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In Mainz starten jetzt erste klinische Tests für Impfstoffe gegen das neue Coronavirus. Wie genau läuft das ab und bis wann kann man mit Ergebnissen rechnen?

Klinische Tests für Corona-Impfstoffe starten. Was heißt das?

Die klinischen Tests beginnen jetzt mit insgesamt 700 Freiwilligen. Diese sind in zwei Gruppen aufgeteilt:

  • 200 sind gesunde Erwachsene zwischen 18 und 55;
  • die größere Gruppe sind 500 Menschen über 55,
  • auch über 80-jährige sind dabei.

Diese Älteren sind entweder gesund oder mit Vorerkrankungen und sie kommen erst dran, wenn die Tests mit den Jungen Gesunden gut verlaufen sind.

Ganz wichtig ist, dass es in der Anfangsphase vor allem um Sicherheit und Verträglichkeit geht: Man muss also rausfinden, ob es zum Beispiel bei höherer Dosierung gefährliche Nebenwirkungen gibt. Und es wird nicht nur ein möglicher Impfstoff getestet, sondern es werden gleich vier verschiedene Impfstoffe gegen das neue Coronavirus getestet. Diese ersten Testreihen werden etwa 3 bis 5 Monate dauern.

Impfstoffe gegen das neue Coronavirus werden weltweit entwickelt.  (Foto: Imago, imago images/Xinhua)
Impfstoffe gegen das neue Coronavirus werden weltweit entwickelt. Als vielversprechend im Kampf gegen Corona gilt das so genannte mRNA-Verfahren. Erste klinische Studien starten jetzt auch in Deutschland. Imago imago images/Xinhua

Wie funktionieren diese möglichen Impfstoffe?

Das sind ganz moderne Impfstoffe, die grundsätzlich anders funktionieren als klassische Impfstoffe: Bei der Grippeimpfung bekommt man zum Beispiel tote Bestandteile des Virus gespritzt. Andere Impfstoffe nutzen abgeschwächte Lebendviren. Der Körper kann dann Antikörper gegen den Erreger bilden.

Biontech dagegen setzt auf die sogenannte messenger RNA (kurz: mRNA): Das heißt, es werden keine Virusbestandteile genutzt, sondern nur der Bauplan für die wichtigen Antigene zur Virusabwehr. Auch die zweite deutsche Firma im Impfstoffrennen, Curevac in Tübingen, verfolgt diesen Ansatz.

Biontech setzt auf neuartige Impfstoffe, die ohne Virusbestandteile auskommen und dafür den Bauplan für die wichtigen Antigene zur Virusabwehr nutzen. (Foto: Imago, imago images / Panthermedia)
Biontech setzt auf neuartige Impfstoffe, die ohne Virusbestandteile auskommen und dafür den Bauplan für die wichtigen Antigene zur Virusabwehr nutzen. Imago imago images / Panthermedia

Gibt es denn schon positive Erfahrungen mit diesen neuartigen Impfstoffen?

Das ist der entscheidende Haken: Es gibt aus frühen klinischen Studien erste Ergebnisse, Biontech zum Beispiel hat therapeutische Impfstoffe auf der Basis von messenger RNA schon bei rund 400 Krebspatienten getestet – da gab es keine bedenklichen Reaktionen, deshalb hat das Paul-Ehrlich-Institut jetzt auch die ersten Tests zum Corona-Impfstoff so schnell bewilligt.

Und Curevac hat schon Sicherheitstests mit einem Tollwutimpfstoff durchgeführt. Aber es gibt eben noch keinen einzigen schon zugelassenen Impfstoff mit mRNA. Das heißt, es könnte durchaus auch noch böse Überraschungen geben. Normalerweise müssen erst alle Tierversuche abgeschlossen sein, ehe man neue Substanzen testet – weil die Zeit so sehr drängt, laufen Tierexperimente aber jetzt noch parallel zu den ersten Tests mit Menschen; das ist eine ganz neue Situation.

Das Paul-Ehrlich-Institut hat jetzt erste klinische Tests für Impfstoffe gegen das neue Coronavirus zugelassen. An der Entwicklung beteiligt ist die Mainzer Firma Biontech. (Foto: Imago, imago images/onemorepicture)
Das Paul-Ehrlich-Institut hat jetzt erste klinische Tests für Impfstoffe gegen das neue Coronavirus zugelassen. An der Entwicklung beteiligt ist die Mainzer Firma Biontech. Imago imago images/onemorepicture

Haben diese neuen Impfstoffe denn Vorteile gegenüber klassischen Impfstoffen zum Beispiel gegen Grippe oder Masern?

Ja, deshalb haben viele Experten da gerade auch so große Hoffnungen: die messenger-Impfstoffe lassen sich viel schneller herstellen und dann auch in großen Mengen herstellen als herkömmliche Impfstoffe. Und sie brauchen keine Verstärker-Substanzen, also keine Adjuvantien, die ja immer mal wegen möglicher Nebenwirkungen in der Kritik sind.

Weil sie so gezielt wirken, reicht vermutlich auch eine eher niedrige Dosis – das ist vor allem jetzt bei einer weltweiten Pandemie ein Riesenvorteil. Ob man nur einmal impfen muss oder zweimal, ist noch offen.

