Bitte warten...

Vorbeugung mit Antikörpern Aimovig: Neues Mittel gegen Migräne

In den USA ist das neue Mittel gegen Migräne bereits ein Bestseller, in Deutschland soll es im November in die Apotheken kommen. Fachleute sprechen von einer Revolution der Migränebehandlung. Das Medikament heißt Aimovig und wird von den Firmen Amgen und Novartis vertrieben. Was bringt es, wie wirkt es - und wird es von den Krankenkassen übernommen?

Was ist das besondere an diesem Medikament?

Das Besondere für die Patienten ist vor allem die Art der Anwendung. Man nimmt es nicht, wenn man akut Migräne hat, sondern man spritzt es - vorbeugend - einmal im Monat unter Haut. Das kann man nach einer Einweisung auch selber machen. Auch Drei-Monatsspritzen sind möglich.

Das Medikament enthält den Wirkstoff Erenumab - wie wirkt der?

Man weiß seit Jahren, dass Migräne ganz tief innen im Gehirn entsteht, im Hirnstamm.

Aimovig - neues Mittel gegen Migräne

Aimovig - neues Mittel gegen Migräne

Schuld ist der Botenstoff CGRP. Er weitet Blutgefäße im Gehirn und führt auch zu Entzündungsreaktionen. Das wiederum verursacht die Migräneschmerzen. Bisher ist es nicht gelungen, diesen Botenstoff zu stoppen. Doch der neue Wirkstoff Erenumab kann das. Es ist ein Antikörper, der an den Botenstoff andockt und ihn gewissermaßen ausbremst. Dadurch wird die Migräne unterdrückt.

Noch zwei weitere ähnliche Antikörper stehen kurz vor der Zulassung in Europa. Gerade für Patienten mit häufigen Anfällen ist das eine vielversprechende Entwicklung.

Wie schnell wirkt die Spritze?

Die neuen Spritzen gegen Migräne wirken dagegen oft schon nach einigen Tagen, spätestens aber nach vier Wochen ist die Wirkung spürbar - deutlich schneller als herkömmliche Präparate. Und die Erenumab-Spritzen haben deutlich weniger Nebenwirkungen.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Die häufigste sind Schmerzen rund um die Injektionsstelle und Verstopfung, aber diese Nebenwirkungen betrafen deutlich weniger als 5 Prozent der Versuchspersonen.

Video: Die Physiologie eines Migräne-Anfalls

1:02 min | Do, 8.1.2015 | 22:00 Uhr | odysso - Wissen im SWR | SWR Fernsehen

Mehr Info

Physiologie: Migräne-Anfall

SWR odysso

Bei Migränepatienten ist eine bestimmte Region am Hirnstamm überreizt. Botenstoffe lösen eine Entzündungsreaktion aus, wodurch die Hirnhautarterien schmerzhaft anschwellen.

Gibt es Tests? Ist Aimovig für alle Migräne-Patienten geeignet?

Es kommt vor allem für diejenigen in Betracht, die stark und oft unter Migräne leiden. Das heißt konkret: Erwachsene, die im Schnitt mindestens 4 Tage im Monat Migräne haben. Das jedenfalls empfiehlt die europäische Zulassungsbehörde. Denn gerade bei den Menschen mit chronischer Migräne zeigt Aimovig die größten Erfolge.

Klinische Studien haben gezeigt: Nach drei Monaten Behandlung ging die Zahl der Migränetage im Monat deutlich zurück. Bei den meisten Versuchspersonen um mehr als die Hälfte, bei manchen war die Migräne dann sogar ganz weg.

Aber es gab auch welche, etwa 20 Prozent, bei denen hat das Medikament nicht angeschlagen.

Frau leidet an Migräne

Migräne ist ein relativ weit verbreitetes Phänomen. Das neue Medikament soll da ansetzen, wo der Schmerz im Kopf entsteht.

Was sagen Experten?

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft spricht von einem "entscheidenden Fortschritt bei der Vorbeugung von Attacken".

Sie empfiehlt aber Zurückhaltung. Denn der Botenstoff CGRP erweitert nicht nur Blutgefäße im Kopf, sondern im ganzen Körper – auch in Notsituationen wie beim Herzinfarkt. Ihn zu blockieren könnte also riskant sein. In den Studien schien das unproblematisch, aber wie sicher die neuen Migränespritzen auf lange Sicht sind, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Das Medikament soll Stand heute im November in Deutschland erhältlich sein. Müssen Betroffene es selbst zahlen oder übernehmen die Kassen die Kosten?

Genau da laufen noch Verhandlungen. Das ist auch ein Grund, weshalb das Medikament bei uns noch nicht auf dem Markt ist – anders als zum Beispiel in der Schweiz, weil die Kassen hier mit den Herstellern noch diskutieren. Der Punkt ist nämlich: Das Medikament ist sehr teuer. Eine Spritze kostet in der Schweiz umgerechnet etwa 500 Euro.

500 Euro kostet die Therapie also pro Monat – das ist eine Menge Geld. Das werden die Kassen nicht für jeden bereit sein zu zahlen, der oder die gelegentlich mal Migräne hat. Vermutlich werden sie sagen: Das übernehmen wir nur bei Patienten, die erstens wirklich mehr als 4 Migränetage im Monat haben und zweitens bei denen andere Medikamente nicht wirken. Also: Aimovig wird es sicher nur auf Rezept geben, aber nur für Patienten mit schwerer Migräne. Und die Kassen werden vermutlich auch nur in bestimmten Fällen die Kosten übernehmen.