Eine neue Metastudie aus den USA stellt Sinn von Lockdowns in Frage. (Foto: IMAGO, imago images/Michael Gstettenbauer)

Corona-Pandemie

Studie aus den USA: Lockdowns führen kaum zu verändertem Verhalten

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David Beck
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Ralf Kölbel

Eine Übersichtsstudie der Johns-Hopkins-Universität in den USA kommt zu dem Ergebnis, dass Lockdowns fast keine Todesfälle verhindert hätten. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.

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Es ist das Verhalten der Menschen, das Corona-Todesfälle verhindert, nicht die politische Entscheidung einen allgemeinen Lockdown anzuordnen – das ist das Ergebnis der Studien, die von Forschenden an der Johns-Hopkins-Universität zusammengefasst wurden.

Bei hohen Infektionszahlen verhalten sich Menschen im allgemeinen vorsichtiger

Bei hohen Infektionszahlen würden sich Menschen demnach von sich aus sehr viel vorsichtiger verhalten, bei niedrigen entsprechend weniger vorsichtig – und das unabhängig davon, ob ein Lockdown gilt oder nicht.

Deutlich mehr Einfluss auf das Verhalten habe die Kommunikation von Regierungen über Maßnahmen, die Menschen selbst umsetzen können, um sich zu schützen – zum Beispiel Kontakte reduzieren und AHA-Regeln.

Bei hohen Infektionszahlen verhalten sie die Menschen auch ohne staatlich verordnete  Regeln im allgemeinen vorsichtiger und reduzieren ihre Kontakte. (Foto: IMAGO, imago images/Westend61)
Bei hohen Infektionszahlen verhalten sie die Menschen auch ohne staatlich verordnete Regeln im allgemeinen vorsichtiger und reduzieren ihre Kontakte. imago images/Westend61

Höhere Übersterblichkeit in populistisch regierten Staaten

Auch wie eine Regierung die Gefahr einschätzt, die vom Coronavirus ausgeht, hat einen Einfluss darauf, wie vorsichtig die Bevölkerung ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine andere Studie, die in populistisch regierten Ländern eine höhere Übersterblichkeit während der Pandemie gefunden hat.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hatte die Gefahren der Corona-Pandemie lange heruntergespielt. Diese Nachlässigkeit führte dazu, dass das Virus in Brasilien besonders schlimm wütete und auch sehr viele Todesopfer forderte. (Foto: IMAGO, imago/Jodson Alves)
Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hatte die Gefahren der Corona-Pandemie lange heruntergespielt. Diese Nachlässigkeit führte dazu, dass das Virus in Brasilien besonders schlimm wütete und auch sehr viele Todesopfer forderte. imago/Jodson Alves

Treffen an der frischen Luft sollten nicht verboten werden

Was laut den Forschenden der Johns-Hopkins zu etwa 15 Prozent weniger Todesfällen geführt hat, war die Schließung von Bars und Restaurants. Auch eine Maskenpflicht für Mitarbeitende im Handel konnte viele Todesfälle verhindern. Für kontraproduktiv halten die Forschenden Verbote, sich an der frischen Luft zu treffen. Das führe dazu, dass Menschen sich – ob sie es dürfen oder nicht – in Innenräumen treffen, wo die Ansteckungsgefahr deutlich höher ist.

Bewegung an der frischen Luft zu verbieten ist aus Sicht der Forschenden eher kontraproduktiv. Weil dann treffen sich Menschen mehr in Innenräumen, wo die Ansteckungsgefahr ungleich größer ist. (Foto: IMAGO, imago images/Michael Gstettenbauer)
Bewegung an der frischen Luft zu verbieten ist aus Sicht der Forschenden eher kontraproduktiv. Weil dann treffen sich Menschen mehr in Innenräumen, wo die Ansteckungsgefahr ungleich größer ist. imago images/Michael Gstettenbauer

Schulschließungen verhindern laut Studie keine Todesfälle

Schulschließungen konnten laut der Studie keine Todesfälle verhindern. Allerdings war der Beobachtungszeitraum der Studie nur der erste Lockdown, als das Infektionsgeschehen vom Wildtyp des Coronavirus dominiert war. Kinder und Jugendliche, die sich mit dem Wildtyp oder der Alpha-Variante infizieren, sind deutlich weniger infektiös als Erwachsene. Sie haben deshalb kaum zum Infektionsgeschehen beigetragen.

Das Bild hat sich allerdings bei der Delta-Variante bereits geändert und die aktuellen Inzidenzen in den Altersgruppen von fünf bis 14 Jahren deuten darauf hin, dass mit Omikron infizierte Kinder aktuell deutlich zur Verbreitung des Virus beitragen.

Schulschließungen hatten zumindest vor Delta und Omikron einen eher geringen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. (Foto: IMAGO, imago images/Michael Weber)
Schulschließungen hatten zumindest vor Delta und Omikron einen eher geringen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. imago images/Michael Weber

Sozialkontakte haben Einfluss auf das Infektionsgeschehen

Auch die Kultur eines Landes oder einer Region spielt den Forschenden zufolge eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn es um das Verhalten während der Pandemie geht. Zum Beispiel habe sich das Virus in katholischen Gegenden Deutschlands stets schneller ausgebreitet als anderswo im Bundesgebiet. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass in diesen Gegenden die familiäre Bindung einen großen Stellenwert besitzt und deswegen Menschen mehr soziale Kontakte innerhalb der Familie haben.

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