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Der Klimawandel ist Realität - und er schafft neue Berufsbilder. Sowohl im öffentlichen Dienst als auch in der freien Wirtschaft besteht ein großes Interesse an Fachleuten, die bei der Anpassung an die Erwärmung helfen. Wir stellen sechs Menschen vor, die ihren Arbeitsplatz dem Klimawandel verdanken.

Job 1: Der Autobahn-Schützer

Zehntausende Fahrzeuge rollen jeden Tag über die A8 zwischen Stuttgart und Ulm. Direkt neben der Fahrbahn: Die Schwäbische Alb mit ihren steilen Hängen. Die könnten zunehmend ins Rutschen kommen, wenn Starkregen durch die Erderwärmung weiter zunehmen. Deswegen hat die Bundesanstalt für Straßenwesen vor zwei Jahren Jens Kirsten eingestellt. Er identifiziert gefährdete Hänge und zeichnet sie in eine sogenannte Gefahrenhinweiskarte ein. Außerdem entwickelt er Maßnahmen, mit denen die Gefahren reduziert werden sollen.

Weil sich der Klimawandel aber nicht nur auf Hänge auswirkt, gibt es Jens Kirsten sozusagen 75 Mal: Im Deutschen Wetterdienst, im Eisenbahn-Bundesamt oder in der Bundesanstalt für Wasserbau – in allen Oberbehörden des Bundesverkehrsministeriums untersuchen Geologen, Biologen oder Meteorologen, wie das Verkehrssystem an den Klimawandel angepasst werden muss. Fünf Millionen Euro jährlich hat das Ministerium für dieses Netzwerk aus 75 Experten bereitgestellt. Das Projekt läuft vorerst bis Ende 2019. Eine wichtige Kooperation zwischen den Behörden, sagt Kirsten. „Wenn ich heute eine Frage hab’, rufe ich einfach den Christoph vom Deutschen Wetterdienst an. Das war früher undenkbar, da lag ein langer Dienstweg dazwischen.“

Auch die möglichen Anpassungen an den Klimawandel erarbeitet Kirsten gemeinsam mit anderen Behörden. Bei Hängen ist das noch relativ einfach: sie werden stärker gesichert. Schutz vor Hochwasser dagegen ist aufwendiger. Gemeinsam mit den Kollegen untersucht er, wie hoch und schnell das Wasser an einer zerstörten Straße in der Vergangenheit war und welchen Schaden es verursacht hat. „Dann gehe ich ins Labor und prüfe: Was kann ich an der Bauweise ändern, damit die Straße in Zukunft diese Strömungsgeschwindigkeit und Wasserhöhe übersteht?“.

Für Jens Kirsten ist wichtig, dass das erforscht wird: „Wenn wir uns nicht jetzt mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen – egal ob auf Mensch, Umwelt oder eben den Verkehrsträger – dann haben wir in Zukunft ein Problem.“

Job 2: Die städtische Klima-Anpasserin

„Schadensbegrenzung für Berlin“, so könnte die Job-Bezeichnung von Astrid Endler auch lauten. Sie fit die Stadt fit machen für den Klimawandel, damit sie lebenswert bleibt. „Schreitet die klimatische Entwicklung weiter voran wie bisher, haben wir hier in 80 Jahren das Klima vom jetzigen Toulouse“ sagt sie. Deswegen hat der Berliner Senat Astrid Endler angestellt.

Um ein Grad ist die Temperatur in Berlin in den vergangenen 100 Jahren angestiegen. Endler spricht von einer „Wärmeinsel“: Durch die Bebauung speichert sich Wärme – zum Beispiel im Asphalt. Diese Wärme wird nur sehr langsam wieder abgegeben. Deswegen ist es in den Städten rund ein Grad wärmer als im Rest Deutschlands. Eine Gefahr für die Gesundheit, vor allem älterer Menschen, befürchtet Endler. Der Körper bekommt nachts zum Beispiel nicht mehr die nötige Abkühlung.

Auch Pflanzen leiden: Straßenbäume sind durch die Sommertrockenheit gestresst und damit anfälliger für Schädlinge; viele Pflanzen blühen früher. Für Obstbauern ist das spätestens dann ein Problem, wenn sein Apfelbaum blüht, die Biene aber noch fehlt. Und dann sind da noch die Starkregen: Überflutete Keller, U-Bahn-Schächte, Fußgängertunnel. „Deswegen muss gehandelt werden“, meint Endler. „Gerade in einer Metropole wie Berlin ist es eine große Verantwortung, die Stadt lebenswert zu halten.“

Das zu erreichen, ist der Job von Astrid Endler. „Zum Beispiel müssen neue Bauprojekte so umgesetzt werden, dass der Regen versickert oder aufgefangen wird.“ Oder Stichwort Hitze: „Die Berliner Verkehrsbetriebe könnten an oberirdischen Haltestellen zum Beispiel mehr Schattenplätze bereitstellen.“ Ob das klappt, das hänge vom Kooperationswillen der BVG ab. Insgesamt ist Astrid Endler viel von der Kooperationsbereitschaft anderer Stellen abhängig.. Hat sie Maßnahmen entwickelt, muss sie den zuständigen Bereich finden. Und dann verhandeln. Wer kann es machen? Wer will es machen? Das kann zäh sein. „Wenn Blockaden entstehen, dann wird es anstrengend. Vor allem bei Themen, die einem wichtig sind.“ So wie Berlin versuchen auch viele weitere Städte, sich dem Klimawandel anzupassen.

