Bucht von Eckernförde in der Ostsee (Foto: Pressestelle, ETMG (Eckernförde Touristik & Marketing GmbH))

Gewässerschutz

Bessere Wasserqualität für die Ostsee – Reallabor in der Eckernförder Bucht

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AUTOR/IN
Thomas Samboll
ONLINEFASSUNG
Antonia Weise

Mit dem Projekt „Reallabor Eckernförder Bucht 2030“ werden Schutzmaßnahmen entwickelt, die die Ostsee zu einem sauberen Ort machen sollen. Nun gab es erste Erfolge.

Blasentang kann Nährstoffgehalt in der Ostsee senken

In der Regel sieht man ihr es nicht an, aber der Ostsee geht es schlecht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen seit Jahrzehnten auf die Probleme hin, doch es wird kaum besser: Die Nährstoffeinträge sind nach wie vor zu hoch, die sauerstofffreien Zonen werden immer größer, der Munitionsmüll rostet vor sich hin und die Herings- und Dorsch-Bestände sind zusammengebrochen.

Nach einem kräftigen Sturm liegt oft massenweise grünlich-brauner, glibschig-schleimiger Blasentang am Strand, der zu den Braunalgen gehört und in Nord- und Ostsee weit verbreitet ist. Die typischen, gasgefüllten Bläschen an seinen Blättern geben ihm unter Wasser Auftrieb.

Forschende sind sich sicher: Blasentang eignet sich zum Senken des Nährstoffgehalts in der Ostsee. Und Nährstoffe gibt es auch in der Eckernförder Bucht mehr als ihr gut tut. Es ist die Folge der Überdüngung in der Landwirtschaft bei der zum Beispiel massenweise Stickstoff ins Meer gespült wird. Das führt zu einem verstärkten Algenwachstum, zum Sauerstoffabbau, wenn die Pflanzen zersetzt werden, und schlimmstenfalls zu einer Menge toter Fische, denen förmlich die Luft ausgeht.

Bessere Wasserqualität in der Ostsee durch Blasentang

Braunalgen wie der Blasentang brauchen Nährstoffe zum Wachsen. Ein ganzer Wald solcher Wasserpflanzen könnte der Bucht deshalb richtig gut tun, indem er reichlich Nährstoffe aufnimmt und damit die Wasserqualität verbessert. Rechtzeitig vor dem Verrotten müsste der Tang herausgefischt werden. In Laborversuchen hat diese Vorgehensweise schon sehr gut geklappt. Im wirklichen Leben ist die Sache allerdings nicht so einfach, so Christian Wagner-Ahlfs von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: „Sobald ich drüber nachdenke in der Eckernförder Bucht Blasentang anzubauen, bekomme ich auf jeden Fall Ärger mit der Marine oder muss mich mit der Marine unterhalten, weil sie ihr Torpedo-Testfeld hier haben."

Braunalgen (Blasentang) unter Wasser in der Ostsee“  (Foto: Pressestelle, Uli Kunz)
Das Bild zeigt Blasentang, welcher zu den Braunalgen gehört. Diese Pflanzen können Nährstoffe in der Ostsee binden. Pressestelle Uli Kunz

Außerdem müsse er sich mit den Fischern absprechen, denn die würden die Region als wichtigen Fanggrund sehen. Damit alle gemeinsam, also die Landwirtschaft, Fischerei, Marine, Naturschutz und Tourismus, wirksame Schutzmaßnahmen entwickeln können, gibt es das Projekt "Reallabor Eckernförder Bucht 2030".

Reallabor Eckernförder Bucht 2030 ermöglicht Dialog zwischen unterschiedlichen Akteuren

Das sogenannte „Reallabor“ ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein eher ungewöhnliches Projekt. Häufig verschwinden Forschungsergebnisse in irgendwelchen Schubladen, wenn sie sich nicht um- oder durchsetzen lassen. Das „Reallabor Eckernförder Bucht 2030“ will solche Blockaden beim Schutz der Ostsee überwinden.

Der Ansatz des Reallabors ist deshalb, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit den Akteuren aus der Gesellschaft unterhalten. Projektleiter Christian Wagner-Ahlfs beschreibt, wie das funktionieren kann:

"Wo seht ihr Möglichkeiten, die Probleme anzugehen? Lasst uns doch gemeinsam eine Idee entwickeln, wie wir die Forschung aufbauen. Wir möchten einen Beitrag leisten, den guten Umweltzustand der Meere zu erreichen und wir versuchen an einem konkreten Ort, das Ganze einen Schritt weiterzubringen.“

Hafen von Eckernförde an der Ostsee (Foto: IMAGO, /penofoto)
Der Hafen von Eckernförde. Die Bucht ist Forschungsgebiet für das Projekt "Reallabor Eckernförder Bucht 2030". /penofoto

