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Baumeister im Wasser Der Biber ist zurück und sorgt für Streit

Gespräch mit dem Biologen Kurt de Swaaf

Einst war der Biber gefährdet. Früher war der Biber eine beliebte Speise und konnte als "Fischgericht" sogar in der Fastenzeit gegessen werden. Nachdem er fast vom Aussterben bedroht war, kehrt er wieder zurück. Jetzt haben sich die Bestände erholt. Aber das ist nicht überall Grund zur Freude, denn der Biber wandelt zum Beispiel Ackerflächen in Feuchtwiesen um.

Der Biber ist wieder da. Er stand schon mal kurz vor dem Aussterben. Dann hat man ihn wieder angesiedelt. Das Projekt klappte; der Bestand hat sich erholt. Mittlerweile gibt es den Biber sogar in der Stadt. Zum Beispiel in der Heidelberger Innenstadt, wo er auch vom Biologen Kurt de Swaaf gesichtet wurde.

Wo haben Sie den Biber in Heidelberg gesichtet?

Vor paar Jahren gab es schon einmal Biber in einem Naturschutzgebiet bei Wieblingen, einem Stadtteil von Heidelberg. Im Spätsommer, Frühherbst 2018 tauchten auch die ersten eindeutigen Nagespuren im Bereich der Alten Brücke auf. Mittlerweile haben sie sich hier - es ist wohl ein Pärchen - eine richtige Burg gebaut - direkt mit Schlossblick.

Die Brücke über den Neckar, im Hintergrund das Heidelberger Schloß

Biberbau mit Schlossblick

Ist das typisch für den Biber, dass er die Nähe von Menschen nicht scheut?

Wenn er nicht bejagt wird, ja. Dann ist er eigentlich ziemlich robust und lässt sich auch vom Menschen nicht besonders beeindrucken, obwohl er den direkten Kontakt schon meidet und normalerweise nachtaktiv ist.

Wie dramatisch war vor Jahren die Lage für den Biber, als er fast ausgestorben wäre?

Vor gut hundert Jahren gab es in Europa nur noch so etwa 1.200 Exemplare nach damaligen Schätzungen. Die lebten isoliert in einigen Restvorkommen unter anderem an der mittleren Elbe und an der der unteren Rhône in Frankreich; es gab noch ein paar in Südnorwegen, in Masuren und ein paar Restbestände in Russland. Damals hat man dann eingesehen: Das ist vielleicht doch nicht so gut, wenn der Biber komplett verschwindet. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren wurde bereits mit den ersten Wiederansiedlungen experimentiert.

Das war zunächst noch nicht besonders erfolgreich. In Finnland hat man sogar Biber aus Kanada importiert. Das war keine gute Idee, denn das ist natürlich eine andere Art aus einer anderen Region, die hier nicht heimisch ist. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man sich dann auch in Deutschland verstärkt um die Wiederansiedlung des Bibers gekümmert. 1966 wurden in Bayern die ersten wieder freigelassen. Und seitdem geht es aufwärts.

Wie macht man das? Wie siedelt man die an?

Man sucht ausgewachsene robuste Exemplare aus. Heutzutage macht man das natürlich mit Tieren, die dem ursprünglichen Bestand genetisch möglichst ähnlich sind. Früher hat man das nicht so genau genommen. In Bayern hat man Biber aus dem Elbegebiet eingesetzt, man hat welche aus Russland geholt, welche aus Frankreich.
Und die haben sich auch fleißig vermehrt. Es gibt eine neue Studie. Da hat man das genetische Profil von nach Baden-Württemberg eingewanderten Bibern untersucht und festgestellt: Das sind so richtige Mischlinge aus den früheren Populationen, den früheren Restpopulationen.

Am Ufer einer überschwemmten Wiese knabbert ein Biber die Rinde von Weidenästen ab

Biber lieben Weidenäste. Früher wurden Biber unter anderem verspeist oder das so genannte Bibergeil" als Heilmittel verwendet.

Warum stand der Biber kurz vor dem Aussterben? Hat man ihn bejagt?