Astrid Endler war früher Steuerfachangestellte. Immer die gleiche Abläufe, jeden Tag. Um das zu ändern, hat sie Biologie studiert. Jetzt habe sie einen abwechslungsreichen Job mit Erfolgserlebnissen, sagt sie. „Das ist mir wichtig. So kann ich vielleicht einen Beitrag leisten, dass es in Berlin noch lange erfreulich bleibt.“

Job 3: Die Pflanzen-Testerin

Christine Kruschwitz schneidet eine Zwiebel in der Mitte durch. Da! Am Spross oberhalb der Wurzel kann man sehen, dass die Zwiebel bereits austreibt: Kein gutes Zeichen für die Lagerfähigkeit der Zwiebel. Kruschwitz nimmt sie aus dem Versuch.

Christine Kruschwitz ist Versuchstechnikerin im sächsischen Landwirtschaftsamt. Mit Zwiebeln kennt sie sich aus - denn sie sind zusammen mit Bohnen, Erbsen, Möhren und Spinat besonders wichtig für Sachsen. Damit die heimischen Bauern aber auch in Zeiten des Klimawandels gute Erträge erwirtschaften können, sucht Kruschwitz nach Gemüsesorten, die mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen. Wärmere Temperaturen, wechselhafte Witterungen, feuchtere Sommer – nicht jede Gemüsesorte verträgt das. Das Bundesland Sachsen finanziert das Projekt.

Rund 300 verschiedene Gemüsesorten untersuchen Christine Kruschwitz und ihre Kollegen jedes Jahr deshalb auf ihre Tauglichkeit für den Klimawandel. Ein anstrengender Job – denn irgendein Gemüse ist immer dran und wird gesät, geerntet oder untersucht. Nur im Sommer gibt’s mal ’ne Pause: „Die Erbsen sind im Juli fertig geerntet, die Bohnen aber erst Mitte August dran. Zwischen Erbsen und Bohnen, da nehm ich dann Urlaub.“

In den anderen Zeiten wird Christine Kruschwitz fast immer gebraucht – schließlich dokumentiert sie, wie gut einzelne Sorten mit den Klimabedingungen zurechtkommen. Welche Zwiebel ist am festesten? Welcher Spinat am dicksten, welcher am grünsten? Ein Wettbewerb der Saatgutfirmen beginnt; jede will die beste Sorte haben. Kein Wunder also, dass die Saatguthersteller das Projekt mitfinanzieren. Aber auch das Land Sachsen hat Interesse an den Ergebnissen, geht es doch um die Existenz der Landwirte in Zeiten des Klimawandels.

Christine Kruschwitz mag ihren Job. Schon ihr Vater war Gärtnermeister, sie fühlt sich mit der Natur verbunden. „Mal ist man im Büro, mal auf dem Feld – die Abwechslung ist toll.“ So geht Kruschwitz auch bei schlechtem Wetter und Matsch raus. Aber egal wie matschig es ist, die Arbeit sei wichtig, sagt sie. „Man sieht ja selbst wie sich die Jahreszeiten verschieben. Wenn ich zwischen Erbsen und Bohnen Urlaub mache und an die Ostsee fahre, dann hatte ich früher sehr schönes Wetter. Jetzt habe ich Regen.“

Die Klimawandel-Versicherin

Von allen Wirtschaftszweigen ist die Versicherungsbranche wohl am stärksten vom Klimawandel betroffen. Sie versichert gegen sogenannte Großschadensereignisse wie Starkregen in Deutschland oder die tropischen Hurrikane an der Golfküste der USA. Nehmen diese in Wucht und Häufigkeit zu, merken die Versicherer das als erstes in ihren Statistiken. Wenn sie den Klimawandel ernst nehmen, will das also etwas heißen.

Und dass sie den Klimawandel ernst nehmen, zeigt Simone Ruiz-Vergote. Die Volkswirtin besetzt eine von zwei Stellen, die der Versicherer Allianz geschaffen hat, um sich mit den Veränderungen auf das Versicherungsgeschäft durch den Klimawandel zu beschäftigen. Es ist ein neuer Zweig, der in der Branche entsteht, auf Englisch: Climate Risk Insurance. Denn der Klimawandel eröffnet den Versicherern neue Geschäftsmöglichkeiten, gerade in Entwicklungsländern.

Dort sind laut Ruiz-Vergote bisher erst zwei Prozent der Kosten durch Klimakatastrophen abgesichert, während es in den Industriestaaten 30 Prozent sind. Zum Beispiel Ghana: aktuell arbeitet Ruiz-Vergote daran, die Hauptstadt Accra gegen Überschwemmungen durch Starkregen zu versichern. Sie analysiert mit ihren Kollegen Wetterdaten und berechnet Prämien für das Angebot, das die Allianz der Stadt machen wird.

