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Ein Bündnis aus Kultur, Sport und Wissenschaften hat ein Konzept vorgelegt, mit dem auch in Pandemiezeiten wieder Veranstaltungen mit Besuchern stattfinden könnten.  Es soll eine Diskussionsgrundlage sein. Doch ist das Konzept wirklich überzeugend? Eine Einschätzung von David Beck.

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Ein Konzert besuchen oder mal ins Stadion gehen – seit fast einem Jahr geht das nicht mehr. Das hat natürlich auch finanzielle Auswirkungen: Mehr als 22 Milliarden Euro Verlust hat allein der Kulturbereich laut einer Studie des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft letztes Jahr gemacht. Jetzt hat ein Bündnis aus Kultur, Sport und Wissenschaften ein Konzept zur Rückkehr zu Veranstaltungen mit Besuchern vorgelegt. Es soll als Anregung und Grundlage für eine intelligente Öffnung dienen.

Können unter strengen Auflagen demnächst wieder Konzerte und Sportveranstaltungen mit Zuschauern stattfinden? Klassikfestival Bad Wörishofen September 2020 (Foto: Imago, imago images/MiS)
Können unter strengen Auflagen demnächst wieder Konzerte und Sportveranstaltungen mit Zuschauern stattfinden? Imago imago images/MiS

Infektionsschutzkonzepte für Großveranstaltungen

Infektionsschutz und Interessenlagen in Einklang bringen – das ist das erklärte Ziel der Verfasser des Papiers. Aber geht das? Können wir uns schützen und gleichzeitig Konzerte, Museen und Sportveranstaltungen besuchen? Der Leitfaden sieht Hygiene-, Lüftungs- und Infektionsschutzkonzepte vor. Bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen soll so eine Auslastung von mindestens 25-30 Prozent möglich sein.

Aber das Konzept geht noch weiter: Im Außenbereich sollen bis zu 40 Prozent der Plätze belegt werden und unter bestimmten Voraussetzungen soll sogar in geschlossenen Räumen eine Vollauslastung möglich sein! Abstand, Masken, freie Sitzreihen, personalisierte Tickets und strenge Kontrollen, so soll das unter anderem funktionieren. Bei großen Veranstaltungen sollen Antigen-Schnelltests verpflichtend sein.

Fußballspiel RB Leipzig - Schalke im Oktober 2020: Rote Bänder markieren die Sitzordnung im noch fast leeren Stadion.  (Foto: Imago, imago images/Picture Point LE)
Fußballspiel RB Leipzig - Schalke im Oktober 2020: Rote Bänder markieren die Sitzordnung im noch fast leeren Stadion. Imago imago images/Picture Point LE

Bundesligaspiele zu Pandemiezeiten – kein gutes Vorbild

Vieles davon haben wir schon gehört, einiges davon wurde schon probiert. Die Bundesliga durfte, zum Beispiel, vergangenes Frühjahr wieder starten, unter der Voraussetzung, dass sich die Spieler nach Toren nicht umarmen. Wer Samstagnachmittags die Konferenz schaut, sieht wie gut das funktioniert. Und auch wie man Masken nicht tragen sollte, zeigen uns allwöchentlich die Fernsehkameras am Beispiel von Trainern, Auswechselspielern und Funktionären.

Wenn wir also die 22 Jungs auf dem Platz schon nicht unter Kontrolle haben, wie soll das dann mit 22.000 auf den Zuschauerrängen funktionieren? Sobald Krankenhäuser weniger belastet seien, seien Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Freiheitsrechte nicht mehr ohne weiteres zu rechtfertigen, so die Verfasser des Papiers.

Fußballer mit Vorbildfunktion? Hier feiern Spieler des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim am 21. Februar 2021 das dritte Tor gegen Werder Bremen.  (Foto: Imago, imago/Ralf Poller/Avanti)
Fußballer mit Vorbildfunktion? Hier feiern Spieler des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim am 21. Februar 2021 das dritte Tor gegen Werder Bremen. Imago imago/Ralf Poller/Avanti

Schwere Belastung für Personal von Corona-Intensivstationen

Aber wer sich mit Personal von Corona-Intensivstationen unterhält weiß: Jede Corona-Patientin und jeder Corona-Patient verursacht eine enorme Zusatzbelastung. Bei stundenlangem Arbeiten in Schutzausrüstung, ohne auch nur eine Toilettenpause einzulegen – von essen und trinken oder gar kurz entspannen ganz zu schweigen – ist es eine Farce von “weniger Belastung” zu sprechen. Davon abgesehen, dass Pflegepersonal seit Jahren und Jahrzehnten durch ständigen Personalmangel unnötig belastet ist.

Ein Blick auf die Zahlen, Inzidenzen und den R-Wert zeigt außerdem, dass die aktuellen Auflagen wahrscheinlich nicht mal ausreichen, um die Ausbreitung des Virus aufzuhalten – vor allem von Varianten wie B.1.1.7. Wer also jetzt Öffnungen fordert, darf sich nicht wundern, wenn wir uns innerhalb kurzer Zeit in einer Situation wiederfinden, wie wir sie schon Ende letzten Jahres erlebt haben – wenn nicht schlimmer.

Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. (Foto: Imago, imago images/Ralph Lueger)
Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. Imago imago images/Ralph Lueger

Mit dem Virus lässt sich nicht verhandeln

Was man dem Papier zugutehalten muss ist, dass es keinen konkreten Zeitplan für Veranstaltungen mit Besuchern einfordert. Es versteht sich als Grundlage zu einer intelligenten und schrittweisen Rückkehr zur Normalität. Aber noch sind wir nicht so weit. Bevor wir uns nicht in einer stabilen, für die Gesundheitsämter nachvollziehbaren Infektionslage befinden, sollte es also nicht darum gehen, wann wir endlich wieder dürfen, sondern, wie wir es schaffen können, das Leid derer zu verringern, die von der Pandemie am schlimmsten betroffen sind.

Und so sehr wir es uns auch wünschen: Mit dem Virus lässt sich nicht verhandeln. Unsere Interessen und Bedürfnisse, unsere Hoffnungen und Ängste sind ihm schnurz-piep-egal. Da lässt sich leider nicht viel in Einklang bringen.

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