Aber Biontech hat unter den vier Impfstoffkandidaten einen dabei, der besonders schnell sehr starke Immunantworten auslöst. Da würde wohl eine einzige Impfung reichen – und das mit einer Dosis, die 60 mal niedriger ist als bei anderen Impfstoffen. Das zeigen die Daten aus Tierversuchen, aber ob sich das so bestätigt, müssen jetzt die Tests am Menschen zeigen.

Die neuen mRNA-basierten Impfstoffe gegen das neue Coronavirus lösen auch bei geringer Dosierung starke Immunantworten aus. Bis zur möglichen Einführung könnte es allerdings bis in Frühjahr 2021 dauern. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Die neuen mRNA-basierten Impfstoffe gegen das neue Coronavirus lösen auch bei geringer Dosierung starke Immunantworten aus. Bis zur möglichen Einführung könnte es allerdings bis in Frühjahr 2021 dauern. Imago imago images/ZUMA Wire

Wie schnell könnte es denn erste Ergebnisse geben?

Bis Ende Juli rechnet Biontech-Chef Ugur Sahin mit ersten Informationen zur Sicherheit und auch schon zur möglichen Wirksamkeit der getesteten Impfstoffe. Dann könnte sich auch schon die vielversprechendste Dosierung abzeichnen. Wirklich verlässliche Informationen zur Schutzwirkung liefern dann aber erst die nächsten beiden Testphasen mit vielen Tausenden Probanden.

Diese Versuche könnten frühestens im Herbst starten. Ein fertiger Impfstoff ist also auf keinen Fall vor Frühjahr nächsten Jahres zu erwarten, so das Paul-Ehrlich-Institut. Es kann auch deutlich länger dauern. Denn man muss erstmal abwarten, ob die Versuchspersonen sich mit Corona anstecken oder nicht – und zwar ohne dass man sie gezielt mit dem Virus infiziert.

Das wäre zwar der schnellste Weg, der kommt aber derzeit nicht in Frage: das wäre unverantwortlich, hat Paul Cichutek, der Chef des Paul-Ehrlich-Instituts dazu gesagt. Denn es gibt ja kein Heilmittel, das Risiko wäre viel zu groß. Das heißt, wir müssen uns alle doch noch eine ganze Weile in Geduld üben.

Die Entwicklung eines Impfstoffes gilt als wichtiger Schritt im Kampf gegen das neue Coronavirus. (Foto: Imago, imago images/blickwinkel)
Die Entwicklung eines Impfstoffes gilt als wichtiger Schritt im Kampf gegen das neue Coronavirus. Imago imago images/blickwinkel

Wie finden Pharmafirmen Freiwillige für Impfstofftests?

Viele Hersteller führen die ersten Tests an Menschen gar nicht selber durch, sondern beauftragen externe Forschungsinstitute: Diese Institute haben natürlich schon einen Stamm von gesunden Freiwilligen, die bereit sind, zum ersten Mal ein neues Medikament oder eben einen neuen Impfstoff auszuprobieren. Zusätzlich suchen die Testinstitute auch in Zeitungen, in Bussen und Bahnen oder im Internet nach Probanden.

In Phase eins geht es erstmal nur darum zu prüfen, ob eine neue Substanz sicher und verträglich ist: Deshalb dürfen da nur ganz gesunde Erwachsene mitmachen; die obere Altersgrenze liegt zwischen 50 und 60. Frauen, die sich zur Verfügung stellen, müssen strikt verhüten, denn die getestete Substanz könnte einen Embryo schädigen. Wenn die ersten Tests gut verlaufen, werden Impfstoffe dann auch vorsichtig an älteren und kränkeren Menschen getestet, denn am Ende sollen sie ja bei allen wirken.

Die Entwicklung von geeigneten Impfstoffen gelten als wichtiger Faktor bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch neue Impfstoffe müssen erst ausführlich getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen. (Foto: Imago, imago images/PanoramiC)
Die Entwicklung von geeigneten Impfstoffen gelten als wichtiger Faktor bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch neue Impfstoffe müssen erst ausführlich getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen. Imago imago images/PanoramiC

Warum machen Menschen da mit, geht es um Geld oder steckt da Idealismus dahinter?

Die Motive sind natürlich ganz unterschiedlich. Das hängt auch davon ab, um welche Testphase es geht: Gerade die Sicherheitstests in Phase eins sind riskant. Das sind ja Impfstoffe oder Medikamente, die noch nie jemand bekommen hat. Da sind auch lebensgefährliche Nebenwirkungen möglich. Für dieses Risiko muss man gesunde Freiwillige schon entschädigen.

Wieviel Geld es gibt, hängt auch vom Aufwand ab: Manchmal müssen Probanden tagelang im Testinstitut bleiben, dann wieder reichen Kontrolluntersuchungen in größeren Abständen. Je nachdem fließen dann einige Hundert oder auch mal einige Tausend Euro.

Bei den nächsten Etappen, den Testphasen zwei und drei ist das dann anders: Da werden Medikamente an Kranken getestet, die hoffen, selbst davon zu profitieren. Und bei Impfstoffen werden in der entscheidenden Phase drei mit vielen Tausend Teilnehmern oft Freiwillige mit hohem Ansteckungsrisiko gewählt, bei Corona also zum Beispiel medizinisches Personal. Da melden sich dann vermutlich einige mit ganz viel Idealismus. Für andere dürfte der eigene Schutz im Vordergrund stehen.

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