Corona-Pandemie

US-Studie: Geringere Infektionszahlen ohne Lockdown möglich?

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Der deutsche „Lockdown Light“ wird noch mindestens zwei Wochen dauern. Über schärfere Maßnahmen wird bereits diskutiert. Laut einer US-amerikanischen Studie könnte es vielleicht einen anderen Weg geben.


Eine US-Studie zeigt, dass zur Eindämmung der Pandemie die zwangsweise Schließung von z.B. Restaurants nicht unbedingt notwenig ist. (Foto: imago images, imago/ Frank Hoermann/SVEN SIMON )
Eine US-Studie zeigt, dass zur Eindämmung der Pandemie die Schließung von z.B. Restaurants vielleicht nicht unbedingt notwendig ist. imago/ Frank Hoermann/SVEN SIMON

Momentan sind Freizeitstätten geschlossen und Essen aus der Gastronomie gibt es nur zum Mitnehmen. Viele Betreiber hoffen, dass der Lockdown nicht verlängert wird und sie im Dezember wieder regulär öffnen dürfen. Ob die nach wie vor hohen Corona-Infektionszahlen bis dahin soweit gesunken sind, dass die Politik das zulässt, ist gerade aber ungewiss. Womöglich droht eine Verlängerung des „Lockdown Light“ – oder gar eine Verschärfung der Maßnahmen.

Begrenzte Kapazitäten in Restaurants statt komplette Schließung

Vielleicht gibt es aber eine andere Lösung – einen Mittelweg. Einer Studie der kalifornischen Stanford Universität zufolge, könnten etwa 80 Prozent der Corona-Neuinfektionen vermieden werden, wenn verschiedene POIs – also points of interest – nur noch 20 Prozent ihrer Kapazitäten nutzen würden. Konkret würde das zum Beispiel bedeuten, dass Restaurants nur noch jeden fünften Tisch besetzen würden.

Was immer noch nach einem enormen Verlustgeschäft klingt, würde den Betreiberinnen laut der Studie aber immerhin 58 Prozent ihrer sonst üblichen Einnahmen bringen.

Restaurant mit großem Abstand zwischen den Tischen in Chicago (USA) (Foto: imago images, imago images/ZUMA Wire)
Die neue Studie aus den USA zeigt: Mit größerem Abstand zwischen den Tischen könnten Restaurants möglicherweise geöffnet bleiben. imago images/ZUMA Wire

Modellrechnung basiert auf Bewegungsdaten

Diese Zahlen basieren auf einer Modellierung für die Metropolregion Chicago, die die Forschenden anhand von anonymisierten Smartphone-Standortdaten erstellt haben. Insgesamt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für zehn große US-amerikanische Städte untersucht, wie sich Menschen aus 57.000 Nachbarschaften von Anfang März bis Anfang Mai zu POIs wie Restaurants, Hotels, Kirchen, Fitnessstudios und Geschäften bewegt haben.

Anhand dieser Daten haben die Forschenden ausgewertet, wo es wie viele Kontakte zwischen Menschen gab und errechnet, wie viele weitere Corona-Infektionen es dementsprechend nach einem bestimmten Zeitraum gegeben haben müsste. Die resultierenden Zahlen aus dem Modell konnten die offiziellen Infektionszahlen offenbar recht genau vorhersagen – obwohl in den verschiedenen Städten unterschiedliche Anti-Corona-Maßnahmen galten. Die Forschenden schließen daraus, dass die Mobilität – also wie oft und wie weit sich Menschen von ihrem Zuhause entfernen – eine große Rolle für das Infektionsgeschehen spielt.

Die Mobilität der Bürgerinnen und Bürger hat wohl großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. (Foto: imago images,  imago images/ZUMA Wire)
Die Mobilität der Bürgerinnen und Bürger hat wohl großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. Doch man muss das öffentliche Leben nicht zwangsläufig lahmlegen, wenn genügend Abstand eingehalten werden kann. imago images/ZUMA Wire

Öffnungsszenarios prognostizieren mögliche Infektionszahlen

Mit dem Modell haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dann verschiedene Öffnungsszenarios simuliert. Demzufolge würde eine vollständige Öffnung von Restaurants zum größten Anstieg der Neuinfektionen führen, gefolgt von Fitnessstudios, Cafés und Hotels. Zehn Prozent der POIs trugen in Chicago demnach zu 85 Prozent der prognostizierten Corona-Infizierten bei. „Superspreader“-Orte also.

Weil die Kontaktmuster aber auf einer Simulation beruhen, müssen diese erst mit realen Daten validiert werden. Das hat auch der Epidemiologe Christopher Dye der Oxford Universität gegenüber der Fachzeitschrift Nature gesagt:

„Es handelt sich um eine epidemiologische Hypothese, die noch getestet werden muss. Aber es ist eine Hypothese, die es wert ist getestet zu werden."

Die Hoffnung liegt darin, künftig vorhersagen zu können, welche Maßnahmen sich wie stark auf die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen auswirken.

Steigende Corona-Infektionszahlen führen zu immer strengeren Maßnahmen. Doch ist das wirklich immer der richtige Weg? (Foto: imago images, imago images/Christian Ohde)
Steigende Corona-Infektionszahlen führen zu immer strengeren Maßnahmen. Doch ist das wirklich immer der richtige Weg? imago images/Christian Ohde

Weitere Einschränkungen der Studie

Daten von Kindern unter 13 Jahren wurden laut den Forschenden nicht in das Modell miteinbezogen. Deshalb fehlen Daten für Schulen, ebenso für Colleges, Arbeitsplätze und öffentliche Verkehrsmittel. Weil sie sich fortbewegen, sind sie besonders schwierig abzubilden. Wie sich die Übertragungsrate an all diesen Orten verhält, ist also weiter unklar.

Außerdem lässt sich das Modell nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Hier sind viele Regionen deutlich ländlicher geprägt, Interessenspunkte möglicherweise anders verteilt, unterschiedlich groß und die Menschen haben eventuell andere Gewohnheiten.

Trotzdem bietet das Modell einen interessanten Ansatz für einige POIs jenseits von „Lockdown oder Nicht-Lockdown“. Jure Leskovec, einer der Studien-Autoren, hat es so formuliert:

„Es muss nicht alles oder nichts sein.“

Vielleicht lässt sich das Infektionsgeschehen ausreichend eindämmen, ohne Gastronomie und Freizeitstätten komplett zu schließen. Wie gut das wirklich funktioniert, muss jetzt anhand realer Bewegungsdaten weiter analysiert werden. Und ob solche Teilöffnungen eine gute Option für Deutschland wären, müsste ein passendes Modell zeigen.

Gerade Restaurants trifft ein Lockdown besonders hart. Mit entsprechenden Hygienemaßnahmen könnte man nach Ansicht der US-Forscherinnen und Forscher Restaurants auch weiter offen halten. (Foto: imago images, mago images/ZUMA Wire/ Eddie Moore)
Gerade Restaurants trifft ein Lockdown hart. Mit weniger Kapazität könnte man sie eventuell offen halten. mago images/ZUMA Wire/ Eddie Moore
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