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Frauen, die in diesen Tagen schwanger sind, machen sich natürlich Sorgen: Wie gefährlich ist das Coronavirus für mich und mein ungeborenes Kind? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Strenge Hygienevorschriften in der Geburtshilfe

Die Vorfreude ist dahin, zumindest getrübt: Viele schwangere Frauen machen sich derzeit natürlich Sorgen um sich und ihr ungeborenes Kind. In den Geburtshilfe-Abteilungen der Republik ist es derzeit viel ruhiger. Nicht, weil weniger Kinder geboren werden – sondern aus Vorsicht vor dem Coronavirus: Infektionsschutz.

So gibt es in vielen Kliniken strenge Regelungen bei den Besuchsmöglichkeiten. Es darf nur noch eine Begleitperson ohne Symptome bzw. Fieber bei der Geburt im Kreißsaal dabei sein. Allerdings gibt es dann meist keine Besuchsmöglichkeit auf der Wochenbettstation. Für die werdenden Mütter und ihre Familien ist das eine bedrückende Situation.

Geburten finden in Zeiten von Corona unter erschwerten Bedingungen statt. Für Schwangere und ihre Angehörigen ist das oft eine große Belastung. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Geburten finden in Zeiten von Corona unter erschwerten Bedingungen statt. Für Schwangere und ihre Angehörigen ist das oft eine große Belastung. Imago imago images/ZUMA Wire

Bisher wenig Studien zu Risiko von Covid-19 für Schwangere

Das Robert-Koch-Institut verweist darauf, dass eine Schwangerschaft auch das Immunsystem ändere. Aber ansonsten äußern sich die Experten bisher nicht eindeutig zu den Risiken – es gebe noch nicht genügend Daten. Das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner ständig aktualisierten Homepage Ende April: Schwangere scheinen kein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu haben.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. stellt mit vorsichtigem Optimismus fest: Es gibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Hinweis, dass Schwangere durch das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) gefährdeter sind als die allgemeine Bevölkerung. Es wird erwartet, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome, ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe aufweist.

Schwangere machen sich in Zeiten von Corona Sorgen um sich und ihr ungeborenes Kind. (Foto: Imago, imago images/Kyodo News)
Schwangere machen sich in Zeiten von Corona Sorgen um sich und ihr ungeborenes Kind. Imago imago images/Kyodo News

Auswirkungen von Corona auf Schwangere kann nicht zuverlässig bewertet werden

Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) hat im April das Informationspapier "Mutterschutz und SARS-COV-2" herausgegeben. Das BAFzA schreibt, dass die Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion auf Schwangere derzeit noch nicht zuverlässig bewertet werden könne. Daher mahnt das Amt zur Vorsicht. Die wissenschaftliche Erkenntnislage sei noch lückenhaft. Vor diesem Hintergrund sei ein erhöhtes Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2 am Arbeitsplatz präventiv als unverantwortbare Gefährdung von Schwangeren einzustufen.

Schwangere haben ein heruntergefahrenes Immunsystem

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Schwangere ein erhöhtes Risiko hätten, sich zu infizieren. Das hängt mit ihrem Immunsystem zusammen, das sich durch die Schwangerschaft verändert, sagt der Kölner Gynäkologe Berthold Grüttner:


Das Immunsystem der Schwangeren muss ja damit klar kommen, dass im Uterus ein Kind ist, was zu 50 Prozent fremde Gene hat. Das heißt, das Immunsystem muss akzeptieren, dass etwas Fremdes im Körper ist – ohne es abzustoßen. Und deswegen wird das Immunsystem an gewissen Stellen: Gebärmutter, Genitaltrakt, auch im Blut heruntergefahren – und da können sich dann als Trittbrettfahrer Viren und Bakterien ausbreiten. Deswegen werden nicht alle Schwangeren krank, aber die Immunantwort ist geringer, und das macht anfälliger für Erkrankungen in der Schwangerschaft.

Berthold Grüttner, leitender Oberarzt der Frauenklinik des Universitätsklinikums Köln
Schwangere haben ein verändertes Immunsystem. Dadurch haben sie auch allgemein ein höheres Risiko für Infektionen. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Schwangere haben ein verändertes Immunsystem. Dadurch haben sie auch allgemein ein höheres Risiko für Infektionen. Imago imago images/ZUMA Wire

Vorzeitige Wehen oder Blasensprung möglich

Auch wenn es offenbar keine schweren Krankheitsverläufe gibt – wenn eine Mutter mit dem Coronavirus infiziert ist, sind Komplikationen wie vorzeitige Wehen oder ein vorzeitiger Blasensprung offenbar wahrscheinlicher, schreibt das Universitätsklinikum Erlangen. Das Erlanger Team hat verfügbare Daten aus Wuhan und der Provinz Hubei ausgewertet.

