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Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neue Coronavirus braucht Zeit. Deshalb wird mit Hochdruck nach anderen Möglichkeiten gesucht, um besonders Risikogruppen vor Covid-19 zu schützen.

Experten rechnen frühestens im Herbst dieses Jahres, andere erst kommendes Frühjahr mit einem einsatzfähigen, klinisch getesteten Impfstoff gegen das neue Coronavirus. DIe Zeit bis dahin muss irgendwie überbrückt werden.

Stärkt Tuberkulose-Impfstoff das Immunsystem im Kampf gegen Coronaviren?

An vier deutschen Kliniken wird jetzt an Freiwilligen untersucht, ob ein Impfstoff gegen Tuberkulose indirekt auch einen gewissen Schutz vor einer Coronainfektion und Covid-19 bietet.

Die Idee der Forscher ist einfach: Sie setzen darauf, dass ein verbesserter Tuberkulose-Impfstoff auch körpereigene Abwehrkräfte gegen das neue Coronavirus mobilisiert. Dabei geht es um das sogenannte unspezifische Immunsystem: Das ist uns angeboren und soll durch die Tuberkulose-Impfung mit aktiviert werden.

Wenn das funktioniert, könnten die Geimpften eine Corona-Infektion besser abwehren und deutlich leichter oder auch gar nicht erkranken -- so die Hoffnung. Zumindest bei Mäusen scheint dieser Schutzmechanismus zu funktionieren. Jetzt wird der Tuberkulose-Impfstoff auch in einer großen Studie klinisch getestet.

Entscheidender Vorteil: Dieser Impfstoff würde wahrscheinlich deutlich früher als der eigentliche Corona-Impfstoff zur Verfügung stehen und könnte so vielleicht Leben retten.

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Ein großer Hoffnungsträger bis zur Entwicklung eines Impfstoffes auf herkömmlicher Basis ist auch die sogenannte Passivimpfung, bei der Blutserum übertragen wird.

Passivimpfung über Blutserum von immunen Menschen

Bei einer Passivimpfung nimmt der Arzt das Blut eines Patienten, der die Erkrankung schon hinter sich hat und spritzt sie einem Patienten, der die Antikörper gut gebrauchen kann. Das ist quasi eine Antikörper-Spende.

So kann man zum Beispiel dafür sorgen, dass besonders gefährdete Menschen schon vor der Erkrankung die Antikörper gegen das Virus im Blut haben und damit immun sind. Man könnte diese Antikörper-Spende auch Menschen geben, die gerade gegen eine Infektion ankämpfen, als Hilfestellung für das Immunsystem.

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Die Passivimpfung wurde auch gegen Schweinegrippe und Ebola eingesetzt

Diese Art der Passivimpfung über das Blutserum von bereits immunisierten Menschen wurde zum Beispiel im Kampf gegen die Schweinegrippe 2009 bei schweren Fällen eingesetzt. Und auch 2013 während einer schweren Ebola-Epidemie in Westafrika. Die Passivimpfung wurde sogar schon bei der spanischen Grippe eingesetzt. Der Erfinder der Therapie hat dafür auch den allerersten Medinzinnobelpreis bekommen.

Wie erfolgsversprechend ist das im Fall von Covid-19?

Die Forschung zu einer Serumstherapie für das neue Coronavirus hat erst angefangen, das wird noch etwas dauern. Außerdem ist so eine passive Immunisierung nicht die Lösung aller Probleme. Sie ist nicht so gut wie eine Impfung, bei der unser Körper lernt, wie er eigene Antikörper aufbaut.

Auf diese selbst gebildeten Antikörper kann unser Körper dann lange Zeit zurückgreifen. Die gespendeten Antikörper dagegen halten nur einige Wochen bis hin zu ein paar Monaten. Für die aktuelle Notsituation wäre es aber sinnvoll, so eine Passivimpfung in der Hinterhand zu haben.

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Wann gibt es einen Impfstoff gegen das Coronavirus?

Über den Zeitpunkt, zudem eine vollwertige Impfung gegen Covid-19 bereit gestellt werden kann, gibt es widersprüchliche Aussagen: Für Verwirrung sorgt die Aussage von Dietmar Hopp, dem Mehrheitseigentümer des Tübinger Pharmaunternehmens CureVac, dass bereits im Herbst 2020 ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus zur Verfügung stehen könnte. CureVac will im Frühsommer mit klinischen Tests beginnen.

