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Warum gibt es so unterschiedliche Corona-Fallzahlen? Wie ist die Situation in den Krankenhäusern? Warum ist Abstandhalten so wichtig? Jochen Steiner im Gespräch mit SWR-Medizinexperte Dr. Patrick Hünerfeld.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Wie werden sich Coronafallzahlen in den nächsten Tagen und Monaten entwickeln?

In den kommenden zehn bis 14 Tagen wird die Zahl der Corona-Fälle bei uns noch stark ansteigen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Wenn ich heute ein positives Corona -Testergebnis bekomme, habe ich die Krankheit ja nicht heute bekommen. Ich hab mich vielleicht vor ein, zwei Wochen angesteckt, bis ich dann ein paar Tage später die Symptome bekommen habe. Dann bin ich zum Testen gegangen und bis das Ergebnis zurückkommt vergehen mitunter wieder ein paar Tage.

Das heißt, die Fallzahlen von heute sind gewissermaßen ein Blick in die Vergangenheit. Es sind also heute nicht rund 11.000 [Stand: 19.03. 2020, 14:00 Uhr], wie das Robert Koch-Institut sagt, Menschen in Deutschland erkrankt. So viele haben bis heute nur ein positives Testergebnis bekommen. Krank sind schon viel mehr Menschen, und deren Testergebnisse bekommen wir eben erst in zehn bis 14 Tagen.

Das heißt also, die Auswirkungen der ganzen drastischen Maßnahmen können wir folglich auch erst in zehn bis 14 Tagen sehen. Erst dann sehen wir, ob sich jetzt wirklich weniger Menschen anstecken. Kurzum: Die kommenden zwei Wochen werden einen erwartbar noch steilen Anstieg zeigen bei den Zahlen. Und was danach kommt, weiß noch keiner.

Wir hoffen, dass sich die Fallzahlen nicht weiterhin alle drei bis vier Tage verdoppeln wie bislang. Denn dieses exponentielle Wachstum ist natürlich ein Albtraum, weil damit natürlich auch die Zahl der schweren Verlaufsformen massiv ansteigt. Und das droht dann unsere Kliniken wirklich zu überfordern.

Teils drastische Maßnahmen sollen eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern. (Foto: Imago, imago images/Future Image)
Teils drastische Maßnahmen sollen eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern. Imago imago images/Future Image

Als besonders betroffenes Gebiet in Deutschland gilt der Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Jetzt sind noch weitere Landkreise dazugekommen?

Es gibt noch einige andere Landkreise, in denen bereits sehr viele Menschen bezogen auf die Gesamt-Bevölkerungsgröße infiziert sind. Bei uns im Südwesten ist beispielsweise der Hohenlohekreis sehr stark betroffen.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es wieder ein Blick in die Vergangenheit ist. Die aktuellen Testergebnisse zeigen, wie gesagt, nur das, was vor rund zehn Tagen war. Wir dürfen uns jetzt also nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch in unserem Wohnort, vielleicht sogar in unserer unmittelbaren Umgebung sind mit recht hoher Wahrscheinlichkeit jetzt schon Menschen, die das neue Coronavirus übertragen können, ohne dass sie es wissen.

Das Coronavirus kann von einer Person schon übertragen werden, bevor sie sich krank fühlt. Also wir haben jetzt [Stand: 19.03. 2020, 14:00 Uhr] rund 11.000 vom Robert Koch-Institut erfasste Fälle. Wenn sich das Virus ungebremst ausbreiten könnte, könnten sich bei uns innerhalb weniger Wochen mehrere Millionen Menschen anstecken. Deshalb ist es jetzt so wichtig, Abstand zu halten. Strenge Hygiene, keine unnötigen Treffen mit mehreren Personen.

Reichen Hinweisschilder aus, damit die Menschen genügend Abstand halten? (Foto: Imago, imago images/Lichtgut)
Reichen Hinweisschilder aus, damit die Menschen genügend Abstand halten? Imago imago images/Lichtgut

Regelmäßiges Händewaschen ist essenziell. Da sind wir uns einig. Wie groß sollte denn der Abstand zu anderen Personen sein?