Aber es gibt auch Auswirkungen des Klimawandels, die für die Versicherer außer Reichweite sind: „Ein Bewohner der Insel Kiribati hat mich mal gefragt, ob man die Insel gegen den Meeresspiegelanstieg versichern könnte“, erzählt Ruiz-Vergote. „Das können Sie nicht machen, denn der Anstieg kommt ja sicher; die Prämie könnte sich keiner leisten. Das wäre so, als wüssten Sie, dass Sie gleich einen Autounfall haben. Da bietet Ihnen keiner eine Versicherung an.“

Der Logistik-Anpasser

Hitze, Sturm, Starkregen: Der Klimawandel strapaziert die Lieferkette von Logistikdienstleistern. „Der Starkregen durchnässt unsere Ware, extreme Temperaturschwankungen verderben Produkte – und: wir erleben es ja immer wieder: Die Stürme legen den Transport auf der Schiene lahm.“

Bramlage arbeitet für den Logistikdienstleister Paneuropa mit Sitz im niedersächsischen Bakum. Dort hat er einige Veränderungen umgesetzt. „Um mit dem Starkregen klar zu kommen, haben wir nun festere LKW-Auflieger, bei Produkten wie Olivenöl kann nun die Temperatur im Auflieger angepasst werden. Und obwohl wir eigentlich so viel wie möglich auf der Schiene transportieren wollen, haben wir Ausweichstrecken mit LKWs – falls die Bahn ausfällt.

Panreuropa hat den studierten Betriebswirt Bramlage vor zehn Jahren eingestellt, um den Konzern an Klimaveränderungen anzupassen. Bei den technisch-praktischen Fragen hört es dabei nicht auf: “Seit 60 Jahren ist die Konzernfarbe blau. Deswegen ist das Logo schon immer blau und auch die LKWs samt Fahrerhäuschen. „Dunkle Farben ziehen die Sonne an, da war in Zeiten des Klimaanstiegs klar, dass eine neue, pragmatische Lösung her muss“, sagt Henrik Bramlage. Damit es an Hitzetagen nicht unnötig heiß wird, hat Paneuropa deswegen einfach umlackiert. Jetzt sind die Fahrerhäuschen weiß.  

Die Klima-Projekt-Anschubserin

Einer der Gründe, warum Nele Erdmann jeden Tag zur Arbeit geht, ist zylinderförmig und aus Metall: Ein Holzofen, der im Berliner Büro der NGO Atmosfair steht, für die Erdmann arbeitet. Die anderen seiner Art werden mehrere Tausend Kilometer weiter verkauft – in Indien und Nigeria. Die Öfen sollen offene Feuerstellen ersetzen, die gerade in den Tropen nicht nur CO2 freisetzen, sondern auch viele andere Probleme bereiten. Die indischen Holzofen-Modelle stoßen 50 Prozent weniger CO2 aus als offenes Feuer. Und damit sind sie auch interessant für eine Organisation wie Atmosfair.

Atmosfair will den Klimawandel bekämpfen, indem Treibhausgase durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Wer fliegt oder mit dem Schiff fährt, kann auf der Website der NGO berechnen lassen, wie viel Kilogramm CO2 dabei ausgestoßen werden. Atmosfair rechnet die Menge in einen Spendenbetrag um und unterstützt damit Klimaschutzprojekte – wie diejenigen, die Erdmann betreut. 35 Euro kostet ein Ofen in Indien. 14 Euro davon zahlt der Käufer, den Rest legt Atmosfair aus Spendengeldern drauf.

„Ohne die Diskussion über die Erderwärmung gäbe es niemanden, der seinen CO2-Ausstoß kompensieren will“, sagt Erdmann. „Deshalb hängt mein Job natürlich am Klimawandel.“ Erdmann hat lange bei einem Unternehmen gearbeitet, das international Photovoltaikanlagen prüft und bewertet. Irgendwann schmiss sie hin. „Mir hat die soziale Komponente gefehlt”, sagt sie. “Letzten Endes habe ich Banken geholfen, mehr Geld zu verdienen.“ Erdmann schrieb sich für einen Master in nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit ein und bewarb sich bei Atmosfair. Seit 2016 arbeitet sie dort als Projektkoordinatorin.

Seit Neuestem ist sie auch verantwortlich für ein Projekt im Nordirak. Ein Flüchtlingslager soll dort mit Photovoltaikanlagen ausgestattet werden. Die Anlagen kennt sie von früher, Flüchtlingsschutz findet sie wichtig. Es ist ihr Herzensprojekt.

Kritiker sagen, Atmosfair betreibe eine Art Ablasshandel. Wer regelmäßig fliegt, erleichtert durch Spenden sein Öko-Gewissen, wird aber sein Verhalten nicht ändern. „Wir sind die ersten, die Unternehmen raten, mehr Telefonkonferenzen zu machen statt ihre Mitarbeiter um die Welt zu fliegen“, sagt Erdmann. Ginge es nach ihr, wäre Atmosfair eines Tages überflüssig – weil die Menschheit den Klimawandel gestoppt hat.

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Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org.

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