Blasentang aus der Ostsee bietet Vorteile für Landwirte und Fischer

Auch Landwirt Philipp Hoff vom Gut Karlsminde macht mit beim Reallabor. Und das, obwohl Landwirte wegen der Nährstoffbelastung der Ostsee durch den Eintrag von Düngemitteln immer wieder im Fokus stehen. Trotzdem war er zum Dialog bereit:

"Die Idee von dem Projekt finde ich erstmal ganz gut, dass man sagt: Unter wissenschaftlicher Begleitung Meeresschutz, Gewässerschutz und auch Küstenschutz miteinander zu kombinieren. Von daher war ich relativ beruhigt, dass solide Wissenschaft betrieben wird und nicht irgendwie spleeniger Hokuspokus."

Gerade die Sache mit dem Blasentang ist auch für den Landwirt vielversprechend. Wenn man die Pflanzen erntet, die im Wasser jede Menge Nährstoffe aufgenommen haben, könnten Landwirte wie Philipp Hoff sie wieder als Dünger auf dem Feld einsetzen. Damit wäre nicht nur der Ostsee mit einer höheren Wasserqualität, sondern auch ihm geholfen. Und gerade bei derzeitig steigenden Düngerpreisen ist dies noch lukrativer. Ob es wirklich funktioniert wird die Forschung und Analyse zeigen, Philipp Hoff:

"Ich bin mir aber doch noch nicht hundertprozentig sicher, wie nachher tatsächlich die Nährstoffgehalte dieser Algen sind, sodass sie auch eine sinnvolle Ergänzung wird. Das müssen wir alles erstmal ausprobieren.“

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Ein Beitrag zum Thema "Algenwälder als Unterwasser-Paradies" von Katharina Wilhelm

Durch den intensiven Austausch im Reallabor können sich inzwischen immer mehr Fischer für den Blasentang begeistern. Sie wollen bei der Ernte in der Ostsee helfen. Die Gespräche mit der Marine dauern dagegen noch an, so Christian Wagner-Ahlfs der Universität Kiel:

"Der Austausch ist auf jeden Fall sehr fruchtbar. Wir sind viel im Gespräch miteinander."

Profitieren von der Aufschüttung alter Steinriffe

Eine weitere Idee des Projekts ist die Wiederaufschüttung alter Steinriffe direkt vor der Küste, die Meeresbewohnern neuen Lebensraum bieten und bei Sturmfluten die heranrauschenden Wellen abbremsen sollen. Das ist auch für den Landwirt Philipp Hoff interessant, denn zum Gut Karlsminde gehört auch ein großer Campingplatz, der im Schnitt bei circa 1,90 Metern über Normal Null liegt.

"Dass da dann natürlich mal eine höhere Welle rüberspülen kann, das ist das Risiko. Und natürlich ist dann jede Küstenschutzmaßnahme herzlich willkommen. Wenn sowas möglich werden würde, wäre das auch für Tauch- oder Schnorcheltourismus interessant. Vielleicht auch für den einen oder anderen Angler, dass sich in so einem künstlichen Riff vielleicht ein paar Fische ansiedeln und dort wohlfühlen“, so der Landwirt.

Zwei Dorsche, beziehungsweise Kabeljau (sobald sie die Ostsee verlassen) im Info-Center, Eckernförde in Schleswig-Holstein (Foto: IMAGO, /imagebroker)
Der Dorschbestand in der Ostsee ist Studien zufolge stark zusammengebrochen. Der Klimawandel und die Überdüngung durch die Landwirtschaft soll eine wesentliche Rolle spielen. /imagebroker

Reallabor Eckernförder Bucht benötigt Zeit

Dennoch braucht ein breit aufgestellter und vielfältiger Dialog Zeit. Schnelle Verbesserungen für das Ökosystem kann auch das Reallabor nicht liefern. Andererseits hat es so eine „Vermittlungsstelle Ostsee-Schutz“ bisher noch nie gegeben, betont Philipp Hoff vom Gut Karlsminde.

Jeder hätte auf seine Weise von dem Projekt profitiert. Manchen Wissenschaftlern wurde klar, dass nicht jedes Projekt gut umsetzbar ist. Landeigentümern oder Naturnutzern seien mögliche sinnvolle Maßnahmen durch dieses Projekt aufgezeigt worden. Philipp Hoff sei aber erstmal positiv gestimmt und gespannt, was die Umsetzungsphase ermögliche.

Wenn es weiter gut läuft, könnte das „Reallabor Eckernförder Bucht 2030“ zum Vorbild für andere Regionen im Ostseeraum werden – und der Schutz der Ostsee dadurch ein großes Stück vorankommen.

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