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Ein neuer Ansatz soll die Impfstoffentwicklung vereinfachen

Die Firma CureVac benutzt eine Methode, mit der sie schneller als üblich einen Impfstoff herstellen will. Der menschliche Körper soll bei der Immunisierung einen Schritt überspringen. Bei einer normalen Impfung werden zum Beispiel Teile des echten Krankheitserregers gespritzt. Daraus lernt der Körper dann, wie das Virus aussieht und kann es bei einer Infektion erkennen und direkt bekämpfen..

Bei der neuen Methode wird stattdessen eine Bauanleitung gespritzt, die sogenannte mRNA, mit der der Körper die Virusteile selber baut und so lernt, wie sie aussehen.

Weltweit wird nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht. (Foto: Imago, imago images/Christian Ohde)
Weltweit wird nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht. Imago imago images/Christian Ohde

Genetische Informationen reichen für Entwicklung neuer Impfstoffe

Der Clou ist dabei, dass die Forscher das Virus gar nicht benötigen. Es reicht die genetische Information darüber. Diese genetischen Details haben chinesische Wissenschaftler veröffentlicht und damit Forschern weltweit viel Arbeit erspart. Dadurch geht auch die Impfstoff-Entwicklung rascher voran.

Es gibt sowohl in Deutschland, als auch international viele Firmen, die zur Zeit an Impfstoffen arbeiten. Einige von ihnen arbeiten bereits mit dem neuen Ansatz, der die Zeit der Impfstoff-Entwicklung verkürzen soll.

Trump wollte deutsche Wissenschaftler exklusiv für die USA

CureVac ist dabei so erfolgreich, dass US-Präsident Trump die Expertise dieses Unternehmens exklusiv für sein Land, die USA, kaufen wollte.

Das Unternehmen CureVac hat jedoch erklärt, Ziel sei es den Impfstoff für alle und nicht nur exklusiv für ein Land zu produzieren. Das hat der Mehrheitseigentümer dieses Unternehmens, der Unternehmer und SAP Gründer Dietmar Hopp, bestätigt.

Der US-amerikanische Präsident Trump wollte offenbar die biopharmazeutische Firma Curevac aus Tübingen erwerben, um die Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neue Corona-Virus für sein Land zu sichern.   (Foto: Imago, Imago images / ULMER Pressebildagentur)
Der US-amerikanische Präsident Trump wollte offenbar die biopharmazeutische Firma Curevac aus Tübingen erwerben, um die Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neue Corona-Virus für sein Land zu sichern. Imago Imago images / ULMER Pressebildagentur

CureVac ist dabei nicht die einzige Firma, die dieses Verfahren anwendet. Auch in Mainz gibt es zum Beispiel die Firma Biontech, die Impfstoffe gegen das neue Coronavirus nach dem neuen Verfahren entwickelt. Biontech arbeitet mit einem großen Gesundheitskonzern in China zusammen und hat jetzt mit ersten klinischen Tests begonnen.

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Paul-Ehrlich-Institut rechnet frühestens 2021 mit einem Impfstoff

Demgegenüber setzt das Paul-Ehrlich-Institut darauf, dass selbst bei höchster Geschwindigkeit und positiven Ergebnissen in der Forschung frühestens im Frühjahr 2021 ein Impfstoff gegen Covid-19 bereit steht.  Immerhin muss ein Impfstoff auf seine Sicherheit und Wirksamkeit hin ausgetestet werden, bevor er an alle Menschen verteilt wird.

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Gefährdete könnten im Rahmen von Studien früher geimpft werden

Der Präsident des Paul Ehrlich Instituts, Klaus Cichutek, geht davon aus, dass 2021 Impfstoff-Studien mit zehntausenden Probanden anlaufen könnten. Unter bestimmten Voraussetzungen sei es dann möglich, bereits im Rahmen dieser Studien bestimmte Bevölkerungsgruppen zu impfen und dadurch vor Covid-19 zu schützen.

Offenbar hat Dietmar Hopp die Impfstoff-Entwicklung seines Unternehmen Curevac so positiv eingeschätzt, dass er damit rechnet, bereits im Herbst die Studienphase mit mehreren tausend Probanden durchlaufen zu können. Das könnte Hopp mit der Bereitstellung des Impfstoffes gegen das neuartige Coronavirus gemeint haben. Doch selbst wenn dieses sehr positive Szenario eintritt, wäre damit noch kein Impfstoff für die ganze Bevölkerung verfügbar.