Minimum 1,50 Meter heißt es, also einfach so, dass man denkt: Hey, ich stehe einfach zu weit weg. Also in dem Moment, wo es so ist wie normal, ist es schon zu nah.

Sollten wir am besten zuhause bleiben?

Ja, definitiv, das ist das A und O. Keine unnötigen sozialen Begegnungen mehr mit anderen Menschen. Und das gilt vor allem für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Denn die haben wirklich ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Krankheit. Das heißt: Wirklich keine Besuche mehr bei Oma und Opa, denn das bringt diese Menschen, die wir lieben, in Gefahr. Das ist keine abstrakte Gefahr. Das kann wirklich lebensgefährlich werden.

Und wenn man jetzt draußen herum schaut, in den Fußgängerzonen und Cafés, dann hat man manchmal den Eindruck, viele haben den Schuss noch nicht wirklich gehört. Es ist wirklich ernst. Haltet euch an die strengen Regeln. Wir müssen jetzt alle Verantwortung für die übernehmen, die unseren Schutz brauchen.

Die Ratschläge, untereinander Abstand zu halten, werden von vielen Menschen - wie hier in Stuttgart - nicht Ernst genommen. Drohen jetzt bundesweite Ausgangssperren? (Foto: Imago, imago images/Lichtgut)
Die Ratschläge, untereinander Abstand zu halten, werden von vielen Menschen - wie hier in Stuttgart - nicht Ernst genommen. Drohen jetzt bundesweite Ausgangssperren? Imago imago images/Lichtgut

Sind Schutzmasken sinnvoll?

Als Gesunder bringt das nichts, weil diese Masken relativ schnell durchfeuchtet sind. Dann halten sie nichts mehr ab, was von außen kommt. Wenn ich selber erkrankt bin, dann sind Schutzmasken sinnvoll. Das sieht man jetzt auch überall, wenn die Leute zu den Abstrichen gehen, zum Beispiel wer möglicherweise infiziert ist, sollte eine Maske anziehen. Da reicht auch schon so eine ganz normale OP Maske- einfach nur, dass nicht, wenn ich husten oder niesen muss, eine Riesenwolke von diesen Viren hinausgeschleudert wird.

Schutzmasken sind vor allem für bereits Erkrankte sinnvoll. Für Gesunde bieten sie nur bedingt Schutz. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Schutzmasken sind vor allem für bereits Erkrankte sinnvoll. Für Gesunde bieten sie nur bedingt Schutz. Imago imago images/ZUMA Wire

Die Corona-Fallzahlen der Johns Hopkins Universität in den USA liegen meist höher als die Zahlen vom Robert Koch-Institut. Woran liegt das?

Das liegt an den unterschiedlichen Zählweisen. Das Robert Koch-Institut trägt die ganzen Infektionszahlen zusammen, die offiziell dorthin gemeldet werden. Das dauert immer ein bisschen. Bei der Johns Hopkins University ist es so, dass da über verschiedene Zwischenstufen, da sind auch Zeitungen dabei, Daten von den verschiedenen Landesgesundheitsämtern eingesammelt werden. Und die haben derzeit dann lustigerweise etwas aktuellere Ergebnisse als das Robert-Koch-Institut. Richtig sind sozusagen beide Zahlen. Und wir wissen auch: Egal, wie hoch die Zahlen sind. Sie sind auf alle Fälle zu niedrig, weil sie erfassen nicht alle Fälle derzeit.

Werden wir ähnliche Entwicklungen bei den Zahlen erleben wie in Italien, was die Zahl der Infizierten und Toten angeht?

Hoffentlich bekommen wir nicht solche Verhältnisse wie in Italien. Dort sind die Kliniken am Limit. Und genau das versuchen wir jetzt hier mit diesem drastischen Maßnahmen zu verhindern. In Italien stehen in einigen Kliniken nicht genug Behandlungsplätze für alle Menschen mit schweren Verlauf zur Verfügung. Deshalb sterben Menschen. Das ist wirklich eine äußerst ernste Situation.

