Bitte warten...
Fahrradwerktstadt Totale

Psychosoziales Coaching für Langzeitarbeitslose So klappt der Wiedereinstieg ins Berufsleben

Von Annegret Faber für SWR2 Impuls

Psychische Erkrankungen erschweren den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Dabei gibt es mittlerweile Möglichkeiten, Betroffene so weit zu unterstützen, dass sie wieder in Arbeit gebracht werden können. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe fordert in allen Jobagenturen ein psychosoziales Coaching für Langzeitarbeitslose.

Beinahe 70 Prozent der Langzeitarbeitslosen sind psychisch krank. Diese Zahl stammt aus einer Studie der Deutschen Stiftung Depressionshilfe. Doch nur ein Bruchteil dieser psychisch kranken Menschen ist in Behandlung. Das sind extrem schlechte Voraussetzungen, um zu einem Bewerbungsgespräch zu gehen oder überhaupt den Mut zu haben, sich bei einem Arbeitgeber zu bewerben. Und – mit Glück – wieder einen Job zu finden.

Müde, ausgebrannt und ohne Job

Roland Seidel war neun Jahre lang arbeitslos. Zum Zeitpunkt des Jobverlustes fühlte er sich völlig ausgebrannt. Du diesem Zeitpunkt hatte er auch keine Lust mehr, mit irgendwem zu reden. Er wollte nur seine Ruhe haben. Roland Seidel sagt, er sei einfach nur müde gewesen. Schließlich rutschte er in die Arbeitslosigkeit. Die dauerte neun Jahre, zwei davon lebte er im Auto. Dann ging ihm das Geld aus und er wandte sich an die Arbeitsagentur in Leipzig. Dort fiel er seiner Arbeitsvermittlerin auf und sie half ihm. Sie organisierte für ihn einen Termin bei der Psychologin Anja Kästner, die seit 2012 direkt in der Jobagentur arbeitet. Glück für den Langzeitarbeitslosen: Sie stellte die Diagnose Depression und vermittelt ihm eine Therapie.

Psychische Erkrankungen oft nicht bewusst

Über 1.300 Klienten wurden seit 2011 auf diese Weise in der Leipziger Jobagentur diagnostiziert. Das Ergebnis ist alarmierend. Bei zwei Dritteln der Langzeitarbeitslosen stellten die Psychologen Depressionen, Angstzustände oder Alkoholprobleme fest. Doch nur sechs Prozent von ihnen waren vorher schon in Behandlung. Die meisten der Klienten hätten selbst nicht um Hilfe gebeten. Denn es ist ihnen nicht bewusst, dass sie unter einer psychologischen Erkrankung leiden.

Psychologin Kästner erklärt, dass die Arbeitslosen oft unspezifische Symptome haben wie Schlafstörungen, Schmerzen oder Antriebslosigkeit. Sie können sich nicht erklären, woher die Beschwerden kommen. In solchen Fällen erhalten die Betroffenen nach der Diagnose die Information, dass es sich um eine Depression handelt – eine psychische Erkrankung, die gut behandelt werden kann.

Wenig psychologische Unterstützung in Jobcentern

Doch psychologische Unterstützung wird in viel zu wenigen Jobcentern angeboten, kritisiert der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, Prof. Ulrich Hegerl.

Gerade bei Langzeitarbeitslosen werden psychische Erkrankungen oft übersehen. Erst wenn diese erkannt und richtig behandelt werden, kann diesen Menschen geholfen werden. Geschieht dies nicht, stellen diese Erkrankungen das größte Vermittlungshemmnis im Arbeitsmarkt dar. Dabei seien Depressionen und ähnliche Erkrankungen oft der Auslöser dafür, dass Menschen überhaupt arbeitslos wurden, stellt Prof. Ulrich Hegerl fest:

"Wir haben uns die Frage gestellt, wieso dieses große Vermittlungshemmnis "psychische Erkrankungen" nicht angegangen wird. Der Hauptgrund ist, dass in den Köpfen vieler Menschen die Vorstellung ist: Wenn ich arbeitslos bin, werde ich depressiv oder bekomme andere psychischer Erkrankungen. Man brauche also nur eine Arbeit und schon würde alles besser. Das ist aber nicht so."

