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Sollten sich werdende oder stillende Mütter gegen Corona impfen lassen? Aus medizinischer Sicht spricht nach bisherigen Erkenntnissen nichts dagegen. Bislang wird die Impfung in Deutschland allerdings für diesen Personenkreis nur nach individueller Abwägung empfohlen.


In Deutschland wird eine Corona-Schutzimpfung für Schwangere und Stillende bislang nur nach individueller Abwägung empfohlen. Der Grund: Bisher gibt es noch nicht ausreichend Daten. So ist auf den Seiten der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu lesen:

Bisher liegen keine Erkenntnisse aus kontrollierten Studien zum Einsatz der COVID-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft vor. Alleine auf Grundlage der kürzlich publizierten Beobachtungen aus den USA wird die STIKO keine generelle Impfempfehlung für Schwangere aussprechen.

Ausnahmen für Schwangere und Stillende mit Vorerkrankungen

Der Grund für den Datenmangel ist simpel: Schwangere und stillende Menschen sind in der Regel nicht Teil klinischer Impfstoff-Tests. Sie und ihre Kinder stehen unter besonderem Schutz. Covid-19-Impfungen sind für sie aber nicht “verboten”. Dazu das RKI:

 “Schwangeren mit Vorerkrankungen und einem daraus resultierenden hohen Risiko für eine schwere COVID-19-Erkrankung kann in Einzelfällen nach Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher Aufklärung eine Impfung angeboten werden.”

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Der individuelle Nutzen muss also größer sein als mögliche Risiken. Eine schwangere Krankenschwester mit Diabetes zum Beispiel will sich womöglich gerne impfen lassen. Ohne Daten aus Studien ist das Risiko der Impfung für Schwangere und ihr ungeborenes Kind aber schwierig abzuwägen. Die Gynäkologin Kristina Adams-Waldorf sagte der Fachzeitschrift Nature deshalb:

“Ich denke, dass es ein großer Fehler war, sie nicht einzubeziehen. Denn jetzt sind im Prinzip alle Versuchskaninchen.”

Schwangere gehören zur Covid-19-Risikogruppe

Sich als schwangere Frau impfen zu lassen, wäre nämlich durchaus eine Überlegung wert: Sie zählen zur Corona-Risikogruppe – auch ohne relevante Vorerkrankungen. Kommen Risikofaktoren wie ein erhöhtes Alter, Übergewicht, oder Vorerkrankungen hinzu, sind Schwangere sogar Teil der Hochrisikogruppe. Zu diesem Ergebnis kam eine großangelegte Analyse aus 192 Studien.

In Frankreich wurde erstmals dokumentiert, dass sich ein Neugeborenes über die Plazenta der Mutter mit dem neuen Coronavirus infiziert hat. (Foto: Imago, imago)
Schwangere haben ein stark erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe. Imago imago

Der Grund: Das Immunsystem von Schwangeren ist herunterreguliert, damit es das Baby nicht angreift. Und ihr Lungenvolumen ist durch die Ausbreitung des Uterus eingeschränkt. Schwangere mit Covid-19 haben also öfter schwere Verläufe und ein deutlich höheres Sterberisiko. In einer US-amerikanischen Studie starben pro 100.000 Mütter 5 ohne Covid-19, aber von denen mit Corona waren es 141.

Eine internationale Studie aus 18 Ländern kam zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach sei die Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation zu landen für Schwangere mit Covid-19 im Vergleich zu Schwangeren ohne Covid-19 etwa fünffach erhöht. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben sei sogar 22-fach erhöht.

Die Studie kam außerdem zu dem Schluss, dass schwangere Frauen mit Covid-19 eine über 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Komplikationen während der Schwangerschaft hatten: Dazu zählen beispielsweise Schwangerschaftsvergiftungen und Frühgeburten – die wiederum eine Gefahr für die Babys darstellen.

Impfung von Schwangeren anscheinend unbedenklich

Expert*innen gehen davon aus, dass sowohl die Wirksamkeit der Impfstoffe als auch die Nebenwirkungen sich bei schwangeren Frauen nicht bedeutend von anderen unterscheiden. Inzwischen gibt es dazu auch immer mehr Daten, die das nahelegen – entgegen der Feststellung des RKI von Anfang April. Vorläufige Daten aus den USA weisen beispielsweise daraufhin, dass es keine offensichtlichen erhöhten Sicherheitsrisiken bei Schwangeren gibt, die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer oder Moderna erhielten.

Schwangere machen sich in Zeiten von Corona sorgen um sich und ihr ungeborenes Kind. (Foto: Imago, imago)
Schwangere machen sich in Zeiten von Corona sorgen um sich und ihr ungeborenes Kind. Imago imago

Fachgesellschaft empfielt Covid-19 Impfung für Schwangere und deren Angehörige

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie vier weitere Fachgesellschaften und Berufsverbände sprechen deshalb seit Anfang Mai folgende Empfehlung aus:

"In informierter partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen wird empfohlen, Schwangere priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen Covid-19 zu impfen. Um Schwangere auch indirekt zu schützen, wird weiterhin die priorisierte Impfung von engen Kontaktpersonen von Schwangeren, insbesondere deren Partner/-innen, sowie Hebammen und Ärzte/-innen empfohlen."

Außerdem wird empfohlen, auch stillenden Frauen eine mRNA-basierte Impfung gegen COVID-19 zu ermöglichen.