Und wenn wir nichts tun, wenn wir weiter sagen: "Ach komm, ich bin noch jung, gesund. Was kümmert mich das?" Wenn wir weiter diese plötzliche freie Zeit, die wir jetzt alle gezwungenermaßen haben, dazu nutzen, draußen eng beieinander im Cafe zu sitzen, im Park, am See oder gar eine Corona-Party zu schmeißen, dann drohen uns tatsächlich so schlimme Verhältnisse wie in Italien. Wir sind noch nicht safe, noch nicht im grünen Bereich. Das müssen wir uns jetzt erst mal gemeinsam alle wirklich erkämpfen.

In Norditalien hat die rasante Ausbreitung des Coronavirus das Gesundheitssystem völlig überlastet. (Foto: Imago, imago images/Hans Lucas)
In Norditalien hat die rasante Ausbreitung des Coronavirus das Gesundheitssystem völlig überlastet. Imago imago images/Hans Lucas

Nicht alle Menschen halten sich daran, soziale Kontakte zu vermeiden. Kommt dann auch bei uns in Deutschland die Ausgangssperre?

Das liegt in unserer Hand. Wir müssen uns an die strengen Regeln halten, Abstand halten, Hygiene beachten, vor allem unsere sozialen Kontakte massiv einschränken. Keine unnötigen Treffen mit mehreren Personen.

Und das Robert Koch-Institut hat Anfang der Woche von der Telekom anonymisierte Handy-Daten bekommen. Mit denen können die Wissenschaftler jetzt schauen, wie bewegen wir uns den tatsächlich. Also nicht nur sagen, "wir machen das alles, wir sind alle ganz brav". Die können nachschauen. Also die können nicht dein Handy oder mein Handy nachverfolgen, das ist nicht personalisiert. Aber wir können die gesamte Bewegung all unserer Handys mitverfolgen. Alle, die bei der Telekom sind, in dem Fall.

Und da wird man sehen, halten wir uns im Großen und Ganzen daran oder nicht? Mein Eindruck momentan ist: Wir halten uns nicht dran. Und ich fürchte, auch bei uns werden die Ausgangssperren kommen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus auch in Deutschland immer mehr Ausgangssperren geben. (Foto: Imago,  imago images/Jens Schicke)
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus auch in Deutschland immer mehr Ausgangssperren geben. Imago imago images/Jens Schicke

Bayerns Ministerpräsident Söder hat noch mal im Bayerischen Landtag appelliert: Leute bleibt zuhause, sonst gibt es in Bayern die Ausgangssperre. Wird es dann so eine Länder-Geschichte werden oder wird es dann eine Ausgangssperre für ganz Deutschland geben?

Wir sind ein föderales Land, in einer Ortschaft in Bayern ist bereits eine Ausgangssperre erlassen worden. Wenn das erste Bundesland eine Ausgangssperre verhängt, wird der Druck auf die anderen hoch sein, sehr schnell nachzuziehen. Und das ist ja, man muss es leider sagen, dann auch vernünftig.

Die Situation in den italienischen Krankenhäusern ist dramatisch. Da fehlt es an Beatmungsgeräten. Wie sieht es denn in deutschen Intensivstation aus? Gibt es genügend Betten, Beatmungsgeräte und so weiter?

Es ist nicht nur in Italien so. Wir haben auch jetzt schon die Situation. Wir brauchen nur den Blick über den Rhein werfen ins Elsass. Im Elsass sind die Intensivstationen voll, und wir sind noch nicht am Peak der Welle. Also das kommt noch. Da kommt noch ganz viel. Es ist jetzt bei uns tatsächlich die Ruhe vor dem Sturm. Wir wissen, dass die Zahl der Corona-Fälle steil ansteigen wird. Die Welle kommt, und jetzt bereiten sich alle vor.

Alle planbaren Operationen werden abgesagt. Es wird also nur noch das gemacht, was wirklich notwendig ist. Das sind etwa die Hälfte der OPs, die damit schon mal wegfallen. Dadurch werden in den nächsten Tagen mehr und mehr Intensivbetten frei werden. Zusätzlich werden weitere Intensivbetten aufgebaut und zusätzliches Personal geschult.

Und die Hoffnung ist, dass das dann alles reicht. Die Vorgaben, die da gemacht werden, sind wirklich sehr, streng, sehr ambitioniert. Die Kliniken sollen die Zahl der Intensivbetten verdoppeln, das ist echt eine Herausforderung. Ich weiß, dass in einigen kleinen Krankenhäusern bei uns die Teams auf den Intensivstationen schon jetzt fast am Limit sind. Und die Welle kommt erst noch.

