Pandemie

Coronavirus im Sommer: Wird jetzt alles besser?

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Noch vor wenigen Monaten hieß es, dass sich das neuartige Coronavirus im Sommer zurückziehen könnte – so wie die Grippe. Experten sind da skeptisch.

Am Anfang der Corona-Pandemie hat man immer wieder gehört, dass das Virus im Sommer quasi wie von allein verschwinden könnte. Denn Wärme und Sonne machen es Grippe- und Erkältungserregern schwerer, sich zu verbreiten. Das könnte auch für das neuartige Coronavirus gelten. Der Sommer könnte dafür sorgen, dass es sich schlechter ausbreitet. Aber reicht das auch, um die Pandemie zu beenden?

Prof. Dr. Bodo Plachter, Stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Mainz, glaubt nicht an ein Sommerwunder.

Dass der Sommer uns retten kann, ist eigentlich sehr unwahrscheinlich. Es wird immer wieder diskutiert, dass vielleicht ein leichter Rückgang der Infektionen zu beobachten ist, wenn die Temperaturen steigen und vielleicht auch die Luftfeuchtigkeit steigt. Allerdings heißt schlechter ausbreiten nicht, dass das Virus sich nicht ausbreitet!

Prof. Dr. Bodo Plachter (Foto: Pressestelle, Foto: Markus Schmidt)
Prof. Dr. Bodo Plachter schätzt, dass der Sommer keinen großen Einfluss auf die Ausbreitung von Covid-19 haben wird. Foto: Markus Schmidt Pressestelle Foto: Markus Schmidt

Natürliches UV-Licht kann nur bedingt helfen

Aber dann gibt es da ja noch das UV-Licht… Experten zufolge kann das Virus auf Oberflächen mit direkter Sonneneinstrahlung zerstört werden. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump schlug daraufhin sogar vor, Ärzte sollen Patienten mit starkem UV-Licht bestrahlen. Absurd, findet Plachter.

Die UV-Strahlung dringt ja nicht in den Körper ein. Aber es ist natürlich schon so, dass man auf Oberflächen unter Umständen, wenn man sie entsprechend lang genug bestrahlt, auch eine Inaktivierung erreicht. Aber: Man hat nicht so viele Hinweise darauf, dass diese Infektion auch wesentlich über Oberflächen verbreitet wird. Sondern es ist der Kontakt zwischen Menschen, der dafür sorgt.

Sonne (Foto: imago images, imago images/blickwinkel)
Wenn die Sonne Oberflächen ausreichend lange und intensiv bestrahlt, können ihre UV-Strahlen Coronaviren schädigen. imago images/blickwinkel

Unterschiede zur Influenza

Der Effekt, den der Sommer auf die Ausbreitung von SARS-CoV2 hat, darf also nicht überschätzt werden. Auch wenn Grippeerreger im Sommer weitgehend zurückgedrängt werden, muss das nicht auch für das neuartige Coronavirus gelten. Ein Grund: fehlende Immunität in der Bevölkerung.

Bei der Grippe ist es ja so, dass im Sommer bei uns kaum mehr Viren nachweisbar sind. Es ist jetzt im Prinzip Schluss und es fängt dann irgendwann im Oktober, November wieder an. Und das beobachtet man hier offensichtlich nicht.

Aber was natürlich sein kann: dass eine geringe Verzögerung eintritt, je nachdem, wie die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit tatsächlich sind. Aber das muss man jetzt natürlich erstmal auch bei uns beobachten – dann, wenn sich die Temperaturen stabil ändern.

Das Robert-Koch-Institut verweist dazu auch auf den Schweinegrippeerreger H1N1. Der war im Frühling 2009 ausgebrochen und habe viele Grippefälle noch bis ins folgende Jahr ausgelöst.

Kleinbus fährt durch Natur im Sommer (Foto: imago images, imago images/A. Friedrichs)
Im Sommer ist der Luftaustausch besser. Das könnte zu weniger Infektionen führen. imago images/A. Friedrichs

Trotzdem: Atemwegserkrankungen können sich vor allem dann gut ausbreiten, wenn sich mehrere Menschen in Räumen mit trockener Heizungsluft aufhalten. Im Sommer sind wir aber öfter an der frischen Luft – der Luftaustausch ist größer. Alles in allem geht der Berliner Virologe Christian Drosten deshalb davon aus, dass die Ansteckungsrate im Sommer zurückgeht – wenn auch nur wenig.

Unsichere Aussichten

Und dann? Erwartet uns im Herbst oder Winter eine zweite Infektionswelle? Vielleicht, sagt Plachter.

Ja, im Herbst/Winter kann es schon sein, dass es dann wieder mehr wird. Insbesondere natürlich, weil man dann auch andere Infektionserreger hat. Und man hat natürlich diese ganzen Faktoren wie: Man ist wieder in Räumen zusammen, die Luft ist trockener, was offensichtlich auch eben die Ausbreitung von solchen Erregern begünstigt. Aber das muss man beobachten, das weiß noch keiner ganz genau.

Wie es Ende des Jahres weitergeht, hängt laut Experten zum Beispiel von der Zahl der Infizierten im Spätsommer, der Unterbrechung von Infektionsketten sowie von Therapiemöglichkeiten ab. Solange es keinen Impfstoff gibt, rechnet Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektologie in München Schwabing, mit einem Anstieg der Infektionen ab Oktober.

Frau putzt sich die Nase (Foto: imago images, imago/Paul von Stroheim)
Im Winter, wenn es auch wieder mehr Erkältungen gibt, könnte es eine zweite Infektionswelle von Covid-19 geben. imago/Paul von Stroheim

Also wird uns das Virus wohl noch bis ins nächste Jahr begleiten. Und ob dann verschobene Events wie Olympia und die Fußball-EM der Männer nachgeholt werden können, ist unklar.

Was bis dahin sein wird, das kann Ihnen im Moment wirklich niemand zuverlässig sagen. Es kann sein, dass bis dahin ein Impfstoff vorhanden ist oder Medikamente. Es kann aber auch alles nicht verfügbar sein. Das ist im Prinzip eine Perspektive, die kann man nicht überblicken.

Dass der Sommer das Virus schlagartig ausrottet – jedenfalls daran glaubt mittlerweile niemand mehr.

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