Berthold Grüttner von der Kölner Frauenklinik appelliert deswegen an alle schwangeren Frauen, vorsichtig zu sein:

Wir raten unseren Schwangeren, sich strikt an das zu halten, was offiziell für alle empfohlen wird. Dass man schaut, dass man selbst nicht krank wird und auch das Umfeld nicht. Also möglichst zuhause zu bleiben, sich versorgen zu lassen durch den Partner. Die Oma sollte sich erst mal zurückhalten.

Berthold Grüttner, leitender Oberarzt der Frauenklinik des Universitätsklinikums Köln

Geburten als Covid-19-Erkrankte verlaufen anders

Gesund zu bleiben sei schon deswegen wichtig, sagt der Kölner Gynäkologe Berthold Grüttner, um nicht als Covid-19-Erkrankte eine Geburt erleben zu müssen, die so ganz anders verläuft als eine Geburt unter normalen Umständen:

Das ist eher so wie im Science Fiction: mit Mundschutz und Brille. Da sieht man keine Mimik, man wird auch weniger sprechen, das dauert länger.

Berthold Grüttner, Kölner Frauenklinik

Stress in der Geburtsvorbereitung

Überall kann das Coronavirus lauern. Diese Sorge bestimmt den Alltag aller. Und das sorgt für Stress. Das erleben auch diejenigen, die schwangere Frauen und ihre Familien begleiten. Hebamme Pauline Steinhoff aus Hamburg zum Beispiel:

Geburten mit coranainfizierten Schwangeren, wie hier im chinesischen Wuhan, laufen unter strengsten hygienischen Bedinungungen ab. (Foto: Imago, imago images/Xinhua)
Geburten mit coranainfizierten Schwangeren, wie hier im chinesischen Wuhan, laufen unter strengsten hygienischen Bedinungungen ab. Imago imago images/Xinhua

Den Unterschied merken wir auf jeden Fall. Das macht ganz viel mit dem, wie wir arbeiten und was wir gerade leisten. Hebammenarbeit ist immer viel an seelisch unterstütztender Arbeit – aber zurzeit eben noch viel mehr. Und wenn da zuhause noch zwei Geschwisterkinder rumtoben, die beschäftigt werden wollen, dann ist das einfach super anstrengend für die Frauen.

Pauline Steinhoff, Hebamme
Die zusätzliche Belastung durch die Corona-Pandemie kann den Stress bei Schwangeren noch verstärken. (Foto: Imago, imago/Panthermedia)
Die zusätzliche Belastung durch die Corona-Pandemie kann den Stress bei Schwangeren noch verstärken. Imago imago/Panthermedia

Und Stress sei ja nicht nur ein irgendwie unangenehmer Zustand, sondern könne sich ganz konkret auswirken, sagt die Hebamme.

So kann Stress beispielsweise vorzeitige Wehen auslösen. Gerade bei Frauen, die Schwangerschafts-Diabetes haben, sei es deshalb wichtig, Stress zu reduzieren, weil Stress sich auf den Insulinhaushalt auswirkt.
Was schwangere Frauen unter diesen schwierigen Umständen besonders brauchten, sei daher seelischer Halt.

BIsher keine Hinweise auf Gefahren für Neugeborene

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat gemeinsam mit dem Berufsverband der Frauenärzte Antworten auf die wichtigsten Fragen von Schwangeren in Zeiten von Covid-19 herausgegeben. Darin heißt es:

Es gibt keine Berichte darüber, dass Frauen, bei denen im dritten Schwangerschaftstrimester eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert wurde, das Virus im Mutterleib an ihre Babys weitergegeben haben. Die Datenbasis ist allerdings sehr gering; Bei 20 Fällen wurde bei den Neugeborenen kein Virus nachgewiesen. Alle Infektionen der Mütter waren im 3. Schwangerschaftsabschnitt erfolgt.

Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe & dem Berufsverband der Frauenärzte

Säuglinge zeigen keine oder nur milde Symptome

Neugeborene und kleinere Kinder können sich zwar wie Erwachsene mit dem neuartigen Coronavirus infizieren, zeigen aber meist keine oder nur milde Symptome. Experten erklären sich das unter anderem damit, dass das Immunsystem von Kindern besser mit noch unbekannten, unspezifischen Viren umgehen könne.

Außerdem seien, so Professor Reinhard Berner, Leiter der Pädiatrischen Infektiologie am Uniklinikum Dresden, entsprechenden Rezeptoren, an denen die Viren andocken könne, bei Kindern und jungen Erwachsenen möglicherweise einfach noch nicht so weit entwickelt. Deshalb könne sich das Virus in den meisten Kindern gar nicht erst richtig festsetzen und Entzündungsreaktionen auslösen.

Neugeborene haben bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus selten schwere Verläufe. (Foto: Imago, imago images/Eibner)
Neugeborene haben bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus selten schwere Verläufe. Imago imago images/Eibner
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