Arbeitslosigkeit als Gefahr für psychische Gesundheit

Zu selten werde untersucht, ob die psychische Erkrankung der Auslöser für den Jobverlust war. Stattdessen herrsche die Meinung vor, dass Arbeitslosigkeit krank mache. Das ist auch richtig: Arbeitslosigkeit ist eine Gefahr für die psychische Gesundheit. Das Risiko, dass Arbeitslose psychisch erkranken, ist dreimal höher als bei Berufstätigen. Doch egal wann die psychische Krankheit ausgelöst wurde, ihre Behandlung steigert die Chance auf eine erfolgreiche Vermittlung zurück in den Arbeitsmarkt.

Jugendliche stehen mit Rucksäcken und Informationsmaterial in den Händen in einem Büro der Agentur für Arbeit - zu erkennen an dem Logo im Hintergrund: ein weißes A auf rotem Kreis.

Kaiserslautern ist eine der Städte, in denen das Projekt erprobt wird. (Symbolbild)

Das ist in den meisten Jobcentern aber noch nicht bekannt. Nur einige wenige bieten psychosoziale Coachings für Langzeitarbeitslose an. Beim psychosozialen Coaching wird das Vorliegen einer unbehandelten psychischen Erkrankung geprüft. Psychologen im Jobcenter beraten und unterstützen Betroffene dann als Lotsen auf dem Weg zu einer regulären Behandlung.

Psychosoziales Coaching für Langzeitarbeitslose

Seit 2006 wird das psychosoziale Coaching in verschiedenen Städten erprobt. Doch die meisten Jobcenter haben dafür nur auf zwei Jahre begrenzte Projektmittel zur Verfügung. Die Projekte sind oft schon ausgelaufen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, Prof. Ulrich Hegerl bedauert, dass bisher eine langfristige, bundesweite Finanzierung fehlt. Die Experten hoffen nun, dass die neue Bundesregierung die Chancen, die das psychosoziale Coaching bietet, erkennt. Sie erhoffen sich weiterhin eine langfristige Unterstützung des Projekts und Angebote an allen Jobcentern.

Psychologisches Beratungsgespräch in einem Jobcenter. Psychosoziales Coaching für Langzeitarbeitslose gibt es seit 2006 in verschiedenen Städten.

Psychologisches Beratungsgespräch in einem Essener Jobcenter (2010). Seit 2006 wird das psychosoziale Coaching in verschiedenen Städten erprobt. Projektmittel stehen jedoch meist nur befristet zur Verfügung.

Psychosoziales Coaching ermöglicht Wiedereinstieg ins Arbeitsleben

Die Universität Leipzig hat das psychosoziale Coaching in einer begleitenden Studie mit 1.000 Teilnehmern untersucht und kommt zu dem Schluss, dass es zahlreichen betroffenen Langzeitarbeitslosen einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben ermöglicht. Mindestens 66 Prozent der Langzeitarbeitslosen litten an einer psychischen Erkrankung. Viele Betroffene wussten bis dahin nicht, dass eine Erkrankung vorliegt und waren deshalb auch nicht in Behandlung. Nur sechs Prozent waren bereits in psychologischer Behandlung. Über 30 Prozent der Teilnehmer am psychosozialen Coaching haben im Anschluss wieder eine Arbeit aufgenommen. Die normale Integrationsquote hingegen liege zehn Prozent darunter, so die Jobagentur in Leipzig.

Der ehemalige Langzeitarbeitslose Roland Seidel hat von dem Leipziger Angebot profitiert und psychologische Hilfe angenommen. Sie hat ihm geholfen, eine Arbeit zu finden. Seit zwei Jahren arbeitet Seidel wieder, und zwar als Sozialarbeiter in einem Leipziger Kulturhaus. Und wenn dort etwas gebaut oder repariert werden muss, hilft er auch. Seidel ist glücklich:

"Also ich bin jetzt wieder voll im Leben drinnen, was vorher nicht war. Ich hab wieder die soziale Teilhabe, ich habe meine Kinder wieder. Ich habe hier nette Kollegen, einen netten Arbeitsplatz und was sich auch bemerkbar macht: Man hat wieder Geld im Portemonnaie und kein Hartz IV."