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Von Jochen Steiner

Jane Goodall ist weltweit bekannt für ihre Forschung mit Schimpansen. Doch am Anfang war die Wissenschaftswelt skeptisch: Stimmte es wirklich, was die junge Engländerin im Busch glaubte, gesehen zu haben? Am 3. April 2019 feierte die wohl berühmteste Affenforscherin ihren 85. Geburtstag.

Für ein Studium fehlte das Geld

Mit eineinhalb Jahren hat sie Regenwürmer mit ins Bett genommen. Mit fünf lag sie stundenlang in einem Hühnerstall, weil sie wissen wollte, wo die Hühner die Eier herzaubern. Als junges Mädchen verschlang Jane Goodall jedes Buch über Afrika und Tiere, das sie in die Finger bekam. Später dann machte sie eine Ausbildung zur Sekretärin – für ein Biologiestudium fehlte das Geld. Sie jobbte sogar als Kellnerin, bis sie genügend Geld für eine Schiffsreise nach Ostafrika gespart hatte.

Mit 23 brach sie dann tatsächlich auf nach Afrika, um ein paar Jahre später, 1960, wildlebende Schimpansen zu beobachten.

Schimpansen benutzen Werkzeug zum Termitenangeln

Die wichtigste Entdeckung war schon in der Anfangszeit, so Jane Goodall, als sie den Schimpansen David Greybeard dabei beobachtete, wie er Werkzeuge benutzte und herstellte, um damit nach Termiten zu angeln. Er streifte von einem Zweig die Blätter ab und führte ihn langsam in einen Termitenhügel. Die Insekten bissen sich an dem Ast fest, David Greybeard zog ihn wieder heraus und sammelte die Termiten mit den Lippen ab.

Jane Goodall mit einem Schimpansen im Taronga Zoo in Sydney in Australien. (Foto: dpa Bildfunk, Foto: epa Dean Lewis/AAP/EPA/dpa -)
Jane Goodall mit einem Schimpansen im Taronga Zoo in Sydney in Australien. Foto: epa Dean Lewis/AAP/EPA/dpa -

Affen beobachten – ein Lebenstraum

Dass Jane Goodall ihren Lebenstraum verwirklichen konnte, nämlich Tiere in Afrika zu beobachten, hatte sie auch dem Anthropologen Louis Leakey zu verdanken. Der schickte die junge Engländerin in den Gombe-Nationalpark im heutigen Tansania, um mehr über das Verhalten wildlebender Schimpansen zu erfahren.

Jemand sagte mir: 'Wenn du dich für Tiere interessierst, dann musst du Louis treffen.' Ich ging ins Naturkundemuseum in Nairobi und er stellte mir so viele Fragen. Und weil ich im Naturkundemuseum in London sehr viel Zeit verbracht und eine Menge Bücher über Afrika gelesen hatte, konnte ich viele seiner Fragen beantworten. Das führte zu dieser unglaublichen Möglichkeit. Ich war dazu bereit. Das war kein Glück: Ich war zur richtigen Zeit am richten Ort.

Mit 26 Jahren, im Juli 1960, begann Jane Goodall ihre Feldstudien. Es sollten dann noch etliche Monate vergehen, bis sie den Schimpansen David Greybeard beim Termitenangeln beobachten konnte. Kurz darauf schrieb sie Louis Leakey von dieser Entdeckung und er schickte ein Telegramm zurück:

Wir müssen jetzt Werkzeug neu definieren oder Mensch neu definieren oder Schimpansen als Menschen akzeptieren.

Misstrauen wegen fehlender akademischer Ausbildung

Viele Verhaltensforscher wollten es damals nicht wahrhaben, was diese junge Frau, die obendrein kein Studium absolviert hatte, im afrikanischen Busch gesehen zu haben glaubte. Das Misstrauen der männlichen Kollegen war groß.

Natürlich war das sensationell. Man muss sich vorstellen, die damaligen Vorstellungen, wie definieren wir Menschen, die waren eher materiell geprägt. Menschen unterscheiden sich von anderen Tieren dadurch, dass sie Werkzeuge gebrauchen. Und dann kam Jane Goodall und sagte: 'Meine Schimpansen benutzten auch Werkzeuge!' Das war natürlich unglaublich spektakulär, und hat auch unser Verständnis von der Evolution von Primaten und dann eben speziell des Menschen deutlich verändert, ist ja klar., erklärt Julia Fischer, Professorin am Deutschen Primatenzentrum Götingen und an der Universität Göttingen.

