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alexithymie

Maskenhafte Emotionen Die Ursachen der Gefühlsblindheit

Zehn Prozent der Deutschen sind gefühlsblind. Das bedeutet, sie können ihre eigenen Gefühle weder erkennen noch aussprechen. Der Fachausdruck dafür lautet: Alexithymie. Gefühlsblinde Menschen können sich in der Gesellschaft nur schwierig zurechtfinden.

Gleich vorneweg. Gefühlsblind zu sein heißt nicht keine Gefühle zu haben. Aber Menschen mit Alexithymie können sie nicht erkennen und auch nicht beschreiben. Das führt dazu, dass Gefühlsblinde Körperreaktionen oder Schmerzen, die in Stresssituationen entstehen, nicht mit ihren Emotionen in Verbindung bringen. Das kann auf Dauer krank machen.

Alexithymie-Forscher Matthias Franz von der Uniklinik Düsseldorf erklärt, dass Gefühlsblinde - ähnlich wie Kleinkinder - nicht feststellen können, ob sie traurig, wütend oder ängstlich sind. Sie sagen eher: "ich habe Bauchschmerzen oder Rückenweh und weiß gar nicht, warum."

Säuglinge nehmen Gefühle ihrer Mitmenschen wahr

Bisher sind noch nicht alle möglichen Ursachen für Alexithymie erforscht, es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten

Eine Ursache für Gefühlsblindheit liegt in der Kindheit

Häufig sind Gefühlsblinde als Baby oder Kleinkind nicht besonders feinfühlig behandelt worden. Ihre Eltern haben auf ihre Bedürfnisse nicht liebevoll reagiert haben.

Dann ziehen sich Kinder ihren Bezugspersonen zuliebe zurück. Und das kann, aus entwicklungspsychologischer oder aus bindungstheoretischer Sicht, eine Eintrittspforte in eine Alexithymie sein.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Der Bereich der Gefühlsblindheit ist da noch nicht weiter erforscht.

Gefühlsblinde gestikulieren auch anders

Die Gestik der Gefühlsblinden unterscheidet sich von anderen Menschen. Das hat Professorin Hedda Lausberg aus Köln herausgefunden. Sie gestikulieren deutlich sparsamer. Außerdem gestikulieren die gefühlsblinden Männer bei emotionalen Themen anders als alexithyme Frauen. Dabei reduzieren Frauen eher ihren Ausdruck, die Männer werden stattdessen motorisch unruhig.

Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht

Alexithyme Männer gestikulieren – sofern es um emotionale Themen geht – anders als alexithyme Frauen

Irritation und gegenseitige Verunsicherung durch reduzierte Mimik

Professor Matthias Franz untersucht in einer aktuellen Studie die Mimik von Gefühlsblinden. Denn Gefühlsblinde können Affektsignale anderer Menschen nur schwer deuten und reagieren daher auch nur sehr sparsam und eher unsicher mit eigener Mimik.

Das "emotionale Aquaplaning" der Gefühlsblinden löst beim Gegenüber oft Irritationen aus. Das wiederum merken ja auch die Gefühlsblinden. Sie wissen zwar nicht warum, aber sie bemerken die Verwirrung. Das löst auf die Dauer psychosozialen Stress aus.

Angst

Alexithyme registrieren, dass um sie herum etwas geschieht – auch wenn sie nicht genau wissen, was

Gefühlsblinde neigen dazu andere zu imitieren um nicht aufzufallen

Viele Alexithyme setzen sich gewissermaßen eine Maske auf, um im sozialen Umfeld nicht anzuecken: Sie kopieren die emotionalen Reaktionen von anderen.

Gefühlsblinde sind in ihrem Alltag also dauerhaftem Stress ausgesetzt. Ein Zustand, der der Gesundheit der Betroffenen schadet: Alexithymie hängt nachweislich mit einer Vielzahl von Erkrankungen zusammen. So sind Gefühlsblinde häufiger drogenabhängig als die Durchschnittsbevölkerung. Sie leiden auch öfter an anderen Süchten wie Essstörungen.

Auch psychosomatische Beschwerden wie dauerhafte Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder das Reizdarmsyndrom Morbus Crohn stehen in Zusammenhang mit der Gefühlsblindheit.