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Das Coronavirus hat sich schneller in sozial offenen Gesellschaften ausgebreitet, in denen also die Menschen zu mehr Kontakten tendieren. Das untersuchten Forschende aus Michigan.

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Das Coronavirus breitete sich anfangs in einigen Ländern schneller aus als in anderen. Die Kulturpsychologin Cristina Salvador von der Universität in Michigan hat versucht, diesen Unterschied aus psychologischer Sicht zu verstehen. Für sie und ihr Team lag es nahe, dass die Ausbreitung mit einem kulturellen Merkmal zusammenhängt, das soziale Kontakte entweder fördert oder hemmt. Dieses Merkmal nennen sie Beziehungsmobilität, und sie meinen damit, ob in einer Gesellschaft die Menschen einen eher festen Kontaktkreis haben oder ihre sozialen Kontakte häufiger wechseln.

Beziehungsmobilität sei die Tendenz in einer Gesellschaft, mit Fremden in Kontakt zu treten und Freunde frei zu wählen, erklärt Salvador. Man könne das als ein Maß dafür verstehen, wie sozial offen eine Gesellschaft ist. Und in sozial offenen Gesellschaften, in denen sich also die tagtäglichen Kontakte aus Fremden und Freunden stärker verändern, breitete sich auch das Coronavirus schneller aus, fanden Salvador und ihre Kolleg*innen in einer Studie heraus.

Soziale Offenheit - Japan und USA an den Enden der Skala

Für die Beziehungsmobilität von 39 Ländern hatten Wissenschaftler*innen schon vor der Corona-Pandemie Punkte vergeben. Sie hatten dafür Bevölkerungsgruppen der einzelnen Länder befragt. Bieten sich den Menschen beispielsweise viele Gelegenheiten, neue Leute kennenzulernen? Ist es üblich, auch mit Fremden ein Gespräch zu führen? Deutschland erreicht dabei einen Durchschnittswert; es befindet sich also in der Mitte zwischen Ländern mit niedriger Beziehungsmobilität, wie Japan oder Ungarn, und Ländern mit hoher Beziehungsmobilität, wie den USA oder Mexiko.

In Deutschland ist die "soziale Offenheit" durchschnittlich. Neue Leute kennenzulernen, ist kaum der Rede wert. (Foto: Imago, imago images/Addictive Stock)
In Deutschland ist die "soziale Offenheit" durchschnittlich. Neue Leute kennenzulernen, ist kaum der Rede wert. Imago imago images/Addictive Stock

Social Distancing besonders in sozial offenen Kulturen einhalten

Obwohl sich das Coronavirus in Ländern mit hoher Beziehungsmobilität schneller ausbreitete, sei soziale Offenheit deswegen nicht per se eine schlechte kulturelle Eigenschaft, betont Salvador. Stattdessen seien in solchen Ländern Kontaktbeschränkungen umso wichtiger, weil dort die Menschen dazu tendieren, mehr unterschiedliche Kontakte zu haben.

Verändern Kontaktbeschränkungen das Miteinander?

Bei Beziehungsmobilität geht es vor allem um die Einstellung der Menschen; wie frei sie sich darin fühlen, zu wem sie Kontakt aufbauen und welche Kontakte sie pflegen. Die tatsächlichen physischen Kontakte sind zweitrangig. Die Kontaktbeschränkungen während des Lockdown verringern deswegen nicht automatisch die Beziehungsmobilität.

Aber die Kontaktbeschränkungen bewirken etwas anderes, beobachtet der Psychologe Stephan Grünewald. Die Menschen würden sich schon daran gewöhnen. "Jetzt in der Krise haben die Menschen nicht nur ihre Schränke sortiert, sondern auch ihre Freundeskreise sozusagen mal ausgemistet", sagt er.

Die engen Kontakte bleiben während der Pandemie bestehen. Doch insgesamt könnte der Kontaktkreis kleiner werden. (Foto: Imago, imago images/Westend61)
Die engen Kontakte bleiben während der Pandemie bestehen. Doch insgesamt könnte der Kontaktkreis kleiner werden. Imago imago images/Westend61

Vorher hatten wir unendlich viele Kontakte, die wir auch alle pflegen mussten. Jetzt konzentrieren wir uns sehr auf die Menschen, die uns wirklich bedeutsam sind, und das wird auch nach der Pandemie anhalten.

Psychologe Stephan Grünewald, rheingold-institut

Durch die Krise auf sich selbst fokussiert

Doch obwohl wir vielleicht lose Kontakte fallen lassen, nach Nähe würden sich viele trotzdem sehnen. Das weiß Grünewald aus vielen tiefenpsychologischen Interviews. Er ist zuversichtlich, dass wir wieder an ein ungezwungenes Zusammensein wie vor der Pandemie anknüpfen können. Aber zunächst sei jeder durch die Krise auf sich gestellt: "Die meisten Menschen denken nicht in globalen oder nationalen, noch nicht einmal in regionalen Dimensionen, sondern sie sind auf sich, auf ihre eigenen Interessen sehr stark fokussiert, und das schwächt natürlich das Wir-Gefühl."

Globale Herausforderungen gemeinsam angehen

Diesen Selbstbezug sieht die Psychotherapeutin Gloria Becker als vorübergehende Phase. Die weltweite Krisenerfahrung habe den Menschen abgefordert, ihren Alltag anders zu gestalten, und dadurch vollziehe sich gegenwärtig ein durchgreifender Wandel, eine Zeitenwende, auch in sozialen Beziehungen. Drängende Themen wie Armut, Migration und Klimawandel rücken stärker in den Blick und verlangen tatkräftige gemeinsame Anstrengungen: Wir würden sehen, dass wir mit einem "lange kultivierten Egoismus und Narzissmus nicht weiterkommen", so Becker.

In der Krise verengen viele den Blick auf das eigene Leben, aber das wird sich wieder ändern, meinen Psycholog*innen. (Foto: Imago, imago images/opokupix)
In der Krise verengen viele den Blick auf das eigene Leben, aber das wird sich wieder ändern, meinen Psycholog*innen. Imago imago images/opokupix

Wir besinnen uns darauf, was es bedeutet, als Menschen zusammenzuleben und ein gutes Zusammenleben hinzubekommen.

Psychotherapeutin Gloria Becker ("Zeitenwende")

Weltweit stellen Menschen ethische Fragen neu

Und das sei etwas, was die Menschen weltweit beschäftige, sagt Becker, die auch Initiativen wie Black Lives Matter aufmerksam beobachtet. Gegenwärtig kämen ethische Fragen wieder auf den Tisch: Was ist gerecht? Was sind No-Gos?

Ob hohe oder niedrige Beziehungsmobilität, die Pandemie führt die Menschen an vielen Orten auf mehr oder weniger die gleichen Fragen zurück nach bedeutenden Kontakten und nach bedeutenden Werten.

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