jungen Diabetikern für großen Unmut: In Patientenforen wird darüber diskutiert, wie man vorhandene Einzel-Komponenten selbst so umprogrammieren kann, dass sie so gut funktionieren wie das schwer erhältliche MiniMed-System. Fachärzte warnen eindringlich vor solchen Do-it-yourself-Versuchen – wenn was schiefgeht, kann das lebensgefährlich sein.