Ja, Biber wurden aus verschiedenen Gründen gejagt: Aus Biberfell konnte man schöne Pelze machen.

Der Biber war auch durchaus als Speise sehr beliebt. Die katholische Kirche hat ihn kurzerhand wegen dem beschuppten Schwanz zum Wassertier, also zum Fisch erklärt. Deshalb konnte man ihn auch zur Fastenzeit essen.

Beliebt war auch das sogenannte Bibergeil, das ist ein Drüsensekret. Dem wurde eine medizinische Wirkung nachgesagt - nicht ganz zu unrecht. Man weiß mittlerweile, dass da Salicylsäure aus der Weidenrinde drin ist, die die Biber essen. Der Wirkstoff hilft gegen Schmerzen. Salicylsäure ist beispielsweise als Wirkstoff in Aspririn.

Weiß man, wie viel Biber jetzt in Deutschland leben?

Deutschlandweit müssten es über 30.000 sein. In Baden-Württemberg sind momentan an die 5.500 Exemplare. Und das steigert sich weiter. 2012 waren es erst rund 2.000.

Ist es immer positiv, wenn dieser Biber sich ansiedelt oder gibt es auch Probleme?

Grundsätzlich ist der Biber ein großer Gewinn für die Landschaft. Aber es kann natürlich lokal durchaus zu Problemen kommen. Wenn der Biber irgendwo ungünstig seine Dämme baut und Leuten dann der Garten vollläuft, Oder wenn bei einem Landwirt plötzlich mehrere Hektar wertvolle Nutzfläche unter Wasser stehen, die er nicht mehr bewirtschaften kann, dann ist es natürlich problematisch. Das kann schon passieren,

Gibt es dann einen Streit oder lässt man das dann erst mal laufen?

Es gibt ehrenamtliche Biberberater. Die versuchen dann, Lösungen zu schaffen. Oft gelingt es auch. Man senkt zum Beispiel den Damm, man legt Drainagerohre, damit der Wasserstand dann wieder sinkt und die Wiese wieder trocken fällt. Notfalls werden Biber auch mal eingefangen oder vergrämt. Weil der Biber unter Naturschutz steht, braucht es für so etwas allerdings immer eine Ausnahmegenehmigung.

5:07 min | Mo, 29.10.2018 | 16:05 Uhr | Kaffee oder Tee | SWR Fernsehen

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Wie kann man Biber vergrämen?

Da gibt es diverse Möglichkeiten: Man kann einfach versuchen, ihm das Leben schwer zu machen, indem man seine Dämme abreißt oder so. Aber häufig wird er dann auch einfach eingefangen.

Der Biber ist das einzige Säugetier, das seine Umwelt so "gestalten" kann wie der homo sapiens in Europa. Stimmt das?

Ja das ist eine riesige Leistung.

Was für eine ökologische Bedeutung hat der Biber?

Der Biber ist ein Landschaftsgestalter par excellence, gerade in Deutschland. Es gibt die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Da ist Deutschland ganz weit hinten dran mit der Erfüllung. Bis 2027 müssen alle Gewässer wieder in einem ökologisch guten Zustand sein. Und wenn man da beispielsweise Flüsse wie die Dreisam oder die Murg nimmt. die sehen teilweise so aus wie mit dem Lineal durch die Landschaft gezogen. Das ist noch weit von "ökologisch gut" entfernt.

Der Biber macht solche Renaturierungsarbeiten zum Nulltarif. Der baut Dämme, der gräbt Löcher in Ufernetze. Dadurch fängt die Strömung wieder an zu pendeln. Es gibt teilweise Stauungen, wie zum Beispiel ein Biberteich. Der verdoppelt die Selbstreinigungswirkung des Gewässers. Es können sich wieder alle möglichen Tier- und Pflanzenarten ansiedeln, die vorher nicht da waren. Die Vegetation am Ufer verjüngt sich, wird stärker. Das dient dann auch direkt wieder dem Uferschutz. Die Vorteile der Bibertätigkeiten überwiegen meist weit über den Nachteilen.

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