Bis heute setzt sich Jane Goodall für die Erhaltung der Natur ein (Foto: dpa Bildfunk, EPA/ZSOLT SZIGETVARY HUNGARY OUT -)
Bis heute setzt sich Jane Goodall für die Erhaltung der Natur ein EPA/ZSOLT SZIGETVARY HUNGARY OUT -


Diese Besonderheit, dass sie ohne Ausbildung, einfach nur mit einem großen Naturinteresse und einer großen Liebe zur Natur da rausgegangen ist als sehr junge Frau, das hat ihr auch glaube ich ermöglicht, Dinge zu sehen, die vielleicht jemand, der vorher durch so eine Schule gegangen ist und normiert worden wäre, vielleicht nicht so gesehen hätte. so Julia Fischer.

Namen statt Nummern

Deshalb war es für Jane Goodall auch etwas ganz Selbstverständliches, dass sie den Schimpansen Namen gab und keine Nummern, wie es damals eigentlich üblich gewesen wäre. Julia Fischer:
Sie hat, glaube ich, vieles verändert in der Weise, wie wir Tiere betrachten. Und dass sie den Tieren zugestanden hat, dass wir sie als Subjekte betrachten und nicht als Objekte. Das war etwas, was fundamental die Verhaltensbiologie verändert und beeinflusst hat. Es gibt natürlich auch viele Leute, die das sehr kritisch sehen, aber ich glaube, dass sie damit wirklich eine Tür weit aufgestoßen hat, was bis heute eine nachhaltige Wirkung hat.

Ausgeprägtes Sozialverhalten

Jane Goodall sah in jedem einzelnen Schimpansen eine eigene Persönlichkeit und beschrieb nach und nach ein ausgeprägtes Sozialverhalten, das dem des Menschen sehr ähnlich ist, etwa die enge Bindung zwischen der Mutter und ihrem Nachwuchs. Die Mütter kümmern sich bis zu sechs Jahre intensiv um ihre Kinder.

Flint, das Neugeborene von Flo, war das erste Baby, das ich beim Aufwachsen beobachten konnte. Das war etwas Besonderes.

Schimpansen essen auch Fleisch

Im Laufe der Zeit fand Jane Goodall außerdem heraus, dass Schimpansen Fleisch essen: Schimpansen-Männchen machen Jagd auf kleinere Affenarten und teilen hinterher die Beute untereinander und mit so manchem Weibchen, manchmal jedenfalls. Die Menschenaffen können aber auch Artgenossen töten, etwa wenn sie ihr Territorium in Gefahr sehen, wie in den 70er-Jahren in Gombe geschehen. Jane Goodall musste sich damals eingestehen, dass Schimpansen auch in diesem Punkt dem Menschen sehr ähnlich sind.

Von der Verhaltensforscherin zur Umweltschützerin

Inzwischen besteht die Forschungsstation im Gombe-Nationalpark seit etwa 60 Jahren. Seit 1986 ist Jane Goodall aber nur noch selten und für wenige Tage im Jahr in Gombe. Damals hat sie nach einer Konferenz ihr Leben komplett umgekrempelt: von der Verhaltensforscherin zur Umweltschützerin. Sie setzt sich seitdem für den Erhalt der Lebensräume ein, ohne deren Schutz die bedrohten Schimpansen und viele andere Tiere zum Aussterben verurteilt sind. Dabei bindet sie immer auch die Bevölkerung vor Ort mit ein.

Vor allem setzt Jane Goodall auf die junge Generation: 1991 rief sie eine Kinder- und Jugendorganisation ins Leben, die es mittlerweile in über 130 Ländern gibt. Ihr Motto: Jeder kann die Welt zu einer besseren machen.

Jeden Tag kann jeder von uns etwas verändern. Und es liegt an uns zu entscheiden, welche Art von Veränderung wir umsetzen!

Jane Goodall wird sich auch in Zukunft für einen lebenswerten Planeten einsetzen. Da bleibt wenig Zeit für einen Besuch im Gombe-Nationalpark, wo alles angefangen hat. Aber wenn sie mal dort ist, besteht sie darauf, einen Tag allein im Wald bei den Schimpansen verbringen zu können.

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