Impfstoffe werden jetzt an Schwangeren getestet

Damit diese Empfehlung auf eine breitere wissenschaftliche Basis gestellt werden kann, werden die Impfstoffe jetzt auch gezielt an Schwangeren getestet. Biontech und Pfizer erproben ihren Impfstoff im Rahmen einer klinischen Studie gerade an rund 4.000 gesunden schwangeren Frauen ab 18 Jahren in den USA. Auch hier werden die Frauen in zwei Gruppen geteilt: Die eine Hälfte erhält den Impfstoff, die andere einen Placebo.

Studie mit rund 4.000 Probandinnen Biontech testet Corona-Impfstoff an Schwangeren

Das Mainzer Unternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer testen ihren Corona-Impfstoff nun auch an Schwangeren. Werdende Mütter und Kinder waren bei den bisherigen Impfempfehlungen meist außen vor gelassen worden, weil es keine gesicherten Daten gibt.  mehr...

Anschließend sollen nicht nur Wirkung und Nebenwirkungen untersucht werden. Sondern auch, ob die Mittel sicher für die Babys sind und inwieweit die Mütter potenziell schützende Antikörper an die Kinder weitergeben. Experimente des Impfstoffherstellers Moderna mit Ratten hatten offenbar keine negativen Auswirkungen auf die weibliche Fruchtbarkeit, die Entwicklung von Embryos oder Neugeborenen gezeigt.

Empfehlung gilt auch für stillende Mütter

Für Stillende gelten bezüglich der Covid-19-Impfung die gleichen Empfehlungen wie für Schwangere. Das RKI schreibt dazu aber auch: 

“Die STIKO hält es für unwahrscheinlich, dass eine Impfung der Mutter während der Stillzeit ein Risiko für den Säugling darstellt.”

Schwangere impfen (Foto: Imago, imago images/Westend61)
Für Stillende gelten bezüglich der Covid-19-Impfung die gleichen Empfehlungen wie für Schwangere. Imago imago images/Westend61

Keine Ansteckung durch Corona-Impfung

Für eine Impfung von Stillenden gegen Corona hat die Ständige Impfkommission bislang noch keine Empfehlung ausgesprochen. Ihre Aussagen dazu sind jedoch ziemlich eindeutig. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass eine Impfung während der Stillzeit ein Risiko für den Säugling darstellen könnte. Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagt sogar, bei stillenden Frauen sehe die STIKO explizit kein Problem. Denn theoretisch dürfte bei so einer Impfung nichts passieren. In keinem der zugelassenen Impfstoffe sind lebende Viren enthalten. Anstecken kann man sich von der Impfung nicht.

Bisher gibt es nur kleinere Studien zum Thema Stillen nach Corona-Impfung

Dass es trotzdem noch keine Empfehlungen gibt, liegt daran, dass noch nicht genug Daten vorliegen. Denn bloß weil etwas logisch erscheint, muss es sich nicht bewahrheiten. Um sicherzugehen, braucht man wissenschaftliche Studien. Aus den großen Zulassungsstudien wurden Stillende aber genauso wie Schwangere ausgeschlossen. Das ist ganz normal bei solchen Verfahren. Die Daten zu diesen speziellen Gruppen werden jetzt erst nach und nach veröffentlicht, meist in kleinen Studien. Viele von ihnen sind noch nicht ordentlich publiziert, sie müssen noch unabhängig überprüft werden.

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Corona-Impfung wird von Schwangeren und Stillenden meist gut vertragen

Doch auch wenn sie noch nicht völlig stichfest sind; die Ergebnisse machen Hoffnung: Zum einen scheinen Schwangere und Stillende die Impfstoffe gut zu vertragen. Sie zeigten keine schweren Nebenwirkungen und bildeten nach einer Impfung einen guten Immunschutz. Das konnte zum Beispiel eine amerikanische Forschungsgruppe zeigen. Die verglich die Antikörper-Level von Schwangeren und Stillenden nach der Impfung mit denen von anderen Frauen und konnte keinen Unterschied feststellen. Das Ziel, die Mutter mit einer Impfung zu schützen, kann also erreicht werden.

Kein mRNA-Wirkstoff, aber dafür Antikörper in der Muttermilch

Doch was bekommt das Baby? In einer kleinen Studie untersuchten Forschernde die Muttermilch von Freiwilligen nach der Impfung mit einem mRNA Wirkstoff. Die mRNA aus der Impfung konnten sie in der Milch nicht nachweisen. Scheinbar wurde der Wirkstoff selbst nicht über die Muttermilch weitergegeben. Anders sieht es bei den Antikörpern gegen das Coronavirus aus. Die werden ja von den Müttern nach der Impfung gebildet.

Und in mehreren Studien konnten die dann auch in der Milch nachgewiesen werden. Vor allem nach der zweiten Impfdosis stieg das Antikörper-Level in der Milch an und blieb auch zumindest für einige Wochen hoch. Es könnte also sein, dass auch das Kind von der Impfung der Mutter profitiert. Wie groß diese Schutzwirkung für das Baby über die Milch aber wirklich ist und wie lange diese anhalten würde, das ist alles noch nicht geklärt. Insgesamt wirkt es aber so, als hätten beide etwas von der Impfung, Mutter und Kind.

Erste Studien mRNA-Impfung für stillende Frauen wohl unproblematisch

Es sind noch ganz kleine Studien, doch sie machen Hoffnung: Corona-Impfungen mit mRNA-Vakzinen sind für stillende Mütter und Kinder wohl unproblematisch. Wahrscheinlich nützen sie beiden sogar.  mehr...

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