Die Forschung am Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus wird in vielen Regionen der Welt vorangetrieben.  (Foto: Imago, imago images / Future Image)
Die Forschung am Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus wird in vielen Regionen der Welt vorangetrieben. Imago imago images / Future Image

In den USA hat die erste Phase-I-Studie für einen Corona-Impfstoff begonnen

Wissenschaftler aus Seattle berichteten den Start der ersten klinischen Phase-I-Studie für einen potenziellen Covid-19-Impfstoff. Vier Erwachsene erhielten ihre erste Injektion eines experimentellen Impfstoffs. Insgesamt soll zunächst eine Gruppe von 45 Menschen damit geimpft werden. Den Impfstoff hat das Biotechnologieunternehmen Moderna aus Cambridge gemeinsam mit dem US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) entwickelt.

Das Team von Moderna hatte bereits an einem Impfstoff für ein ähnliches Coronavirus gearbeitet. Deshalb konnten die Wissenschaftler so rasch einen Impfstoff gegen Covid-19 identifizieren. Innerhalb von drei Monaten erwarten die Forscher erste Daten aus den klinischen Studien.  Trotzdem geht die US-amerikanische Behörde NIAID davon aus, dass es ein Jahr dauern wird, bis der Impfstoff für die Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

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Basler Wissenschaftler testet Impfstoff an sich selbst

Basler Forscher Corona-Impfstoff: Wissenschaftler macht Selbstversuch

Selbst optimistische Wissenschaftler gehen davon aus, dass Ergebnisse zu Corona-Impfstoffen erst nach Monaten vorliegen. Einem Basler Wissenschaftler geht das nicht schnell genug.  mehr...

Der Basler Forscher Peter Burkhard von Alpha O-Peptides Basel hat sich einen selbst entwickelten Impfstoff injiziert. Seine Frau hat die Selbst-Impfung im Video festgehalten. Parallel dazu lässt Burkhard seinen Impfstoff in Belgien auch an Hasen testen.

Frühestens in vier Wochen wird sich zeigen, ob sich wie erhofft Antikörper gegen das Virus gebildet haben.

"Was ist das Risiko, wenn ich mir das injiziere, verglichen mit dem Risiko, wenn ich es nicht mache und dem Virus ausgesetzt bin, das in Italien eine Mortalitätsrate von fast zehn Prozent hat?"

Peter Burkhard von Alpha O-Peptides Basel

Warum dauert es so lange, einen Impfstoff für alle bereit zu stellen?

Ein neuer Impfstoff muss sicher sein für alle Menschen. Deshalb wird er auf verschiedenen Stufen getestet:

· In der vorklinischen Phase wird ein Impfstoff zunächst an Tieren getestet.

·  Wenn die Ergebnisse vielversprechend sind , wird in der klinischen Phase I zunächst an einer kleinen Gruppe Freiwilliger getestet, ob der Impfstoff sicher ist und keinen Schaden anrichtet.

·   In der Phase II wird dann an mehreren tausend Menschen getestet, ob der Impfstoff auch beim Menschen die gewünschte Wirkung zeigt. Außerdem wird getestet, welche Dosis ein Mensch braucht, um eine Immunantwort auf den Virus zu entwickeln .     

·   In der Phase III werden schließlich bis zu 20.000 Menschen getestet. Hier wird erforscht, wie der Impfstoff auf eine große Menge Menschen wirkt, um die Dosierung noch genauer einstellen zu können. Zudem werden dann auch die Nebenwirkungen und Risiken ermittelt.

·    Im Anschluss überprüfen die Behörden, ob die Tests korrekt durchgeführt wurden. Dann wird die Zulassung für den Impfstoff durch das Paul Ehrlich Institut erteilt.

Zur Zeit wird alles versucht, um dieses Prozedere möglichst schnell voranzutreiben. So werden mehrere Studien in der klinischen Phase parallel laufen. Es ist auch möglich, einen Impfstoff nach den klinischen Studien bereits zu benutzen - selbst wenn er noch nicht offiziell zugelassen ist. Das wurde zum Beispiel beim Ebola-Impfstoff so gemacht.

Kann ein Impfstoff die Ausbreitung des Coronavirus stoppen?

Wahrscheinlich nicht. Doch durch eine Impfung könnten gerade die gefährdeten Menschen geschützt werden.

Es könnte jedoch auch sein, dass das Virus sich verändert, wie zum Beispiel das Grippevirus. Da muss auch in jeder Saison ein neuer Impfstoff entwickelt werden. Das wäre aber nicht mehr so aufwändig, denn es geht viel schneller, wenn bereits ein Grund-Impfstoff vorhanden ist, der funktioniert.

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