Die Kliniken verlegen jetzt bereits untereinander Patienten, schaffen so mehr Platz, richten eigene Stationen, mitunter ganze Krankenhäuser komplett auf Corona aus. Desweiteren werden zusätzliche Beatmungsgeräte produziert. Und auch sonst wird geschaut, dass genug Material für alle Geräte da ist, spezielle Schläuche und was man da alles braucht für die verschiedenen Geräte. Auch da gibt es Engpässe und Lieferprobleme. Ich bin noch optimistisch, dass das alles klappt. Aber sicher ist das leider noch nicht.

Es ist noch nicht klar, ob die Krankenhäuser in Deutschland ausreichend für die sich anbahnende Coronawelle gerüstet sind. (Foto: Imago, imago images/Lichtgut)
Es ist noch nicht klar, ob die Krankenhäuser in Deutschland ausreichend für die sich anbahnende Coronawelle gerüstet sind. Die Bevölkerung bunkert derweil Toilettenpapier. Imago imago images/Lichtgut

Viele Pharmaunternehmen arbeiten zurzeit an einem Impfstoff, zum Beispiel CureVac in Tübingen oder BioNTech in Mannheim. Arbeiten diese Unternehmen zusammen oder ist das eher ein Wettkampf, wer als erstes den Impfstoff hat?

Also die Forscher untereinander tauschen, sich weltweit derzeit so schnell und intensiv aus wie kaum zuvor. Also alle wissen ja auch, worum es geht. Gleichzeitig haben die einzelne Firmen natürlich schon auch ihre wirtschaftlichen Interessen. Das ist klar. Wenn ich mir dann aber die klare Ansage der Tübinger Firma anschaue, Impfstoffe für die ganze Welt und nicht nur für Herrn Trump produzieren zu wollen, dann beruhigt mich das schon. Ich denke, da geht es jetzt wirklich nicht um Profit wie sonst oft, sondern tatsächlich auch wirklich doch darum, den Menschen zu helfen.

Das Coronavirus und die davon ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 bestimmen mittlerweile unser Alltagsleben. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Das Coronavirus und die davon ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 bestimmen mittlerweile unser Alltagsleben. Bestimme Hygiengrundlegen sollten zum eigenen Schutz und dem Schutz anderer in jedem Fall eingehalten werden. Imago imago images/ZUMA Wire

Dietmar Hopp, der Mehrheitseigentümer von CureVac in Tübingen, hat vor ein paar Tagen gesagt, es könnte schon im Herbst ein Impfstoff auf dem Markt sein. Ist das realistisch?

Schön wäre es. Ich glaube es nicht, auch wenn ich mich dann natürlich gerne überraschen lasse. Wir sollten aber darauf jetzt nicht unsere Hoffnung setzen. Wahrscheinlicher ist, dass wir erst Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff haben, wenn es gut läuft. Und das heißt eben auch und das ist die schlechte Nachricht dabei: Die Menschen, die eine höhere Gefährdung haben, müssen sich darauf einrichten, dass diese wirklich sehr stark einschränkenden Maßnahmen mit wenig Kontakt mit anderen Menschen mehrere Monate gehen werden.

In China wurden erstmals seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie keine lokalen Neuinfektionen mehr gemeldet. Das klingt erst mal nach einer guten Nachricht, oder?

In der Tat. Leider können wir aber nicht überprüfen, ob das auch stimmt. Ich hoffe, das stimmt, aber wir wissen es nicht. Nehmen wir es jetzt trotzdem mal als Hoffnungsschimmer am Horizont sozusagen und sagen uns: Hoffentlich lohnt sich diese bei uns auch noch nie dagewesene Einschränkung unseres Lebens. Ich für mich sage mir: Ich will, dass wir das gemeinsam schaffen. Auch wenn es jetzt echt eine harte Zeit wird, damit wir zumindest nächstes Jahr wieder mit allen zusammen, Enkeln, Großeltern, Ostern feiern können. Ich glaube, das ist das Ziel.

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